Dr. Clemens Dirscherl

Tierwohl: "Stellen Sie sich auf kritische Fragen von Rentnern ein!" Premium

Kaufland-Tierwohlberater Dr. Clemens Dirscherl hat jede Woche mit zahlreichen Anrufern zu tun, die Fragen zur Tierhaltung haben. Er stellt einen Wertewandel in der Gesellschaft fest. Zudem beklagt er, dass Schweinefleisch in die Schmuddelecke gedrängt und als ungesund betitelt wird.

In der Gesellschaft findet ein Wertewandel statt. Die Frage der Tierhaltung wird immer zentraler. Schon heute kann man das Thema Fleischerzeugung nur noch im Kontext einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung betrachten. Das erklärte Dr. Clemens Dirscherl, bei Kaufland für landwirtschaftliche Prozesse, Tierwohl und Nachhaltigkeit zuständig, am Mittwoch bei der Regionaltagung des Deutschen Verbandes Tiernahrung West in Bad Sassendorf.

Dabei berichtete der frühere Agrarbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dass er jede Woche mindestens zehn Anrufe von Kunden bekäme, die ihn mit allerhand kritischen Nachfragen zum Qualitätsfleischprogramm von Kaufland konfrontierten. Laut Dirscherl kommt da einiges auf die Branche zu. „Die Anrufer sind fast ausschließlich im Rentenalter, haben viel Zeit und kommen aus der Künast-Trittin-Generation. Sie fordern ihr Verbraucherrecht auf Information ein“, berichtete der Gastredner.

Als Beispiele für Fragen nannte er die Furcht vor Hormonen im Fleisch; gemeint war Improvac. Ein anderer verlangte dagegen die exakte Einhaltung der Vorgaben des Deutschen Tierschutzverbandes – ohne zu wissen, dass dieser Improvac unterstützt. Wieder andere fragten, ob die Verpackungsangaben stimmen und wie die Tiere gehalten werden. „Darauf müssen Sie sich einstellen, das werden in Zukunft noch viel mehr Anfragen“, so Dirscherl an die anwesenden Landwirte.

Der Wertewandel

Wie Dirscherl in seinem Vortrag auf Haus Düsse weiter feststellte, gebe es inzwischen auch auf fachlicher Ebene einen großen Wandel. Plädierten vor 20 Jahren Wissenschaftler in Beratergremien noch für ökonomisch effiziente Ställe mit modernster Technik auf Spaltenboden etc., so sei die Hälfte der Professoren heute durch jüngere Kollegen ersetzt, die für die Wiedereinführung von Stroh, mehr Platz und weiteren Tierwohlkriterien stimmen, die die ältere Generation gerade ...

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Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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Diskussionen zum Artikel

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von Matthias Zahn

Wertewandel wird durch Aldi, Lidl und Co voran getrieben

Der andauernde Konkurrenzkampf zwischen Aldi, Lidl und Co treibt diese Entwicklung stark voran. Im "Kampf um den Kunden!" versucht der Lebensmittelhandel die Kunden mit immer neuen Angeboten in den Laden zu locken. Hier GVO frei, da mehr Tierwohl und dann noch ein bisschen Bio. Man will alle Strömungen der Gesellschaft ansprechen. Es geht hier nur Vordergründig um eine artgerechte Tierhaltung und nachhaltige Nahrungsmittelproduktion. In erster Linie geht es um eine nachhaltige Gewinnentwicklung oben genannter Ketten! Und erst DADURCH werden Verbraucher im großen Stil sensibilisiert! Der Handel will sich seine Pfründe sichern, der Tierschutz ist das Feigenblatt und wir Bauern müssen den ganzen Mist ausbaden!!!!

von Stefan Lehr

Wer will aufklaeren?

