[15.05.2012]
Kontrovers diskutiert: Moderne Tierhaltung
Die deutsche Veredlungswirtschaft gerät trotz guter wirtschaftlicher Situation und positiver Prognosen zunehmend von zwei Seiten unter Druck: Zum einen führt das Wachstum über den Export zu einer stärkeren Abhängigkeit von den Auslandsmärken und damit zu einem erhöhten, weil globalen Wettbewerbsdruck, zum anderen erschweren Vorbehalte in der Bevölkerung sowie steigende Tierschutz- und Umweltauflagen den Unternehmen, ihre Produktionsanlagen zu erweitern. Darauf hat das Mitglied des Vorstandes der Landwirtschaftlichen Rentenbank, Dr. Horst Reinhardt, beim diesjährigen Symposium der Edmund-Rehwinkel-Stiftung am vergangenen Donnerstag in Berlin hingewiesen. Neben entsprechenden Produktionstechniken würden deshalb Kommunikation und Transparenz zu immer wichtigeren Faktoren für den unternehmerischen Erfolg. „Die Bevölkerung muss mehr darüber erfahren, wie in der Branche produziert wird und mit welchem Aufwand schon heute Tierschutz betrieben wird“, betonte Reinhardt. Die Zukunftsfähigkeit der Veredlungswirtschaft in Deutschland hänge in besonderem Maße von ihrer Akzeptanz durch den Verbraucher und die Anwohner ab.
Die Edmund-Rehwinkel-Stiftung der Landwirtschaftlichen Rentenbank hatte deshalb ihre Ausschreibung im Jahr 2011 dem Thema „Veredlungsstandort Deutschland - Herausforderungen von Gesellschaft, Politik und Märkten“ gewidmet. Gefördert wurden fünf wissenschaftliche Projekte, um solche aktuellen Problemen zu untersuchen und Lösungen vorzuschlagen. Die Ergebnisse wurden auf dem Symposium vorgestellt und diskutiert. Eine Forschungsgruppe um Prof. Martina Brockmeier von der Universität Hohenheim analysierte in ihrer Studie die Exportchancen der deutschen Veredlungsindustrie in einer globalisierten Welt. Die Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass hohe Zuwachsraten beim internationalen Handelsaufkommen zukünftig insbesondere beim Schweine- und Geflügelfleisch in den Entwicklungsländern zu erwarten sind. Die potentiellen Exportchancen für deutsche Veredler könnten hier von 2004 bis 2020 um bis zu 60 % steigen. In anderen Regionen, etwa Nordamerika oder verschiedenen EU-Ländern, lägen die Zuwachsraten aber sogar bei bis zu 100 %, was Brockmeier mit einer geringeren Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Veredler begründete.
Prof. Birgit Schulze und ihre Kollegen von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel untersuchten in ihrer Arbeit die Wahrnehmung von Landwirten und Verbrauchern im Licht der Konflikt- und Glaubwürdigkeitsforschung. Dabei sei deutlich geworden, dass Landwirte und Verbände beispielsweise beim Thema Tierwohl oft nicht auf der gleichen Ebene wie der „einfache“ Bürger argumentierten. Interessenverbände arbeiteten meist auf der „Sachebene“ und sorgten damit ungewollt für Konflikte mit den Verbrauchern, die landwirtschaftliche Themen eher emotionell und „von der moralischen Seite“ betrachteten. Dies sei mit ein Grund für die geringe Glaubwürdigkeit der Verbände. Beide Seiten, also auch die Verbraucher, müssten aber zugeben, dass die eigenen Positionen mit Unsicherheiten behaftet seien. Auf diese Weise werde ein Kompromiss erst möglich gemacht. AgE
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