[07.06.2012]
Dr. Karl-Heinz Tölle ist Chefredakteur vom Wochenblatt Westfalen-Lippe
Von Dr. Karl-Heinz Tölle, Wochenblatt Westfalen-Lippe
Kaum eine Woche vergeht, in der Nutztierhalter in Deutschland nicht am Pranger stehen. Ob Tierschutz, Antibiotika-Einsatz oder Stallbau, die Themen sind vielfältig. Der immense Druck ist für die Bauern kaum noch auszuhalten, zumal die finanzielle Seite auch nicht gerade rosig aussieht. Die Tierschutzauflagen werden immer strikter, sodass sich viele Bauern fragen, ob das Hochschrauben der Anforderungen je enden wird.
In der vergangenen Woche, pünktlich zum Tag der Milch, waren die Milchviehhalter an der Reihe. Der deutsche Tierschutzbund hat angebliche Missstände bezüglich der Höhe der Milchleistung, der Haltung und des Transports kritisiert.
Völlig unverständlich, denn gerade in der Milchviehhaltung sind enorme Fortschritte erzielt worden. Moderne Ställe sind luftig, mit viel Kuhkomfort ausgestattet und bieten den Tieren Bewegungsmöglichkeiten. Angesichts der miefigen, geschlossenen „Tropfsteinhöhlen“, die früher normal waren, ein Quantensprung in puncto Tierschutz. Insbesondere im Norden der Republik sind die modernen Ställe zum Standard geworden.
Moderner Boxenlaufstall
Und da kritisiert der Tierschutzbund gerade die Milcherzeuger, weil noch einige Betriebe ihre Kühe in der Anbindehaltung haben? Zweifellos: Anbindeställe werden aus der Rinderhaltung verschwinden. Aber muss das von heute auf morgen passieren? Will man den Strukturwandel vorantreiben und die meist kleinen Betriebe, die noch ihre Kühe anbinden, aus der Milcherzeugung vertreiben?
Zum einen werden kleine Tierbestände von den Umwelt- und Tierschützern gefordert, zum anderen beschleunigen die gleichen Leute deren Untergang. Vielleicht sollte hier der Gedanke, die Umstellung zu fördern, statt nur zu fordern, nach vorne gestellt werden. Jede Verschärfung der rechtlichen Rahmenbedingungen bringt größere Ställe. Denn oft lassen sich zusätzliche Auflagen finanziell nur so umsetzen.
Und die Kritik an der hohen Milchleistung? Gute Leistungen sind essenziell für die Wirtschaftlichkeit eines Milchviehbetriebes. Das gilt auch in der Biomilcherzeugung. Aber unter Leistung ist nicht nur Milchmenge zu verstehen, sondern zum Beispiel auch Fruchtbarkeit, Gesundheit, Nutzungsdauer usw. Die Zucht hat das erkannt, ihre Ziele entsprechend angepasst und längst umgesetzt. Über das Wohl des einzelnen Tieres entscheidet nicht die Jahresmilchmenge, sondern das Zusammenspiel zwischen ausgewogener Leistung und passender Umwelt.
Anstatt zu kritisieren, wäre es angebracht die Milchviehhalter zu loben, für das, was schon alles erreicht wurde.
Sauenhalter
Geflügel- und Schweinehalter stehen noch stärker in der Schusslinie. Auch sie sehen sich mit immer neuen Anforderungen konfrontiert. Auch die Bauern begrüßen sinnvolle Weiterentwicklungen in der Tierhaltung. Aber das Tempo, mit dem sie getrieben werden, übersteigt vielfach ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Wenn überhaupt Lösungen zur Verfügung stehen, werden die Umstellungen teilweise so vorangetrieben, dass Investitionen in den Anforderungszyklen kaum refinanziert werden können.
Ein Beispiel ist der vorzeitige Ausstieg aus der Kleingruppenhaltung bei Legehennen. Ein weiteres Beispiel für unberechenbare Politik ist das geplante Ende der betäubungslosen Kastration. Wie kann es sein, dass der Gesetzgeber die Frist „mal eben“ um ein Jahr auf das Jahr 2017 vorzieht? – Und das, obwohl sich Landwirte und beteiligte Wirtschaft längst freiwillig auf ein Ende im Jahr 2018 verständigt hatten.
In der Politik ist ein Wettlauf um Regelungen in Sachen Tierschutz entbrannt. Sind die Politiker nur noch Getriebene der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in der Angst, Wählerstimmen zu verlieren? Können die NGOs überhaupt jemals locker lassen? Wohl kaum, denn mit Harmonie werden die Spendenkassen nicht voll. NGOs können wirtschaftlich nur existieren, wenn sie immer weiter fordern. Welche Ziele dieser Organisationen da wohl im Vordergrund stehen?
