[19.09.2012]
Bankenviertel
Für viel Wirbel hat Ende Juli die Empfehlung des DBV gesorgt, dass die Milchbauern die Preise für einen Teil ihrer Milchmenge an Terminbörsen wie der EUREX bis zu 18 Monate im Voraus absichern sollten. So erhielten sie mehr Verhandlungsmacht und Gestaltungsspielraum, während der Milchpreis kalkulierbarer und stabiler werde, zeigte sich der Bauernverband überzeugt.
Bei unseren Lesern ist dieser Vorschlag allerdings auf Ablehnung gestoßen. „Es muss schon schlimm sein, wenn man als Verband die Mitglieder zum Zocken animieren muss, damit sie überhaupt Geld verdienen“, schrieb einer der Leser. Die Zahl derer, die an der Landwirtschaft verdienen wollten, würde immer größer, kommentierte ein anderer und flüchtete in Zynismus: „Gibt es inzwischen auch Rettungsschirme für Bauern, die sich verzockt haben?“ Richtig zornig wurde ein weiterer Bauer: „Die Milcherzeuger wollen endlich durch ihrer Hände Arbeit leben können und nicht Milch zum Nulltarif erzeugen und ihr Geld beim Börsenroulette gewinnen müssen. Wenn das alles ist, was euch einfällt, dann gute Nacht, Marie!!!“
Auch DIE ZEIT sieht das Thema kritisch. Zwar sei es richtig, dass sich die Milchbauern angesichts der Liberalisierung über die Weltmarktpreise an den Börsen informieren müssten. Und Warentermingeschäfte stabilisierten die Einnahmen und machen das Wirtschaften leichter. Doch die Börsenwelt sei kompliziert. Banken und Börsen offerierten Produkte mit fantasievollen Namen. Außer Futures gibt es Optionen und Swaps oder man kann long oder short gehen. Und dann würden noch Gebühren anfallen oder man müsse Sicherheiten hinterlegen oder frisches Geld nachschießen. Schnell könne der Landwirt hier von erfahrenen Börsenspekulanten ausgespielt werden.
Hans-Jürgen Seufferlein, Geschäftsführer des Bayerischen Milcherzeugerverbandes
„Man braucht einige Zeit, um das alles zu verstehen“, sagt Hans-Jürgen Seufferlein, Geschäftsführer des Bayerischen Milcherzeugerverbandes. Er hat ein spezielles Seminar am Kieler ife Institut für Ernährungswirtschaft absolviert. Seufferleins Eindruck im Moment ist noch, dass diese Instrumente für die Landwirte eher nicht geeignet sind. Der Bauer verkaufe Rohmilch und keine lagerfähige Ware. „Für Molkereien könnten sie hingegen durchaus interessant sein“, sagt er. Bislang werden nur Butter oder Milchpulver an den Börsen gehandelt. Im Übrigen, so Seufferlein, produzierten die meisten bayerischen Bauern mit im Schnitt 30 Kühen zu kleine Mengen, um an die Börse zu gehen. „In dieser Welt wird in ganz anderen Größenordnungen gedacht.“
Für Landwirte in Nord- und Ostdeutschland käme der Einstieg schon eher infrage, schreibt die Zeitung weiter. Auch Heinz Korte, Vizepräsident des Landvolks Niedersachsen, hat sich auf einem der Seminare schlau gemacht. Auf seinem Hof in Bremervörde stehen 200 Kühe. Für ihn sei es völlig neu gewesen, dass Bauern nicht nur die Preise für Getreide oder Schweinehälften, sondern auch den für Milch absichern können. Allerdings mahnt auch der Verbandsfunktionär zur Zurückhaltung. Das Thema sei viel zu komplex. Er würde niemandem empfehlen, über die eigene Milchmenge hinaus zu spekulieren. „Es geht nur um die Absicherung der Preise für die eigenen Produkte.“ Das sei etwas anderes als das, was Fonds und Banken täten, um Gewinne zu erzielen.
Korte will dennoch versuchen, einigen Berufskollegen die Lust am Spekulieren näher zu bringen. Die Eurex biete dazu Trainingsprogramme an. „Man muss gegenüber Neuem aufgeschlossen bleiben“, sagt er.
vgl.:
Eurex startet Handel mit Molkenpulver-Kontrakten (10.9.2012)
Diskussion über neue Milchpreissysteme (30.7.2012)
DBV fordert Preisabsicherung des Milchmarktes (27.7.2012)
Leserkommentare
Verantwortung
[19.09.2012]
Als GF des bayerischen Milcherzeugerverbandes S.g.H.Dr. Seufferlein ist es ehrenwert, wenn Sie sich mit dem Thema "Milchpreisfindung an der Börse" beschäftigen. Das allerdings ist zweitrangig, so lange wir Milcherzeuger unser "Über"-Mengenproblem nicht in den Griff bekommen. In einer Marktwirtschaft gilt immer noch der Grundsatz "Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis" und nicht Spekulationen an der Börse. Wir müssen endlich das Angebot der Nachfrage anpassen. Was ist denn all die Jahre passiert? Alle Fusionen von Geno-Molkereien (DMK usw.) brachten nachweislich keinerlei Erfolg für die Milcherzeuger. Jetzt rät man, diese Molkereien sollen an die Börse, wohl um dann Erfolg zu haben für "Ihre" Bauern? Das soll einer verstehen?
