Agrarunternehmertage Münster

Die digitale Revolution ist längst im Gange

Für die letzte Generation Bauern ging es um starkes Betriebswachstum. Matthias Schulze Steinmann erwartet aber, dass die aktuelle Generation keine so großen Schritte mehr unternimmt. Stattdessen rücke die Digitalisierung in den Vordergrund: Sie soll nicht nur bei der Vermarktung und auf dem Hof helfen, sondern auch den Wunsch nach Tierwohl und Umweltschutz umsetzen.

Einen interessanten Vortrag über die Zukunft der Landwirtschaft hielt am Mittwoch Matthias Schulze Steinmann, Chefredakteur vom Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben auf dem Sparkassenforum der Agrarunternehmertage in Münster.

Schulze Steinmann nimmt seit einiger Zeit eine Unsicherheit unter den Bauern wahr, was nicht zuletzt an Sorgen um die Düngeverordnung, die K-Fragen, die Themen Insektenschwund und mehr Tierwohl liegt. Diese müsse man ernst nehmen und proaktiv angehen.

Die letzte Generation Landwirte habe zum Ende ihres Wirkens die Höfe massiv erweitert, die Tierbestände nicht selten verfünffacht und so an die nächste Generation übergeben. „Ich bin mir aber nicht sicher, ob die heutige Generation auch noch solche Wachstumsschritte plant in dem heutigen Umfeld; abgesehen davon, dass Stallgenehmigungen immer schwerer werden. Jeder zweite Ferkelerzeuger ist zuletzt ausgestiegen“, verdeutlichte der Agraringenieur die Ausmaße.

Warum die Stimmung der Bürger so agrarfeindlich geworden ist, erklärte er anhand ausgewählter Beispiele. Zusammengefasst liege dies an

  • gut vernetzten Kritikern
  • einseitigen Medien
  • Stimmungsmache in der Politik, die nur noch für Städter gemacht sei
  • den Landwirten selbst (Skandale, Regelverstöße, Schwarze Schafe) und am
  • Willen der Bürger. Diese wollen einerseits günstige Lebensmittel, haben aber hohe moralische Ansprüche.

"Massentierhaltung beginnt ab 1000 Schweinen"

„Die Menschen stellen Fragen, die sie früher so nicht gestellt haben. Diesen müssen sich die Bauern stellen“, so der Fachmann, der in diesem Zusammenhang eine Befragung der Uni Göttingen anführt. Die Bürger wurden dabei gefragt, wo für sie Massentierhaltung anfängt: 90 % gaben an, diese beginne ab 500 Rindern, 1000 Schweinen und 5000 Stück Geflügel. Diese Zahlen zeigen laut Schulze Steinmann die Realitätsferne der Bürger. 500 Rinder seien OK, aber bei 1000 Schweinen beginne die industrielle Haltung.

Gleichzeitig zeige aber eine Statistik der i.m.a., dass der Beruf des Landwirts an Ansehen gewonnen hat, er ist um 3 % auf den zweiten Platz direkt hinter den Beruf des Arztes vorgerückt. „Der Beruf des Bauern wird offenbar schlechter geredet, als er eigentlich ist. Es werden nur einige Bereiche der Landwirtschaft kritisch gesehen, wie der Umgang mit Tieren oder das Umweltbewusstsein“, so der Redner auf dem Sparkassenforum weiter.

Der Beruf des Landwirts ist hochangesehen. Er wird offenbar von Kritikern bewusst schlecht geredet! (Bildquelle: i.m.a.)

Unverändert richtet sich das Hauptaugenmerk der Bundesbürger beim Thema Landwirtschaft auf die Bereiche Lebensmittelqualität, verantwortungsvolle Nutz- tierhaltung und Transparenz bei der Lebensmittelproduktion. (Bildquelle: i.m.a.)

Afrikaner verwundert über europäische Reduktionspläne

Interessant waren auch die Berichte Schulze Steinmanns von einem Treffen mit Agrarjournalisten und Landwirten in Afrika. Bei ihnen gehe es ausschließlich um Ertragssteigerung, mehr Tiere, um Pflanzenschutz und gentechnisch optimierte Sorten. Dementsprechend verwundert sei man dort, dass Europa über eine Reduzierung diskutiere. Der Wochenblatt-Chef erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass 2050 auf der Erde 9,7 Mrd. Menschen leben werden; die Bevölkerung Afrikas wird sich bis dahin verdoppeln und 25 % der Weltbevölkerung ausmachen, während Euopas Bevölkerung schrumpft.

Daher könne man auch in Europa nicht auf eine Produktivitätssteigerung verzichten. „Wir brauchen eine nachhaltige Intensivierung, das kann nicht allein mit dem Ökolandbau gelingen, aber auch nicht mit einer konventionellen Landwirtschaft, die zu viele Ressourcen verbraucht“, so Schulze Steinmann. Er sieht in einer Verzahnung aus beiden Richtungen die Lösung.

