„Kartellamt schwächt die Milchbauern“
[20.02.2012]
Das drohende Verbot der aktuellen Milchpreisvergleiche führt nicht zu mehr Wettbewerb am Milchmarkt, wie das Bundeskartellamt behauptet, sondern schwächt einseitig die deutschen Milcherzeuger. Das schreibt top agrar-Chefredakteur Berthold Achler in einem Kommentar in der Zeitschrift „Deutsche Bauernkorrespondenz“. Hier der Wortlaut:
Ach, hätte das Kartellamt doch die Bauern gefragt, was sie von einem Verbot der Milchpreisvergleiche halten. Dann hätte sich die Behörde nicht so hoffnungslos verrannt.
Nichts interessiert Unternehmer heute mehr als Preise, Preise, Preise! Das zeigt das riesige Interesse an der Marktberichterstattung in den Fachzeitschriften und im Internet. In unseren Online-Umfragen votierten bis zu 80% der Teilnehmer für die Milchpreis-Transparenz!
Aus guten Gründen. Das Einkommen der Milchviehbetriebe hängt unmittelbar an der Leistungsfähigkeit ihrer Molkerei. Anders als Getreidebauern und Schweinemäster, die ihre Vermarkter kurzfristig wechseln können, sind viele Milcherzeuger mehrere Jahre auf Gedeih und Verderb an die Unternehmen gebunden. Die Auszahlungspreise sind oft das Einzige, woran die Bauern ihre Molkereien messen können.
Wohin die Geheimniskrämerei bei den Milchpreisen führen kann, zeigt ein Rückblick in die 70er- und 80er-Jahre. Damals lebten die Molkereien wie Gott in Frankreich. Die Einzugsgebiete waren verteilt. Die Milch wurde eingedampft und an die Intervention verkauft. Ausgezahlt wurde, was übrig blieb. Alle Molkereien zahlten damals angeblich „Spitzenpreise“ oder zumindest „über Bundesdurchschnitt“. Überprüft hat das keiner.
Erst die bundesweiten Milchpreisvergleiche von top agrar ab 1989 öffneten den Bauern die Augen. Die Auszahlungsdifferenzen zwischen den Unternehmen betrugen bis zu 17 Pfennig je kg Milch! Entsprechend heftig reagierten die Molkereien auf unsere Berichte. 1990 wurden wir sogar vor Gericht gezerrt. Das Landgericht München entschied für die Bauern.
Seit über 20 Jahren sind die „Bundesliga-Tabellen“ ein fester Bestandteil unserer Berichterstattung. Geschätzt von den Bauern und von guten Molkereien, gehasst von den schlechten Zahlern. Wer am Ende der Tabelle steht, hat einen schweren Stand.
Der Druck auf die schlechten Zahler ist gewaltig. Sie kämpfen laufend mit Kündigungen. Die Wechselbereitschaft der Bauern steigt mit jedem Cent Milchgeld-Differenz. Sie beträgt immer noch 5 Cent pro kg, das sind für einen Betrieb mit 60 Kühen 25 000 Euro pro Jahr!
Deshalb wird bei den Milchgeld-Abrechnungen immer wieder getrickst und verschleiert. Zum Jahresende heben Molkereien wegen des Kündigungstermins ihre Preise an. Manche Unternehmen zahlen mehr aus, als sie tatsächlich erwirtschaften.
Je präziser die Preisberichterstattung ist und je besser die Bauern informiert sind, desto besser funktioniert der Wettbewerb! Das haben die Wettbewerbshüter noch nicht kapiert.
Das Verbot der Milchpreisvergleiche träfe nicht die Molkereien. Im Gegenteil: Es schützt sie vor dem Druck der Bauern. Es schützt insbesondere die schwachen Zahler!
Den Lebensmittelhandel würde das Milchpreis-Verbot ebenfalls nicht berühren, denn er benötigt die Auszahlungspreise nicht. Der Handel mit Milchprodukten läuft über Ausschreibungen. Die Molkereien bieten an, der Billigste erhält den Zuschlag.
Das Verbot der aktuellen Preisberichterstattung träfe ausschließlich die Milcherzeuger. Sie wären die eigentlichen Verlierer. Ist das wirklich gewollt?
Wer den Milcherzeugern helfen will, muss andere Wege beschreiten.
Leserkommentare
Was ist denn da für eine Kruste?
[21.02.2012]
Hoffe das der Chefredakteur von BDM aktuell und Milchkanne auch einen Kommentar in der Deutsche Bauernkorrespondenz plazieren darf. Die grüne Prawda scheint es wirklich zu geben.
von Ghostbusters
Überfordert
[21.02.2012]
Das Kartellamt scheint mit den Möglichkeiten der heutigen Informationsgesellschaft überfordert sein, ansonsten würden sie mit solch altertümlichen Methoden zurüchhaltender sein, Diese Rundumschläge zeigen einmal mehr, dass diese Behörde nur noch Alibifunktionen inne hat.
von Slowfoot
Realitätsfern
[20.02.2012]
Gut gesprochen, Herr Müller! Wenn sich der Redaktionist an den Karren gepisst fühlt, dann darf er gerne beim Bundeskartellamt selber anklopfen, anstatt hier nen großen Larry für nix zu machen. Zudem scheint Herr Achler ein bisschen die Realität zu verkennen, wenn er meint, eine monatsaktuelle Milchpreisveröffentlichung würde irgendwem was bringen. Was will er mit Monatsdaten? Das sind keine Marktdaten mehr, seit die Meiereien Geld als Winterrückstellung einbehalten und so die Auszahlungspreise über das ganze Jahr ausnivellieren können, wie sie möchten! Der Milcherzeuger kann mit solchen Milchpreisen nichts anfangen. Wie eine Meierei am Markt agiert sagen diese Zahlen so überhaupt nicht mehr aus! Ist also überflüssig geworden! Braucht keiner
von detmarkleensang
Wichtige Entscheidungen laufen über die Gerichte.
