Interview

Wesjohann fordert Pflichtkennzeichnung für Fleischprodukte Premium

Deutschlands größter Geflügelfleischvermarkter konzentriert sich auf den heimischen Martkt und investiert massiv in fleischfreie Produkte. PHW-Chef Peter Wesjohann erklärt seine Strategie.

Herr Wesjohann, wie sind die Geschäfte 2018 für Sie gelaufen?

Wesjohann: Wir sind mit der Entwicklung zufrieden. Der Verbrauch an Geflügelfleisch steigt, und wir profitieren als Marktführer davon. Im Wirtschaftsjahr 2017/18 ist unser Umsatz um 4 % gestiegen.

Wird der Verzehr von Geflügelfleisch in Deutschland weiter steigen?

Wesjohann: Davon gehen wir aus. Unser Pro-Kopf-Verzehr ist im EU-weiten Vergleich immer noch niedrig.

Im Vergleich dazu sinkt der Schweinefleischverzehr seit Jahren. Was sind die Ursachen dieser gegenläufigen Entwicklung?

Wesjohann: Das Konsumverhalten ändert sich. Die junge Bevölkerung tendiert zu gesundem, leichtem und kalorienarmem Fleisch. Sie essen zwar weniger Fleisch, aber wenn dann meist Geflügel.

Ist der Geflügelfleischverzehr immun gegen die Diskussion um Tierwohl, Massentierhaltung, Sojaimporte etc.?

Wesjohann: Die Leute wissen, dass wir in Deutschland hohe Standards und beste Qualität bieten. Wir haben unser System immer weiter verfeinert und arbeiten in modernen Betrieben. Außerdem honorieren die Verbraucher unsere Aktivitäten, das Tierwohl stetig zu verbessern. Auch beim Thema Nachhaltigkeit stehen wir besser da als Schweine- oder Rindfleisch, weil unser CO2-Fußabdruck viel kleiner ist. Letztlich spielt aber auch der Preis eine Rolle. Nicht jeder kann und will viel Geld für Fleisch ausgeben. Da kann Geflügel punkten.

Welche Bedeutung hat der Export für die PHW-Gruppe?

Wesjohann: Wenn Sie den Export aus Deutschland heraus meinen, liegen wir bei ca. 20 %. Die Ware bleibt aber fast ausschließlich in der EU. Mit unseren hohen Standards sind wir selbst in der EU kaum wettbewerbsfähig. In Drittstaaten wird es noch schwieriger.

Ist das der Grund, warum Sie auch im Ausland investieren?

Wesjohann: Nein. Polen, Bulgarien und Holland sind interessante Märkte. Polen hat 40 Mio. Verbraucher und einen höheren Geflügelfleischverzehr pro Kopf als wir Deutschen. Gleiches gilt für Bulgarien und Benelux. Wir investieren in diesen Ländern für die jeweiligen Märkte, nicht um von dort Deutschland zu versorgen. Unser Kernmarkt ist und bleibt Deutschland.

Heißt das, Sie beliefern keine deutschen Kunden aus Polen heraus?

Wesjohann: Doch, aber das hat andere Gründe: In Deutschland landen 65 % des Geflügelfleischs im Großverbraucher- und Gastrobereich. Herkunft, Prozessqualität oder Tierwohl stehen hier nicht im Fokus. Es herrscht in diesem Segment ein hoher Wettbewerbsdruck. Da können wir teilweise nur mit preisgünstiger Ware im Geschäft bleiben.

Gibt es also doch eine schleichende Verlagerung Ihrer Aktivitäten ins Ausland?

Wesjohann: Wir haben in Deutschland keine Produktion zurückgefahren. Wir planen auch keine Verlagerung ins Ausland. Es gibt aber Teilbereiche, in denen wir mit deutscher Ware nicht wettbewerbsfähig sind und mit unseren polnischen Produkten einspringen. Das stabilisiert uns und damit auch unsere landwirtschaftlichen Partner.

Wächst Ihr Umsatz im Inland genauso schnell wie im Ausland?

Wesjohann: Der polnische Markt ist viel dynamischer. Allein 2019 gehen dort fünf bis sechs neue Schlachtereien ans Netz. Polen ist schon jetzt das mit Abstand größte Produktionsland für Geflügelfleisch in Europa.

..., die für Deutschland eine ernsthafte Konkurrenz ist.

Wesjohann: Klar ist das Konkurrenz. Polen hat viel niedrigere Lohn- und Baukosten. Den größten Vorteil haben sie bei der Besatzdichte mit 42 kg/m2. Wir in Deutschland dürfen nur 39 kg/m2 halten und die Betriebe der Initiative Tierwohl (ITW) sogar nur 35 kg/m2. Ich bin mir ziemlich sicher, dass uns Polen in den kommenden Jahren Marktanteile vor allem im Großverbraucherbereich wegnehmen wird.

Was wollen Sie dagegen tun?

Wesjohann: Als Unternehmen müssen wir uns richtig positionieren. Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH), der 35 % des Geflügelfleisches umsetzt, führt ja vornehmlich deutsche Ware und immer öfter auch Tierwohlware. Da müssen wir einen guten Job machen und guten Service bieten.

Wie groß ist der Druck durch Importfleisch aus Drittstaaten in die EU?

Wesjohann: Er ist da, aber er ist nicht neu. Thailand, Brasilien und zuletzt auch die Ukraine liefern Rohware für den Convenience-Bereich. Damit müssen wir leben. Solange keine Herkunft auf der Packung steht, ist dieser Bereich für uns kaum belieferbar.

Wie gut unterstützt die Bundesregierung die Exportaktivitäten der Branche?

Wesjohann: Die Regierung hat mittlerweile den Mehrwert von Exporten erkannt und ist aktiver als früher. Das begrüße ich.

Brauchen wir den Export überhaupt?

Wesjohann: Es gibt Teile vom Geflügel, die hier nicht gebraucht werden, aber woanders begehrt sind. Diese Exporte zerstören auch keine lokalen Märkte, wie oft behauptet wird, weil der Bedarf in diesen Ländern viel größer ist als das ...

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Dr. Ludger Schulze Pals

Leitung Landwirtschaftsverlag Münster GmbH

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Andreas Beckhove

Redakteur Markt

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von Erwin Schmidbauer

Marketing

Wesjohann fordert das nicht aus Altruismus sondern weil er ganz klare Absatzüberlegungen hat. Immerhin bietet er Produkte mit höheren Standards an, die ihm der Verbraucher, entgegen seiner Beteuerungen aus Umfragen, eben gerade nicht aus den Händen reisst. Und so hofft er, seinen Absatz vielleicht doch etwas anzukurbeln.

von Rudolf Rößle

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und Aquakulturen. Dort werden auch Haltungsauflagen kommen.

von Jens Geveke

"In Deutschland landen 65 % des Geflügelfleischs im Großverbraucher- und Gastrobereich. Herkunft, Prozessqualität oder Tierwohl stehen hier nicht im Fokus. Es herrscht in diesem Segment ein hoher Wettbewerbsdruck. Da können wir teilweise nur mit preisgünstiger Ware im Geschäft bleiben." Und wer ist dafür verantwortlich: Laut Politik der Landwirt, aber tatsächlich der Verbraucher, weil es ihm dort egal ist, selbst wenn das Hähnchen mit Zement gemästet würde, hauptsache der Preis stimmt.

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