von beernhof
Unlogische Argumentation
[19.09.2012]
""Seufferleins Eindruck im Moment ist noch, dass diese Instrumente für die Landwirte eher nicht geeignet sind. [...] „Für Molkereien könnten sie hingegen durchaus interessant sein“, sagt er."" Interessante Sichtweise... Würde man jetzt der üblich propagierten Meinung folgen, dass die Genossenschaftsmolkereien den Landwirten gehören, das diese die Unternehmen der Landwirte sind, dann bleibt nur festzuhalten, dass Seufferleins Einschätzung, als Landwirt die Finger von solchen Spekulationen zu lassen GENAUSO auch für die Genossenschaftsmolkereien gilt! Es wäre eine völlig unlogische Argumentation, dass Genossenschaftsmolkereien als Unternehmen der Landwirte tun sollten wovon den Landwirten selber abgeraten wird... Leute, denkt mal drüber nach!
von detmarkleensang
An den Früchten werdet ihr sie erkennen.
[19.09.2012]
Wenn man sich das Datum (27.7.2012) ansieht, und die Preisentwicklung der Eiweißkomponenten weiß, so war jeden klar, dass das Milchaufkommen sinken wird. Eine Empfehlung vom DBV jetzt die Milchpreise für die nächsten 1 1/2 Jahre festzunageln zeigt eindeutig und unmissverständlich wessen Verband der DBV ist. Jedem der auch in Zukunft mit Milch (nicht von dem Milcherzeuger) leben will, muss wohl einsehen dass der beste Platz für Milchbauern der ist, der am weitesten vom DBV entfernt ist.
von Geißler Johannes
Ist einfach denken viel schwieriger?
[19.09.2012]
Gestern stand in der Zeitung,daß Pfeffer teuerer wird.Er wurde künstlich verknappt und somit stieg der Preis. Aber das Prinzip ist für "unsere Experten" zu einfach.
von rita#001
Sehr interessant!
[19.09.2012]
Der Herr Seufferlein widerspricht dem DBV. Evtl. wäre hier ein Kommentar von "wolfgangheinrich" angebracht.
von Dieter Müller
spekulieren...
[19.09.2012]
sicher...sicherer...abgesicherter...verspekuliert was soll so n müll für rohmilch bringen? außer das die milch nicht mehr vom hof abgeholt wird weil jeder mit der menge nur noch im internet und auf m papier zu tun haben will... ist das noch mit der gelernten version von landwirtschaft vereinbar? ihr bürokraten habt se ja nich alle...
von bernhardtv
Also die Bauern kapieren ja nicht mal wie der
[19.09.2012]
Börsenpreis beim Milchquote handeln ermittelt wird, wie wollen dann die armen Seelen mit Futures und sonstigem Fachchinesisch klar kommen. Aktien steigen solange,solange es mehr dumme wie Aktien gibt. Armer DBV wenn kapiert ihr, das Bauern in der Urproduktion stecken und nicht im Handel. Deshalb hat man auch ein Marktstrukturgesetz erlassen. So dumm war man früher nicht. Jetzt wo wir in den Handelsmarkt entlassen werden und es bräuchten wollt ihr es uns wegnehmen. Den Bullshit an den Börsen den brauchen wir warlich kurz vor dem Kollaps selbiger auch nicht mehr.
von Ghostbusters
keine Spekulanten
[19.09.2012]
Bauern sind keine Spekulanten und wollen damit auch nichts zu tun haben. An der Börse ist es wie am Spielautomaten.Es gewinnen immer erst mal andere. Einer von Hundert hat auch mal Glück und gewinnt mehr als er einzahlt.
von heipo
Wenn denn Herr Korte spekulieren mag
[19.09.2012]
Zocken kann man auch im Casino! Dringenderes Problem dürfte sein unseren Milchpreis zu stabilisieren aber nicht auf dem jetzigen Niveau, denn dann bedarf es sowieso keiner Börse mehr. Ansonsten fragen sioe mal die Bauern die im Frühjahr schon ihr Getreide per Kontrakt verkauft haben, ob die denn jetzt auch einen Nachschlag bekommen???
von Friesenkuh
Wenn denen nix besseres einfällt...Hauptsache erstmal abliefern soviel wie möglich!
[19.09.2012]
...wollen sie uns eine Ritterrüstung überstülpen und zum Glücksritt an der Börse von Chicago treiben. Man hat uns EU Milchbauern, ohne uns zu fragen Milliarden an Eigenkapital genommen. Ausgelöst durch den irrsinnigen Beschluss von DBV in Bamberg 2007. Nun bricht der globale Handel über uns herein, und es gibt absolut kein Instrument die Mengen in den Griff zu bekommen. Da nützt auch keine Preisabsicherung nix ! Sollte es funktionieren, die Märkte laufen voll, sind die Preise kurzfristig abgesichert, aber langfristig werden sie niemals steigen können, weil munter weiterproduziert wird, als wenn nichts wäre! Einzig die Molkereien könnten profitieren, aber nur wenn sie Glück haben bei der Spekulation mit unserem Geld!
von Hardthof
Zum Schreiben eines Kommentars loggen Sie sich bitte ein!