"Wir haben Agrarindustrie satt": Demonstranten forderten Systemwechsel

In Berlin fand heute die Demonstration „Wir haben es satt!“ statt, bei der 25.000 Menschen durch das Regierungsviertel zogen und einen Systemwechsel in der Landwirtschaftspolitik forderten. Ilse Aigner und Joachim Rukwied reagierten mit Unverständnis auf die Proteste und sprachen von "abwegiger Kritik" und "einer Aktion der Uneinsichtigen".

In Berlin fand am Samstag anlässlich der Grünen Woche und des internationalen Agrarministertreffens zum 3. Mal die Großdemonstration „Wir haben Agrarindustrie satt!“ statt. Nach Angaben des BUND zogen 25.000 Menschen sowie 70 Schlepper durch das Regierungsviertel und forderten lautstark einen Systemwechsel in der Landwirtschaftspolitik. Die Berliner Polizei sprach nach Angaben des Tagesspiegels von 15.000 Demonstranten.

„Lasst uns gemeinsam eine Ernährungswende einfordern!“, rief Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), zu Beginn des Marsches den Teilnehmern zu. Scharf kritisierte er die Darstellung der Vertreter von Ernährungsindustrie und Bauernverband auf der Grünen Woche: „Wer vorgibt, in Ackerbau und Tierhaltung sei alles in bester Ordnung und das einzige Problem bestehe darin, das der Öffentlichkeit verständlich zu machen, der hat die Realität nicht wahrgenommen!“ 

Von der Politik forderte Löwenstein klare Aussagen zur Zukunft der Landwirtschaft, die seiner Meinung nach nur ökologisch und bäuerlich sein kann. Deshalb dürften die EU-Agrarmilliarden nicht länger mit der Gießkanne ausgeschüttet werden. Landwirtschaftsministerin Aigner solle sich daher für einen strikten Greening-Kurs einsetzen.

BMELV und Bauernverband: "Abwegige Kritik der Uneinsichtigen"

Bundesagrarministerin Ilse Aigner reagierte mit Unverständnis auf die Proteste. "Die Kritik ist abwegig. Wer eine Agrarwende fordert, muss sehen, was Deutschland hier schon geleistet hat", sagte sie auf Nachfrage von top agrar-Online.

"Wir sind bei der Ökologisierung der Landwirtschaft weiter als die meisten Staaten Europas." Deutschland habe die Modernisierung der Landwirtschaft entschlossen vorangetrieben und setze auf regional einheitliche Hektarprämien.

Und DBV-Präsident Joachim Rukwied erklärte, die Demonstration sei eine Aktion der Uneinsichtigen. Die deutschen Landwirte seien bereit, mit der ganzen Gesellschaft über die Tierhaltung und den Ackerbau zu reden. Die vollständige Stellungnahme der beiden lesen Sie hier...

Weiger: Hinter Grüner Woche verbirgt sich Tierleid

Der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), Hubert Weiger, forderte am Ende des Zuges bei der Abschlusskundgebung vor dem Kanzleramt neue Weichenstellungen in der Agrarpolitik. Man dürfe sich von der Grünen Woche nicht blenden lassen. „Hinter dem schönen Schein der Messestände verbirgt sich millionenfaches Tierleid.“

Johanna Böse-Hartje vom Bundesverband der Deutschen Milchviehhalter beklagte, der Weg der wirtschaftlichen Liberalisierung führe zur Vernichtung bäuerlicher Betriebe. Kirchliche Hilfswerke kritisierten zudem die Auswirkungen der EU-Politik auf Entwicklungsländer. Klaus Seitz, Leiter der Politikabteilung von „Brot für die Welt“, erklärte: „Die heutige Agrarpolitik Europas bedroht die Existenz vieler Bauernfamilien in den armen Ländern.“

Uschi Helmers vom Bündnis „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ erklärte, es dürfe „den Politikern nicht egal sein, wenn ausländische Arbeiter für drei Euro fünfzig Cent Stundenlohn in deutschen Schlachthöfen ausgebeutet werden oder dass für unser Tierfutter der Regenwald in Südamerika abgeholzt wird“.

Unterdessen hat die Deutsche Bank bekanntgegeben, auch künftig Finanzanlagen auf der Basis von Agrarprodukten anzubieten. Man sei „nach umfangreicher Prüfung und der Auswertung zahlreicher Untersuchungen“ zu dem Ergebnis gekommen, „dass es kaum stichhaltige empirische Belege für die Behauptung gibt, die zunehmende Bedeutung von Agrarfinanzprodukten sei für Preissteigerungen oder erhöhte Preisschwankungen verantwortlich“, heißt es heute in Presseberichten.

Hintergrund

Getragen wird die Veranstaltung von 35 Organisationen vornehmlich aus den Bereichen Umwelt- und Tierschutz sowie der Landwirtschaft. Die Initiatoren fordern einen Systemwechsel in der deutschen und europäischen Agrar- und Ernährungspolitik. Ihrer Auffassung nach führen die gegenwärtigen Bedingungen zu immer größeren Tierhaltungsanlagen zu Lasten des Tierschutzes und des Umweltschutzes.

Ökologische Alternativen zur industriellen Landwirtschaft lohnten zunehmend weniger, weil industrielle Produktion und Überproduktion die Preise für Bauern ruinierten, heißt es. Kritisiert werden zudem ein Rückgang der Artenvielfalt, zunehmende Spekulationen mit Boden und Nahrungsmitteln sowie die Nutzung von Getreide als Biokraftstoff.

Dem Bundeslandwirtschaftsministerium wird vorgeworfen, es blockiere die Reform hin zu einer ökologischeren und sozialeren EU-Agrarpolitik. Gefordert werden eine bäuerlich-nachhaltige Landwirtschaft und einer Abkehr von der agrarindustriellen Produktion. (ad)

Fotos

Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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