Sind Flüchtlinge die neuen Sklaven in der Landwirtschaft?

Unter dem Titel „Europas neue Sklaven“ berichtete die ZEIT am Montag über Flüchtlinge in Europa, die unter „schlimmsten Bedingungen zum Nutzen der Agrarindustrie“ arbeiten müssten. Gewerkschaften würden schon vor moderner Sklaverei warnen.

Unter dem Titel „Europas neue Sklaven“ berichtete die ZEIT am Montag über Flüchtlinge in Europa, die unter „schlimmsten Bedingungen zum Nutzen der Agrarindustrie“ arbeiten müssten. Gewerkschaften würden schon vor moderner Sklaverei warnen.

Beispielsweise erinnert die Zeitung an einen Sudanesen, der bei 40 Grad Hitze auf einem Tomatenfeld in Italien beim Pflücken im Akkord starb. Mit 80 anderen Landarbeiter habe er auf dem Boden einer 20 Quadratmeter großen Baracke schlafen müssen. Fließend Wasser, Strom oder Toiletten gab es dort nicht. Rundherum jede Menge Müll. Die Toilette war das Feld.

Laut der ZEIT sei dies relativ gängige Praxis auf Europas Feldern: Zwölf-Stunden-Schichten, Sechs-Tage-Woche, für einen Hungerlohn ohne Arbeitsvertrag – verzweifelte Flüchtlinge akzeptierten fast alles, wenn es ums Überleben geht. Viele Landwirte in Südeuropa seien längst Profiteure der Not, die gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise mit den konkurrierenden Arbeitskräften ihre Geschäfte machen.

In der landwirtschaftlichen Massenproduktion europäischer Großunternehmen würden jeden Tag Hunderttausende schuften, ebenso in Fleischfarmen, Schlachtereien, Treibhäusern und Fabriken. Ohne Rechte, ohne Pausen, ohne Schutzbekleidung gegen Pestizide, Gestrüpp, schwere Lasten oder Tierseuchen, bei extremen Temperaturen. Sie sorgten dafür, dass wir mit günstigen Tomaten, Erdbeeren, Wein, Oliven, Spargeln oder Fleisch versorgt sind, prangert die Zeitung weiter an.

Was arbeitsrechtlich bei den eigenen Bürgern undenkbar wäre, wäre bei Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung oder Arbeitspapiere an der Tagesordnung. Das Phänomen sei keineswegs neu, schon seit Jahren würden Menschen auf diese Weise ausgebeutet. Früher waren es vor allem Polen, Rumänen oder Bulgaren. Die gebe es immer noch, neu aber sei, dass durch steigende Flüchtlingszahlen noch mehr Notleidende um die miesen Jobs konkurrieren, sich Löhne und Konditionen noch weiter drücken lassen.

Gewerkschaften aus Italien, Frankreich oder Deutschland warnen inzwischen vor Formen der modernen Sklaverei. In der Agrarindustrie werde der Gewinn maximiert, indem die Kosten für die menschliche Arbeitskraft so tief gedrückt würden wie möglich. Der Lohn der Erntehelfer könne bis zu 60 % der gesamten Produktionskosten ausmachen: Allein die Zahl macht klar, wie sehr sich Lohndumping und miserable Unterkünfte lohnen. Allein in Großbritannien würden dadurch jährlich umgerechnet knapp 2,5 Mio. Euro gespart.

So funktioniert die Ausbeutung

Viele Unternehmer seien sehr erfinderisch, wenn es darum geht, die Mindestlöhne zu umgehen. Zum Beispiel, indem sie nur die Leistung honorieren oder gar nicht erst für legale Arbeitsverhältnisse sorgen. Durchschnittlich kommen Saisonarbeiter dann auf 2 bis 3,50 Euro die Stunde und müssen dafür im Akkord ackern. Überstunden werden nicht bezahlt.

Sogar an diesem Lohn lässt sich noch schrauben. Eine gängige Methode ist es, Mittelsmänner die Arbeiter organisieren und zum Einsatzort transportieren zu lassen. Hierfür werden exorbitante Gebühren fällig, genauso wie für die schäbige Unterkunft oder manchmal auch für eine "Arbeitslizenz" – in Frankreich beispielsweise gibt es die für 8.000 Euro. Auch werden Strafen vom Lohn abgezogen, etwa in den Niederlanden für ein geöffnetes Fenster im Treibhaus. Eine Matratze schlägt in Italien mit rund 80 Euro Miete monatlich zu Buche. Essen ist da noch nicht eingerechnet. Die "Unterkünfte" können Zelte sein, wie in Frankreich, Container oder Bauruinen, wie in Portugal, oder einfach gar nichts, wie in Griechenland. Hier müssen Feldarbeiter selbst für ihre Schlafgelegenheit sorgen, mit Plastikplanen und allem, was der Acker hergibt.

In Griechenland konnte so die Erdbeerproduktion in einigen Jahren um 70 % gesteigert werden, schreibt die ZEIT weiter. Deutschland habe sich zum größten Schlachthaus Europas entwickelt, mit jährlich knapp 60 Mio. Schweinen, 4 Mio. Rindern und 1 Mio. Schafen. Und die Niederlande setzen auf die Art jedes Jahr Agrarexporte für 65 Mrd. Euro ab.

Durch Vermittlungs-, Transport- und Mietkosten sowie Verschuldungsverhältnisse arbeiten manche Erntehelfer umsonst. Die Zeitung meint, solange die europäische Öffentlichkeit nur Schlepper als Menschenhändler ins Visier nimmt, könnten die kriminellen Arbeitsvermittler im Schatten der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit in aller Ruhe ihren Geschäften nachgehen.

Doch sind es wirklich nur Kriminelle, die an solchen Praktiken Schuld sind – Mittelsmänner, Klein- und Großbauern, die Erntehelfer zu widrigsten Konditionen beschäftigen? Nicht auch Politik und Behörden, die wegschauen?, fragt die ZEIT. Seien es nicht auch profitgierige Lebensmittelfirmen und Discounter, die mit ihrer Preispolitik wenig Spielraum für bessere Arbeitsbedingungen lassen? Oder Konsumenten, die für einen günstigen Preis alles in Kauf nehmen?

Wann steigen die Milchpreise?

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