Agrarrohstoffe haben sich zu einem beliebten Spekulationsobjekt entwickelt

Börse Im laufenden Jahr dürfte das Angebot an landwirtschaftlichen Rohstoffen erneut knapp ausfallen und damit Märkte und Preise entsprechend beeinflussen. Davon hat sich das DLG-Vorstandsmitglied Carl Christian von Plate, auf der Fachtagung „Agrarmärkte“ in Göttingen überzeugt gezeigt, bei der Experten die Marktaussichten für die Ernte 2011 erläuterten.

„Wir befinden uns unverändert in einem klassischen Wettermarkt, in dem die unterschiedlichen Wettermeldungen Unsicherheit bezüglich der zu erwartenden Erntemengen und damit auch für die Preisentwicklung bewirken“, fasste von Plate auf der DLG-Veranstaltung die aktuelle Situation zusammen. Fundamentale Daten, soweit man diese überhaupt mit ausreichender Sicherheit in Erfahrung bringen könne, seien nur zu mehr oder weniger kleinen Teilen für die Preisentwicklungen maßgeblich. Häufiger und viel entscheidender wirkten sich dagegen „Turboeffekte“ aus, die von „umhervagabundierendem“ Welt-Finanzkapital ausgingen. Anders als noch vor wenigen Jahren hätten sich Agrarrohstoffe zu einem beliebten Spekulationsobjekt entwickelt, was Markt- und vor allem Preiseinschätzungen nicht leichter mache.
 

Ständige Gefahr der Blasenbildung

Mathias Schmid, Vorstand der Concord Capital AG, ging der Frage nach, welche Strategien Finanzinvestoren auf den Agrarmärkten verfolgen. Für die sogenannten Hedge-Fonds böten beispielsweise volatile Rohstoffmärkte ein beliebtes Anlageziel, weil kurzfristig hohe Renditen erreicht werden könnten. Als Vorteil für die Investoren sieht der Finanzexperte die zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft, die zu einer höheren Transparenz führe. „Die Suche nach Renditen treibt Investoren in die Agrarmärkte“, so seine Einschätzung. Die dabei entstehenden Risiken seien eine ständige Gefahr für eine kurzfristige Überbewertung, auch Blasenbildung genannt.
 

Situation an den Agrarmärkten komplett gedreht

Prof. Harald von Witzke von der Universität Berlin sieht „das Ende der landwirtschaftlichen Tretmühle“ gekommen. Die Situation an den Agrarmärkten habe sich komplett gedreht, denn die Nachfrage übersteige das Angebot und „Nahrungsmittelberge in teuren Lagerhallen“ seien passé. Von Witzke schätzt, dass bis 2020 eine Ausdehnung der weltweiten Ackerfläche um 7 % möglich sein könnte. Laut eigenen Untersuchungen aus dem Jahr 2008 sieht er in Europa ein zusätzliches Flächenpotential von 4 Mio ha; in Russland und der Ukraine erwartet er weitere 13 Mio ha, in den USA 15 Mio ha, in Kanada 2 Mio ha, in Lateinamerika 45 Mio ha und in Afrika 6 Mio ha. Für Australien und Asien geht er hingegen von einem Rückgang der Ackerfläche um zusammen 4 Mio ha aus.
 

Die Weltmarktpreise für Agrargüter sieht von Witzke weiter auf einem steigenden Ast. Dazu tragen seiner Ansicht nach neben dem knappen Angebot zusätzliche Faktoren bei, so etwa der Klimawandel und die steigenden Energiepreise. Zudem werde Wasser knapper und daher auch teurer. (AgE)