Herr Dr. Dirscherl hat bereits in der Vergangenheit mehrfach Stellung bezogen -stets einseitig. Ich erinnere mich noch an sein letztes grosses Statement in topagrar als EKD-Repraesentant. Auch hier wurde eigentlich kraeftig gegen die Landwirtschaft getreten und auf die Selbsthilfe des Berufsstandes gedeutet. Aber so einfach ist es leider nicht. Auch wenn die Redaktion ein grosses positives Bemuehen von Herrn Dirscherl sieht, so ist es doch nur obeflaechliche PR, denn dafuer wird der gute Doktor bezahlt. Unternehmen wie Kaufland haben ausreichende markt- und gesellschaftspolitische Macht den genannten Punkten konstruktiv entgegenzutreten. Mit guter Werbung koennte Schweinefleisch positiv dargestellt werden (macht z.B. EDEKA). Auch bezueglich Offenheit und Herkunft der Lebensmittel koennte sich dieser Handelsriese positiv einbringen. Fazit: Die Landwirtschaft muss (und wird auch) auf die gesellschaftlichen Veraenderungen reagieren. Aber es geht nicht nur alleine! Und von LEH & Co. werden wir nur dann Hilfe bekommen, wenn es deren Portemonait anschwellen laesst - leider.

von Gerhard Steffek

In der Gesellschaft findet ein Wertewandel statt!

da mag er Recht haben. Hauptsächlich bedingt durch das "Nudging" (wie es Jörg Meyer bezeichnete). Bedingt dadurch weil heutzutage sehr viele ideologische Besserwisser zu Wort kommen, denen nichts entgegengehalten wird. Es wurden aber auch Unternehmungen wie annodazumal die CMA wieder schnell zu Grabe getragen. Das Problem das die Landwirtschaft doch hat, ist doch das sie ein "Urproduzent" ist und ihre Produkte durch viele weitere Hände gehen bis sie beim Verbraucher ankommen. Dadurch ist das "Urprodukt" entpersonifiziert und nicht mehr direkt zuortenbar. __ Anders sieht es ja z.B. beim Gemüse aus. Da kann noch der eine oder andere Landwirt auf dem Wochenmarkt stehen und in direkten Kontakt zum Kunden kommen. Aber auch hier haben wir dann nur "Einzelfälle", da die breite Masse dann doch bei ALDI/Lidl & Co. einkauft. Man stelle sich nur mal den Landwirt vor der mit seinem Schweine- oder Rindfleisch auf dem Markt steht und dies verkaufen möchte. Wäre damit auch die breite Masse zu versorgen? Bestimmt nicht, besonders nicht unter dem Aspekt des Preises. __ Die Landwirtschaft steckt grundsätzlich in dem Dilemma zwischen Theorie und Praxis, Wunsch und Wirklichkeit. Befeuert durch mittlerweile sehr vielen die berechtigte und unberechtigte Kritik, sowie Wünsche und Vorstellungen, ob sinnvoll oder nicht, umsetzbar oder nicht, generieren um sich selbst zu verwirklichen und auch noch damit perfider Weise ihr Einkommen zu sichern. Der Bauer ist hier dann wieder mal das übliche Opfer, wie so oft und über die ganzen Jahrhunderte hinweg. Wobei man hier bedenken sollte das zu den "Feudalzeiten" der "sogenannte Bauer" damals fast das ganze Volk war. Denn damals war ja schließlich im Grunde jeder irgendwie ein Tierhalter. __ Wußten damals die Leute noch über die Tierhaltung und die natürlichen Abläufe im Leben Bescheid, so kommen doch heute Fragen wie: "Wieso muß die Kuh jedes Jahr ein Kalb bekommen." Wenn solche grundsätzlichen Dinge nicht mehr bewußt sind, dann braucht man sich ja nicht wundern, werden die Leute nach Strich und Faden für Dumm verkauft. Dann kann man ihnen es für lau verkaufen das die Kühe "ausgemergelt" nach dem 3. Kalb vom Hof gehen. Dabei ist es nunmal die natürliche Biologie eines jeden Lebewesens sich fortzupflanzen und nachdem das Rind mehr oder weniger im Jahresablauf einmal Nachwuchs bekommt geht ganz einfach jedes Jahr "ein Leben über den Tisch". Entweder das Kalb oder die Kuh. Rechnerisch bei einer "Remontierungsrate" von 30 % ist das dann eben nach dem 3. Kalb die Kuh. "Rechnerisch" wohlgemerkt, für das einzelne Tier nicht grundsätzlich. Und - wenn man dann natürlich sich eine Holstein-Frisian zum Vorbild nimmt, dann braucht man sich auch nicht wundern, sieht diese "ausgemergelt" aus. Die schauen doch grundsätzlich so aus! Sind halt kein Fleckvieh - oder gar ein Charolais. __ Herr Dirscherl hat wahrlich recht darin, daß sich in der Gesellschaft die Werte verschieben. Aber überall, nicht nur in der Landwirtschaft! Dabei stelle ich immer wieder fest das der gesunde Menschenverstand besonders mit steigender Bildung auf der Strecke bleibt. Theorie ist halt nicht alles, die ergänzt sich dann nur mit der zunehmenden Einbildung. Dabei erkannte schon Arthur Schopenhauer es so treffend: "Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand."__ Darin sehe ich das größte Problem unseres Wertewandels.