Megatrend Hightech löst „größer, schneller, weiter“ ab

Matthias Schulze Steinmann (Bildquelle: Deter)

In seinem weiteren Vortrag hob der Fachjournalist die enormen technischen Leistungen des Agrarsektors hervor, das werde in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Während die Autoindustrie in den letzten Jahrzehnten kaum echte Hightech-Lösungen hervorgebracht habe, könne eine Sämaschine heute bei Hochgeschwindigkeit ein Saatkorn präzise in den Boden schießen.

„Bei digitalen Systemen gibt es ein exponentielles Wachstum, alle zwei Jahre verdoppelt sich die Rechnerleistung. Ich glaube auch nicht, dass es künftig ein größer, schneller, weiter bei der Landtechnik geben wird. Stattdessen wird die Technik digital, ressourcenschonend und smarter. Wir reden von Verbraucher-Akzeptanz, Umweltaspekten, Artenschutz. Gleichzeitig muss alles effizienter werden bei mehr Produktivität“, sagte Schulze Steinmann und verwies auf den Sammelbegriff AG-Tech für digitale Innovationen. Dies sei heute ein großer Markt mit unzähligen Start-Ups.

Externe Firmen übernehmen Innovationen

Der Redakteur erwartet, dass künstliche Intelligenzen in Zukunft planen, entscheiden und steuern, sie analysieren, verknüpfen Marktdaten und Wetterdaten und helfen so dem Landwirt. „Wir in Deutschland sind heute gut im Aufbau effizienter Strukturen, bauen große Ställe und schaffen eine günstige, leistungsfähige Produktion. Warum überlassen wir dann Innovationen externen Firmen?“, fragt Schulze Steinmann.

Als Beispiel nennt er das marinierte Trockenfleisch Beef Jerky für 40 Euro/kg, im Supermarkt erhältlich als Knabberei in kleinen Tütchen. Wie stehe da der Wert der Aufzucht der Rinder dem Marinieren und Trocknen durch den Verarbeiter gegenüber, so dass ein Kilopreis von 40 Euro gerechtfertigt ist? Solche Ideen müssten von den Bauern selbst kommen, meint der Fachmann, der neu das Onlinemagazin f3 farm.food.future herausgibt, das sich genau mit solchen Ideen beschäftigt.

„Irgendwann hat ein Bauer Scheuklappem auf und verpasst bei seiner täglichen Arbeit den Blick auf Trends, er bleibt in seinem Geschäft hängen“, warnt Schulze Steinmann und vergleicht dies mit dem Discounter Schlecker. Klasse seien dagegen Innovationen wie eine Algenproduktion auf dem Hof, das Projekt Dorfmilch oder Kartoffelchips vom Hof, die das Magazin f3 kürzlich vorstellte. „Die Vermarktung und freche Anzeigen sind bei allen der Schlüssel zum Erfolg“, weiß der Westfale und bedauert, dass die Bauern mit ihren Produkten bislang bloße Ablieferer sind und andere das große Geld mit den Produkten machen. Aber: Eine Nische biete auf der anderen Seite natürlich auch nur Platz für weniger Mitspieler.

Den anwesenden Bauern riet er, von der Professionalität der Vorbilder zu lernen und selbst etwas zu wagen, etwa wie sie beim Marketing vorgehen, das Internet für sich nutzen oder welche Unterstützer sie sich ins Boot holen.

Gegenüber dem Verbraucher sollten die Landwirte selbstbewusst und kritisch auftreten, nicht jede Kritik abbügeln, aber auch nicht jeden Wunsch erfüllen. Erfreulich sei, dass die frühere Wagenburgmentalität inzwischen aufgebrochen sei. Bei der Öffentlichkeitsarbeit sollte der Unternehmer Daten, Fakten und Hintergründe liefern, aber auch Gesichter, Gefühle, Empathie. „Da müssen wir besser werden. Erfolg hat der Mix aus Argumenten und Emotionen“, so Schulze Steinmann.

Zum Abschluss erläuterte er die Stufen der Professionalisierung. Als Unternehmer solle man sich Stufe für Stufe erarbeiten, sich fortbilden und durch das Lernen selbst Mitwachsen. Mit jeder Stufe werde es allerdings komplizierter. Der Chefredakteur wünscht sich, dass die Wertschöpfung in den Regionen bleibt und man in Zukunft nicht nur über Google und Amazon einkauft. Die Raiffeisenidee sei heute immer noch aktuell.

Aus der Präsentation Schulze Steinmanns (Bildquelle: Deter)

Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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Diskussionen zum Artikel

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von Steffen Hinrichs

Wie sollen die Betriebe das auch leisten ?!

Bei vielen Betrieben ist das Fremdkapital schon höher als das Eigenkapital ! Da müssen erst mal kostendeckende Preise erlangt werden und Digitalisierung macht auch keinen Wegeausbau zur besseren Erreichbarkeit der Flächen !

von Gerd Uken

Die Digitalisierung

Alleine melkt noch keine Kuh u. diese Herren im Nadelstreifenanzug erst recht nicht!

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