Kartellamt veröffentlicht „Sektorbericht Milch“
[19.01.2012]
Das Bundeskartellamt veröffentlicht heute seinen Abschlussbericht zur „Sektoruntersuchung Milch“. Seit Mitte 2008 prüft die Behörde die Wettbewerbssituation in der deutschen Milchwirtschaft. Dazu wurden zahlreiche Molkereien sowie verschiedene Verbände und Organisationen der Landwirtschaft und der Molkereiwirtschaft gehört. Der Dialog mit der Branche soll in den nächsten Monaten fortgesetzt werden.
Ziel des Kartellamts sei es, so dessen Präsident Andreas Mundt bei der Vorstellung des Berichts in Bonn, angesichts der bevorstehenden Liberalisierung des Marktes in 2015 den Wettbewerb zwischen den Molkereien zu fördern und die Position der Milcherzeuger gegenüber den Molkereien zu stärken. Außerdem wolle man die Molkereien ermuntern, die Wertschöpfung aus der Milch zu steigern. Insbesondere wolle man den Druck auf die schwachen Molkereien erhöhen.
Auf welch glattem Eis sich das Kartellamt dabei bewegt, wurde während der Pressekonferenz mehrfach deutlich. Denn die Behörde stieß bei ihren Recherchen wiederholt auf erhebliche Widersprüche und kaum lösbare Konflikte.
So strebe z.B. die Politik einerseits niedrige Milchpreise für die Verbraucher an, aber andererseits höhere Auszahlungspreise für die Milcherzeuger. Auch das aktuelle EU-Milchpaket fand nicht durchgängig die Zustimmung des Kartellamts. Und schließlich stieß die Behörde in wichtigen Sachfragen auf erhebliche Meinungsunterschiede, sowohl innerhalb der Landwirtschaft als auch innerhalb der Molkereiwirtschaft, was den Kartellwächtern die Beurteilung und Bewertung offenbar nicht gerade erleichterte.
Fusionen zwischen Molkereien steht das Kartellamt sehr positiv gegenüber. Zwar sei bei Fusionen immer eine Einzelfallprüfung erforderlich. Bisher sei jedoch keine Fusion untersagt worden. Ziel des Kartellamtes sei es lediglich, dass die Märkte gut funktionierten.
In Kooperationen zwischen Molkereien sieht das Kartellamt ein wirksames Mittel zur Effizienzsteigerung, insbesondere bei kleinen Unternehmen. Es dürften jedoch keine Preisabsprachen erfolgen.
Problematisch aus Sicht des Kartellamtes sind die langen Kündigungsfristen und die Andienungspflicht der Milch. Viele Verträge laufen über zwei bis fünf Jahre. Bei 85% aller Privatmolkereien und bei 100% aller Genossenschaften bestehe eine 100%ige Andienungspflicht. Langfristige Lieferbindungen könnten die Märkte abschotten und seien deshalb nicht erwünscht.
Ein schwieriges Kapitel aus Sicht der Kartellwächter ist die hohe Markttransparenz im Milchbereich. Sie nütze nicht den Bauern, sondern nur den Molkereien und dem Lebensmittelhandel. Nachvollziehbar sei, dass sich die Milcherzeuger gewisse Informationen wünschten. Problematisch sei jedoch die Veröffentlichung von aktuellen Auszahlungspreisen, weil das den Auszahlungswettbewerb zwischen den Molkereien behindere. Die Molkereien müssten ihre Preise nicht mehr nach betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten ausrichten, sondern bräuchten die Preise lediglich bei den Nachbarmolkereien „abgucken“.
Kritisch gesehen wird die Vereinbarung von Referenzpreisen, wenn sich z.B. eine Molkerei verpflichtet, den Milchpreis der Nachbarn zu zahlen. Wenn die Ermittlung auf aktuellen Daten basiere, sei das Kartellrechtswidrig.
Als nicht zielführend bezeichnet das Kartellamt das aktuelle Milchpaket der EU, denn es werde den Erzeugern im Wettbewerb mit den Molkereien nicht helfen. Insbesondere die Empfehlung an die Bauern, größere Erzeugergemeinschaften zu gründen, ist dem Kartellamt offenbar ein Dorn im Auge. So könnte z.B. die Bildung einer einzigen Erzeugergemeinschaft in Bayern die Milchbeschaffung der Molkereien erheblich stören.
Kritisch sieht das Kartellamt die zwischen Molkereien und Lebensmittelhandel vereinbarten Zahlungsziele. Sie gingen oft weit über die Verweildauer der Ware beim Handel hinaus, und oft sogar über das Mindesthaltbarkeitsdatum der Ware. Dies seien unzulässige Lieferantenkredite und demonstriere die Marktmacht des Handels.
Auf die gezielte Nachfrage, wie die Milcherzeuger ihre Position gegenüber den Molkereien konkret stärken könnten, gab Präsident Mundt den Bauern drei Ratschläge: Erstens, die Molkerei zu wechseln. Zweitens, zu prüfen, wie die Bauern sich besser positionieren könnten. Und drittens, die Preistransparenz im Milchsektor zu verringern. Das bringe mehr als die Bindung von Erzeugergemeinschaften.
