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Tierschutz: Nur einheitliche Regeln sind gute Regeln

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09.02.2010
 

Ferkel
Der Bericht zum Thema Tierschutz, den unter Federführung der Schwedin Marit Paulsen entstand, löst in Brüssel ein breite Diskussion aus

Beim Tierschutz ist die richtige Balance zwischen den Erwartungen der Verbraucher und den Ansprüchen der Landwirte wichtig. Das hat die stellvertretende Leiterin der Brüsseler Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher, Paola Testori Coggi, unterstrichen. Die EU-Kommission arbeitet derzeit an Vorschlägen zur Überarbeitung der Tierschutzvorschriften in Europa, die für Anfang 2011 erwartet werden. Testori Coggi erklärte am vergangenen Donnerstag in Brüssel, bei einer Neugestaltung der EU-Vorschriften müsse man sicherstellen, dass die Tierproduktion in Europa rentabel bleibe. Anlass war ein Expertengespräch im EU-Parlament, zu dem die schwedische Liberale Marit Paulsen eingeladen hatte, deren Initiativbericht zum Thema Tierschutz derzeit im Umweltausschuss des Hohen Hauses diskutiert wird. Testori Coggi pochte auf die Umsetzung bestehender Vorschriften in den Mitgliedstaaten. Es sei von größter Wichtigkeit, dass EU-Regeln in allen Teilen der Gemeinschaft durchgesetzt würden - nicht nur unter ethischen Gesichtspunkten aus Respekt gegenüber den Tieren, sondern auch um negative Konsequenzen auf den Binnenmarkt zu vermeiden.

Thema beim Agrarrat

Die Italienerin kündigte an, den Austausch mit Interessengruppen erhöhen zu wollen. In diesem Zusammenhang verwies sie auf ein Seminar zum Tierschutz in der Schweinehaltung, das von ihrer Generaldirektion im November 2009 mit Teilnehmern aus der gesamten Verarbeitungskette veranstaltet wurde. Solche Treffen wolle man auch 2010 veranstalten. Man müsse die Entwicklung der Tierschutzvorschriften an den Stand der Wissenschaft und die Vermarktungsbedürfnisse anpassen. Als Wegweiser erinnerte sie an den Kommissionsbericht vom vergangenen Oktober, in dem insbesondere die Möglichkeiten eines freiwilligen Tierschutzlabels sowie die Einrichtung eines europäischen Netzes von Referenzbehörden diskutiert werden. Dieser Report wird auch beim nächsten Agrarrat am 22. Februar diskutiert.

Antibiotikafreie Landwirtschaft gefordert

Prof. Ivar Vågsholm von der Schwedischen Landwirtschaftsuniversität in Uppsala ging in seinem Vortrag auf das Problem wachsender Antibiotikaresistenzen von Krankheitserregern ein. In der Landwirtschaft dürfe die Verabreichung von Antibiotika nicht als Ersatz für artgerechte Tierhaltung dienen, betonte Vågsholm. Intensive Haltungsformen mit hoher Tierdichte zeugten nicht von guter landwirtschaftlicher Praxis. Sie stellten vielmehr ein erhöhtes Risiko für Bakterieninfektionen dar, die zu Durchfall, Husten oder Mastitis führten. Viruserkrankungen wiederum könnten andere Infektionen nach sich ziehen. Klinische Symptome würden oft mit Antibiotika behandelt, um die wirtschaftlichen Verluste zu begrenzen. Die daraus folgenden Resistenzbildungen seien nicht nachhaltig. Langfristig wirke sich das auch auf die Volksgesundheit aus.

Der Wissenschaftler nannte unter anderem bestimmte Stämme von Staphylokokken, Salmonellen oder auch Tuberkuloseerregern als Beispiele für Bakterien, deren Bekämpfung Ärzte heute vor Probleme stelle. Der Schwede rief zur Entwicklung einer antibiotikafreien Tierhaltung auf. Um den Einsatz der Medikamente weniger attraktiv zu machen, schlug Vågsholm vor, auf den Produktpreis einen Risikozuschlag zu erheben. Man müsse sich des Problems rechtzeitig annehmen, bevor es zu groß werde.