[20.02.2012]
Wenn Herr Achler zu dieser Einstellung steht, dann sollte er das Bundeskartellamt verklagen. Wenn top agrar gewinnt, dann behalten Sie die Pressefreiheit bzgl. der weiteren Veröffentlichung der aktuellen Milchpreise und logischerweise ihre Leser.
von Dieter Müller
Na wer will da nicht wissen was die Kleinen Bezahlen???
[20.02.2012]
Da gibt es große Molkereien die nicht von den Mitglieder hören wollen wie schlecht IHR Auszahlungpreis ist.DMK und das Kartellamt das nur an billigem Rohstoff gelegen ist arbeiten da Hand in Hand!!! Für mich arbeiten Große immer für sich selbst wie kann sich sonst ein Firmenboss 250.000.000US Dollar als Jahresgehalt wolhlgemerkt in noch größeren Beriebe genehmigen!!!
von elinge
Die wirklichen Knackpunkte liegen doch wo anders!
[20.02.2012]
Herr Achler, wem wollen Sie mit solchen Texten helfen? Den Milchbauern oder nur sich selbst? Welchen Nutzen kann z.B. ein Milcherzeuger Mitten im DMK-Gebiet aus Milchpreisvergleichen heute noch ziehen, außer sich über schlechte Preise und mangelndem Einfluss bei der Molkerei zu ärgern, oder die Milchproduktion einstellen? Am 12.01.2009 haben Sie gejubelt: „Nordkontor: Ein echter Befreiungsschlag“. Und nun? Wechseln geht für die allermeisten Mitglieder aufgrund der marktbeherrschenden Stellung von DMK am Rohmilchmarkt in weiten Teilen des Nordens nicht mehr. Hier passen die teilweise in die falsche Richtung weisenden Schreibtisch-Theorien und die wirklichen Probleme auf den Höfen mit fehlendem Wettbewerb am Rohmilchmarkt nicht zusammen.
von helmut_ehrlicher
Schattenboxen
[20.02.2012]
Was soll das getöse um die Vergleiche. Bei einer Kündigungszeit von 2 Jahren, nützt ein Monatlicher Preis gar nix. Achler fürchtet eventuell um die beschäftigten in seiner Redaktion, die versuchen den Salat auseinanderzunehmen und lesbar zu machen! Es gibt sicher wichtigeres um den Milchbauern zu mehr Wettbewerb zu verhelfen, als dieser Spielplatz des Herrn Achler. Aber mit Angebot und Nachfrage - Management hats der Achler noch nie gekonnt. Wär zumindest hilfreicher, als die Schweizer Katastrophe den TA lesern für gut zu verkaufen!
von Realist79
[20.02.2012]
Hier wird viel Wind um nichts gemacht und zwar von Topagar und dem Kartellamt. Das Verbot hätte es zwar nicht gebraucht, aber es ist auch nicht sonderlich schlimm, zumal man ja immer noch einen Mittelwert veröffentlichen darf. Das "größte" Problem an dem Preisvergleichs-Verbot ist doch, dass die ganzen Milchkaufverträge der Molkereien, die einen Milchpreis nach Verlgeichsmolkereien beinhalten, in der aktuellen Form unzulässig werden.
von chrisman#001
nochmal Spiegel 72
[20.02.2012]
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42891510.html Dort in dem Artikel wird auch eine Käserei erwähnt ....... Das Kartellamt macht wirklich viel Wind die Preise bekommt ma auch woanders her!
von Friesenkuh
Viel Wind um nichts!
[20.02.2012]
Milchpreisvergleiche schaden den Bauern nicht, helfen letztlich auch nicht viel weiter. Ansetzen muss man an anderer Stelle, in erster Linie am Verhältnis Angebot und Nachfrage!!
von sebontch
Also das mit dem Neizke Gutachten kommt mir noch
[20.02.2012]
bekannt vor, der wurde immer vom Verband zu rate gezogen wenn fusioniert werden sollte. 4Pfennig Erfassungskosten sind schon heftig aber bei täglicher Abholung damals??
von Friesenkuh
"Wer den Milcherzeugern helfen will, muss andere Wege beschreiten."
[20.02.2012]
Welche denn, Herr Achler? Sie sind mir ein Pessimist vor dem Herrn, Herr Achler! Oder ein böser Auftragsschreiberling des BV, um den Mut und die Unternehmenskraft der Bauern zu schwächen. Dies geht nicht, das geht nicht, die Bauern können uznd dürfen nichts anderes machen als billiger, billiger, billiger. Herr Achler: die Meiereien leben immer noch in Saus und Braus und können schalten und walten wie sie wollen. Slowfoot hat den Link unten passend gebracht, viel geändert hat sich nicht bisher! Die Methoden haben sich vielleicht geändert. Gelogen, betrogen und geschmiert wird nach wie vor. Sie haben völlig Recht. Am Ende bekommt die billigste Meierei den Zuschlag. Und die Milcherzeuger dürfens bezahlen. Auf Gedeih und Verderb! Völlig richtig
von detmarkleensang
aus dem Spiegel 1972
[20.02.2012]
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42765010.html
von Slowfoot
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