Wenn alle Forderungen von Tierschützern erfüllt werden sollen, wird es am Ende keine Nutztierhaltung in Deutschland mehr geben. Denn wird diese Schraube so rasant weiter gedreht, werden irgendwann die letzten Tierhalter aus ökonomischen Gründen oder aus Frustration ihren Stall schließen. In keinem Fall darf dieses das Ziel verantwortungsvoller Politik sein. Fortschritt ist wichtig, aber nur mit Augenmaß und gemeinsam mit den Bauern. (ad)
Leserkommentare
Wachsen um jeden Preis
[07.06.2012]
Was passiert wenn der Milchpreis sinkt?Es muß immer größer und größer gebaut wird???Ja es muß größer,gebaut werden um schneller, billiger einfach mehr je h rauszuholen.Ja und das ganze ist(soll) dann auch noch Tierfreundlicher sein. Auch die Umwelt muß dem Diktat der Kuhleistung folgen.Es müssen nicht 5,6 Nel im Futter sein nein es müssen 6,5 und mehr bis 7 Nel können realisiert werden.Denn die Kuh"Lohnt" sich ja nur wenn10.000l ereicht werden. 7000 Liter je Kuh sind ja nur Unkosten.Und wer dem nicht gerecht wird oder die Umwelt nicht zulässt wird bei Quotenende dem Stukturwandel preisgegeben. Und was macht die EU sie überzieht "Manche" Bauern mit FFH und anderen Zwängen den Ausgleich bekommen aber alle gleich.Denn es gilt HA ist ja HA.
von elinge
Lösungsansatz? Fehlanzeige
[07.06.2012]
Dr. Tölle dokumentiert doch nur die Hilflosigkeit der Bauern mit ihren Landwirtschaftsverlagen und Verbänden. Fakt ist:Es gibt Ställe mit Tierschutzproblemen und auch viele Vorzeigebetriebe. Würde der Milchpreis deutlich steigen,steigt auch die Bereitschaft zur Überbelegung der Ställe. Für Tierwohl zuständig sind:1.Landwirt 2.Tierarzt 3.Behörden 4.Chefredakteure. Wir brauchen endlich Persönlichkeiten in Verlagen und Verbänden die mit Bauern Klartext sprechen und keine wöchentliche Lobhudelei.Kommentare sollten von der Landwirtschaftskammer geschrieben werden.Für Klartext ein Beispiel von Dr.Greshake:"Solange Bauern nur das Problem "Stallbauverhinderung" kommunizieren,darf man sich über schlechte Preis nicht wundern" oder so ähnlich
von
[07.06.2012]
Sehr guter Kommentar. Man fragt sich nur warum solche Statemants nicht vom DBV kommen?! Egal - wenn wir entsprechend Kohle verdienen sind wir auch bereit Geld in den Tier- und Umweltschutz zu investieren. Aber wir müssen, wie Herr Tölle richtig schreibt, die gewünsxchten Investitionen auch refenanzieren können.
von preuße
Realistische Voraussetzungen schaffen
[07.06.2012]
Herr Tölle, tragfähige Einkommen im Milchviehbereich sind die Voraussetzung, bauliche Anlagen so zu gestalten, dass sie unseren hohen Ansprüchen im Bereich Tierschutz gerecht werden. Dazu gehört auch das finanzielle Potential der Betriebe, attraktive Löhne für qualifizierte Fachkräfte zu zahlen, um den steigenden Ansprüchen unserer Hochleistungskühe rund um die Uhr gerecht zu werden. Viele Tierhalter würden gerne in Umbau oder Neubau investieren, um die Lebens- und Arbeitsbedingungen für sich und ihre Tiere zu verbessern. Anstatt zu jammern sollten Sie sich für Rahmenbedingungen einsetzen, welche die finanziellen Voraussetzungen auf unseren schaffen können. Ihre Strategie "Immer mehr - immer billiger" erreicht genau das Gegenteil.
von Kirsten Wosnitza
Kommt mir bekannt vor...
[07.06.2012]
Schreibt das Wochenblatt jetzt schon bei mir ab? Denn so ziemlich genau dies alles habe ich gerade erst gestern einem Tierschützer über eine öffentliche Mailingliste geschrieben. Ist aber in diesem Falle völlig in Ordnung, weil richtig! Uns Bauern liegt das Tierwohl aus ureigensten Interesse am Herzen. Wenn da mal was optimierungsfähiges ausbleibt ist es der Wettbewerbssituation geschuldet. Wer sich dafür einsetzt, dass sich die Tierhaltung wieder lohnt und Geld damit zu verdienen ist bzw Kredite mal wieder abgetragen werden können, der wird erreichen, dass die Tierhalter von ganz alleine, freiwillig mehr Wert auf das Tierwohl legen. Ohne weitere gesetzliche Verschärfungen. Die sind nur mit Augenmaß und im Dialog mit uns Landwirten möglich!
von detmarkleensang
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