Der vollständige Abschlussbericht des Kartellamts zur „Sektoruntersuchung Milch“ ist auf der Internetseite des Bundeskartellamts unter
www.bundeskartellamt.de abrufbar.
Leserkommentare
Die EU favorisiert weiter die Bündelung der Milchbauern
[20.01.2012]
Auch wenn der Sektorenbericht des Bundeskartellamts das aktuelle Milchpaket der EU als "nicht zielführend" erachtet, wird die Bündelung der Milcherzeuger europaweit weiter zunehmen. Auch die länderübergreifenden Erzeugergemeinschaften werden stärker, um den globalen Milchverarbeitern auf Augenhöhe gegenüberstehen zu können. Zudem stellt sich die Frage: warum sollte eine Erzeugergemeinschaft z. B. in Bayern die Milchbeschaffung der Molkereien stören? Überall in der Wirtschaft wird vor der Produktion der Preis ausgehandelt. Warum sollte man das den Milchbauern nicht zubilligen? Der Gesetzgeber hatte bestimmt einen wichtigen Grund weshalb, nur für die Landwirtschaft, das Marktstrukturgesetz geschaffen wurde.
von Dieter Müller
Das Kartelamt und der Zusammenschluß??
[20.01.2012]
3,5% Bündelung der EU darf eine Milcherzeugergemeinschaft auf sich vereinen,für mich ein Hohn.Große Milchwerke die Leuchtürme sind haben mehr. Zum Milchpeisvergleich: Eine privates Milchwerk kann sich vielleicht daran halten immer höchstes den Durchschnitt zu bezahlen. Aber eine genossenschaftliches Milchwerk das gut Arbeitet (ich hoffe das die Geschäftsleitung sich nicht bereichern kann) muß einen höheren vielleicht sogar den höchsten Auszahlungspreis bezahlen. Auch daran kann sich der Markt ausrichten. Nur die Größsten die eigentlich die besten Auszahler sein müßten zahlen den Durchschnitt.Trotzdem werden Sie immer größer. Das ist der Markt, er lässt nur den Größsten überleben. Daran ändert auch das Kartellamt nichts.
von elinge
Offenbarung
[19.01.2012]
Der vorgestellte Abschlussbericht ist eine Offenbarung für die Milcherzeuger, nämlich dass sie von Seiten des Kartellamtes keinerlei Unterstütung zu erwarten haben, auch wenn die Frau Schulze noch so schöne Aussagen macht. Wiedermal haben sich die Hoffnungen des BDM nicht erfüllt. Das Kartellamt will mehr Wettbewerb. Wettbewerb gibt es nur um knappe Güter. Das ist die einzig, verwertbare Erkenntnis aus dem Bericht. Bündelung und Milchboard bringen die Bauern nicht weiter, einzig zielführend ist ein Anpassen des Angebots an die reale Nachfrage. Darauf sollte sich der BDM wieder besinnen.
von sebontch
Ah ja..
[19.01.2012]
"Als nicht zielführend bezeichnet das Kartellamt das aktuelle Milchpaket der EU, denn es werde den Erzeugern im Wettbewerb mit den Molkereien nicht helfen. Insbesondere die Empfehlung an die Bauern, größere Erzeugergemeinschaften zu gründen, ist dem Kartellamt offenbar ein Dorn im Auge. So könnte z.B. die Bildung einer einzigen Erzeugergemeinschaft in Bayern die Milchbeschaffung der Molkereien erheblich stören" Faktisch der Tod des Milchboards?
von ramsdorf
Wohl wahr Herr Mund
[19.01.2012]
Erstens hat der noch nie eine Kuh gesehen, zweitens wenn sich die Molkereien den Preis abgucken könnten von der Nachbarmolkerei, dann müßte es einen einheitlichen Milchpreis gebenund drittens kann man nicht einfach so eine Molkerei wechseln. Dazu bedarf es der langen Kündigunsfrist und viertens muß man erst mal eine andere finden die einem nimmt. Fazit alles für die Katz was der Herr mund von sich gibt - hilft uns kein Stück weiter vor allem nicht wenn er gegen Erzeugerbündelung spricht!
von Friesenkuh
Da fehlt noch Wissen!
[19.01.2012]
Stimmt, der Dialog muss fortgesetzt werden, wenn was vernünftiges dabei rumkommen soll. Die hier im Artikel beschriebene Erzeugerbündelung, die dem Kartellamt angeblich ein Dorn im Auge ist, muss den Beamten per Nachhilfeunterricht noch beigebracht werden! Den DBV dabei außenvorzulassen, wäre wünschenswert!!!! schließlich sind die Vorstellungen des DBV absolut gleich mit den Verbänden der Molkereiwirtschaft.
von Realist79
Alle Probleme erkannt!
[19.01.2012]
Jetzt wirds Zeit Nägel mit Köpfen zu machen. Dazu muß BDM - Milchboard - Molkereien- und Handel an einen Tisch. Politik und DBV sollten dazu nicht beteiligt werden, den die Politik schafft das jetzige System samt DBV ab. Desweiteren hat sich der DBV nach dem Milchstreik massivst in der Politik dafür eigesetzt, das die versprochenen Zusagen damals nicht umgesetzt wurden. Somit haben sie kein Recht mehr über die Milcherzeuger mitzuentscheiden.
von Ghostbusters
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