„Ökolandbau sollte fester Bestandteil der Ausbildung sein“

Der Ökolandbau hat bisher wenig Platz in der beruflichen Bildung in der Landwirtschaft. Er bietet aber viele Lösungsansätze auch für die konventionelle Landwirtschaft, meint der Leiter der Ökolandbausparte der Landwirtschaftskammer NRW. Mit Prozentzahlen für Ökowissen in der Ausbildung tut er sich dennoch schwer.

Im Jahr 2017 haben in Nordrhein-Westfalen nur 1,4 Prozent aller Auszubildenden in der Landwirtschaft einen Abschluss zum Ökolandwirt gemacht. Sie fordern trotzdem, dass mehr Ökolandbau im Berufsschulunterricht vermittelt werden sollte. Warum?

Kempkens: Weil die ökologische Wirtschaftsweise eine immer wesentlichere Form der Landwirtschaft darstellt und für immer mehr Betriebe, auch in NRW wichtig wird. Derzeit wirtschaften in NRW knapp sieben Prozent der Landwirte ökologisch, aber es werden jedes Jahr mehr. Laut Deutschem Bauernverband denken 17 Prozent der Landwirte über eine Umstellung nach. Und abgesehen von den Zahlen: der Ökologische Landbau bietet viele Lösungsansätze auch für die Herausforderungen der konventionellen Landwirtschaft. Allein aus dem Grund sollte er fester Bestandteil der Ausbildung sein.

Selbst wenn das Ziel 20 Prozent Ökolandbau bis 2030 erreicht werden sollte, werden immer noch 80 Prozent der Auszubildenden konventionell arbeiten. Welchen Anteil sollte Ökowissen vor diesem Hintergrund im Unterricht haben?

Kempkens: Prozentangaben helfen hier nicht. Ich denke, es sollte so viel Zeit zur Verfügung stehen, dass die ökologische Wirtschaftsweise mit allen Facetten in gleicher Weise gelehrt wird, wie die anderen Formen der Landwirtschaft. Die Schüler müssen mit Ende der Ausbildung wissen, was Ökolandbau ausmacht und wie er funktioniert. Nur so können sie ihn beurteilen und als eine gleichwertige Option wahrnehmen. Wenn das, wie im Rahmenlehrplan angegeben, mit 80 Stunden zu machen ist, prima. Wenn nicht, müssen es mehr Stunden sein.

"Schüler müssen mit Ende der Ausbildung wissen, was Ökolandbau ausmacht und wie er funktioniert."

Wie sollte Ökolandbau überhaupt im Unterricht vermittelt werden? Als eigenes Fach oder integriert in die Fachgebiete Pflanzenbau, Tierhaltung etc.?

Kempkens: Aus meiner Sicht ist die beste Form die integrierte. Am jeweiligen fachlichen Inhalt orientiert, können alle Alternativen besser dargestellt und bewertet werden. Ich glaube aber, dass wir derzeit noch nicht so weit sind, dass das gelingt. Es gibt noch zu viele Lehrkräfte, die den ökologischen Landbau kaum kennen und sich daher schwertun, ihn integrativ zu vermitteln.

Wie offen sind die meist konventionellen Auszubildenden für Wissen zum Ökolandbau?

Kempkens: Das hängt ganz vom Standort ab. Wenn ein Teil der Schüler von Ökobetrieben kommt, ist die Offenheit größer und auch Lehrkräfte tun sich dann leichter, Ökolandbau zu unterrichten. Aber wenn gar keine oder nur ein oder zwei Öko-Azubis in der Klasse sind, kann der Widerstand schon erheblich sein. Da scheint das alte Sprichwort zuzutreffen: "Was der Bauer nicht kennt, …". Die Offenheit der Schüler darf allerdings kein Kriterium sein, ob Ökolandbau unterrichtet wird. Gegebenenfalls helfen kreative Unterrichtsmethoden, wie praktische Beispiele belegen.

Verfügen die Lehrkräfte an Berufsschulen über genügend Ökowissen, um die Inhalte angemessen unterrichten zu können?

Kempkens: Flächendeckend sicherlich nicht. Ökolandbau war lange, zu lange kein Thema. Es gab beziehungsweise gibt zwar den Rahmenlehrplan mit 80 Stunden "Alternative Landwirtschaft", aber das wird bis heute kaum umgesetzt. Daher haben sich die Lehrkräfte auch zum Ökolandbau nicht weitergebildet. Es sei denn, es bestand ein persönliches Interesse oder das Lehrerkollegium hat Themen des Ökolandbaus in den Lehrplan aufgenommen. Da gibt es wunderbare Beispiele an Schulen, die zeigen, wie es geht.