Keine neuen Siegel ohne Not

Der stellvertretende Präsident des britischen Bauernverbandes (NFU), Meurig Raymond, warnte anlässlich des Paulsen-Berichts vor der überstürzten Einführung einer allgemeinen EU-Tierschutzregelung. Zuerst müsse man eine vollumfängliche, transparente Untersuchung unter Berücksichtigung bestehender nationaler Vorschriften durchführen. Ein solcher Vorschlag müsse dem Kosten-Nutzen-Aspekt Rechnung tragen und wissenschaftlich fundiert sein. Unter Verweis auf britische Befragungen hob Raymond das große Verbraucherinteresse an Herkunftskennzeichen für Fleisch- und Milchprodukte hervor. Solche Gütesiegel müssten jedoch akkurate, leicht verständliche und relevante Hinweise liefern, damit Konsumenten informierte Kaufentscheidungen treffen könnten. Mit Blick auf bereits vorhandene nationale Label zeigte sich der NFU-Vertreter nicht überzeugt, dass die Einführung weiterer Kennzeichen Ziel führend sei. Im Gegenteil führe dies möglicherweise nur zur Verwirrung der Verbraucher.

Tierschutzleistungen vergüten

Vor dem Hintergrund eines Investitionsbedarfs in den Bereichen Tiergesundheit und Tierschutz auf den Betrieben verlangte Raymond mehr finanzielle Unterstützung sowohl von den Mitgliedstaaten als auch durch die EU. Andernfalls werde die europäische Landwirtschaft anfälliger für neue Tierkrankheiten und der Konkurrenz billiger, weniger stark regulierter Importe schutzlos überlassen. Das bedrohe die Lebensfähigkeit der ländlichen Räume. Politik und Verbraucher müssten anerkennen, dass die Verbesserung der Tierschutzsysteme Investitionen erfordere. „Ich habe bislang noch wenig davon gesehen, wie dieser Befund in eine echte Vergütung durch die Lebensmittelkette umgewandelt werden kann“, so Raymond. Dieser Debatte müsse Vorrang eingeräumt werden. Zum Thema Antibiotikaeinsatz erinnerte der Brite an die 2005 eingerichtete Europäische Plattform für den verantwortungsvollen Umgang mit Tierarzneimitteln (EPRUMA), die vom Berufsstand unterstützt wird. Das Auftreten von Antibiotikaresistenzen sollte ernst genommen werden. Gleichzeitig müsse man jedoch auch dringend benötigte Medikamente weiter benutzen können. Daten aus Großbritannien zeigten, dass Antibiotika deutlich stärker im Bereich Haus- und Hobbytiere als in der Nutztierhaltung eingesetzt würden.

Kosten weitergeben

Die EU-Ausschüsse der Bauernverbände (COPA) und ländlichen Genossenschaften (COGECA) begrüßten das Expertengespräch, fordern aber die wissenschaftliche Fundiertheit künftiger EU-Vorschriften und die Anwendung der Standards auf Importe. COPA/COGECA-Generalsekretär Pekka Pesonen monierte in einer Stellungnahme, die Tierschutzdebatte werde oft überaus leidenschaftlich auf Basis voreingenommener Information geführt. Die Gesetzgebung der EU müsse sich auf wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse gründen und durch eine Folgenabschätzung begleitet werden, die den sozioökonomischen Kosten und den Auswirkungen auf die Wirtschaft Rechnung trage. Die Konsultation der Interessengruppen sei von ganz entscheidender Bedeutung. Die Kosten strengerer Tierschutzstandards müssten an alle Akteure in der Lebensmittelkette weitergegeben werden, also auch an die Verbraucher. Der Vorsitzende der COPA/COGECA-Arbeitsgruppe „Tiergesundheit und Tierschutz“, Per Olsen, ergänzte, einige Fragen des Paulsen-Berichts sollten im Rahmen der Tiergesundheitsstrategie der EU behandelt werden.


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