"Ich sehe überall eine Bereitschaft, an dieser Situation etwas zu ändern."

In einer aktuellen BÖLN-Studie wurde unter anderem untersucht, inwieweit schon jetzt Ökowissen in der Berufsausbildung vermittelt wird. Sind Sie mit dem derzeitigen Stand zufrieden?

Kempkens: Ja und nein. Nein, weil Themen des Ökolandbaus derzeit leider noch zu wenig Platz finden in der beruflichen Bildung. Gerade an Schulstandorten mit wenig Ökobetrieben ist das so. Aber ich sehe überall eine Bereitschaft, an dieser Situation etwas zu ändern. Und das auf allen Ebenen der Ausbildungsverantwortlichkeiten. Von ehrenamtlichen Prüfungs- und Bildungsausschüssen über die Ausbildungsberatung und Lehrkräfte bis zu den zuständigen Stellen und den Ministerien wollen alle das Thema vorantreiben.

In Ländern wie Sachsen oder Bayern ist der Ökolandbau deutlich stärker verankert als etwa in Nordrhein-Westfalen. Was läuft in diesen Ländern anders?

Kempkens: Beide Länder haben das Thema systematisch angepackt. Da gab es einen politischen Willen etwas zu ändern. Es wurden Strategien und Maßnahmenpläne erarbeitet und alle Verantwortlichen einbezogen. In Bayern wurden Lehrpläne geändert, Lehrerfortbildungen und viele andere Maßnahmen durchgeführt. Ähnlich läuft es in Hessen. Alle drei Länder zeigen: Wenn das Thema von oben, also von den Verantwortlichen, systematisch angepackt wird, Personen mit der Umsetzung beauftragt und die Beteiligten mitgenommen werden, bewegt sich auch etwas.

Dieses Interview führte die Redaktion von oekolandbau.de der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) und veröffentlichte es zuerst auf dem Portal oekolandbau.de. Gastinterviews geben nicht in allen Fällen die Meinung der Redaktion wieder. Wir veröffentlichen Sie, wenn wir den Inhalt für diskussionswürdig halten.

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Artikel geschrieben von

Stefanie Awater-Esper

Korrespondentin Berlin

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Diskussionen zum Artikel

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von Stefan Lehr

Moeglichkeiten schaffen

Ein zunehmendes Problem wird allerdings die Moeglichkeit der guten Berufsausbildung. Betriebe die ausbilden wollen gibt es genug, aber es wird fuer die Azubis zunehmend schwerer eine gute und erreichbare ueberbetriebliche Ausbidlungsstelle zu finden. In den alten Bundeslaendern ist das Problem sicherlich noch nicht ganz so krass, aber in den neuen Laendern, wie z. B. Brandenburg und MeckPom auf jeden Fall. Da sind Wegstrecken von 100 km und mehr keine Seltenheit um in die Berufsschule zu kommen. Und dann sitzen da noch die Gaertner, Landschaftsbauer und Landwirte in einer Klasse. Fuer niemanden zufriedenstellend. Das "Alte" mit dem "Neuen" zu verknuepfen ist auf jeden Fall der allerbeste Weg in eine solide Berufsausbildung.

von Michael Koch

Die Mischung

macht es . Wir sollten alle voneinander lernen , sonst wird es für uns alle schwer . Der konventionelle Betrieb muss schon heute Komponenten alter ( ökologischer ??? ) Wirtschaftsweise einfließen lassen , sonst wird er keinen Erfolg haben . Die Zeiten von Stickstoff und PS als Lösung sind vorbei . Wenig hilfreich sind aber auch ideologischer Starrsinn und moralische Überheblichkeit von einigen " Ökos " .Lasst uns miteinander reden , um die besten Lösungen zu finden , und das ohne Denkverbote und gegenseitiger Diffamierung . Es liegen große Aufgaben vor uns , der Wert der Ernährung / jeden Tag satt ,wird extrem unterschätzt .

von Hartmut Kümmerle

Man könnte viel dazu sagen.......

Um einen Weizen mit 100 dz hinzustellen muss man auch das 1*1 des Biolandbaus aus dem effeff können. (in der aktuellen Ausbildung ist der Biolandbau jetzt stark (zu stark) verankert. Hier wird wieder unterschwellig die Meinung transportiert die konventionellen sind nur Handlungsgehilfen der Chemielobby, was natürlich absoluter Quatsch ist.

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