von Christian Bothe

Dr.Dirscherl und seine Thesen

"Plädierten vor 20 Jahren Wissenschaftler in Beratergremien noch für ökonomisch effiziente Ställe mit modernster Technik auf Spaltenboden etc., so sei die Hälfte der Professoren heute durch jüngere Kollegen ersetzt, die für die Wiedereinführung von Stroh, mehr Platz und weiteren Tierwohlkriterien stimmen, die die ältere Generation gerade abgeschafft habe." Ob Dirscherl sich mit der praktischen LW auskennt? Obwohl den wichtigsten Fakt nannte er im 1.Teil seines Vortrages : eine effiziente LW und Ställe mit modernster Technik, eben auch Spaltenboden! Die Landwirte müssen wie jeder andere Volkswirtschaftszweig Profit erwirtschaften,um irgendwann mal EU Subventionen mindern zu können,was bei den Preisen im LEH kaum möglich ist. Das sollte Dirscherl mal bearbeiten! Was die älteren Fachkollegen publiziert haben,ist auch heute richtig,denn mit Wertewandel allein ( typisch EKD )kann man keinen Betrieb führen. Das sollten auch die jüngeren Fachleute erkennen auch wenn das momentan nicht populär ist wie unsere LW scheinbar insgesamt und das trotz Investitionen in die Tierhaltung zum Tierwohl und in die Pflanzenproduktion im Vergleich zu vor 20 Jahren...Das Thema Schweinefleisch hat er richtig bewertet und wenn der Verbraucher hier es nicht mehr will,die Chinesen und andere Länder freuen sich und dem hiesigen Schweinemäster tut es gut,wenn sich die Preise Richtung 2€ bewegen sollten. Zusammenfassend finde ich es schon interessant,das gerade ein Vertreter des LEH sich öffentlich präsentiert, da gerade der Handel mit der Einlistung von hochwertigen Erzeugnissen aus unserer LW (über Milchhof,Schlachthof etc.) seit Jahren massiv ein für den LW negatives Einkaufsverhalten an den Tag legt und dann noch Flyer mit Billigangeboten beim Discounter Lidl (Tochter von Kaufland) wöchentlich anbietet.

von Bernhard ter Veen

forderungen

nichts als Forderungen uns Landwirten gegenüber. und dann behaupten "Kaufland lässt Schlachten" ...noch lassen wir Bauern unsere Tiere selbst schlachten. Das müssen wir dann ja auch bezahlen. Nichts als Verbraucherverdummung und ...ja ich sage mal Täuschung was da LEH Konzernmässig zum eigenen wohle betrieben wird. ...so ein "ex-Kirchlicher" LEH- Agrarbeauftragter soll sich erstmal vor ort und selbst auf den Höfen informieren bevor solch bla-bla öffentlich herumposaunt wird.

Anmerkung der Redaktion

Das macht Herr Dirscherl bereits intensiv. Er sagte, dass er persönlich alle Höfe besucht, die am Programm teilnehmen oder dies planen. Er liest auch seit vielen Jahren regelmäßig top agrar und war schon als EKD-Vertreter in der Praxis und bei Bauernversammlungen unterwegs. Gruß Alfons Deter

von Jörg Meyer

Wertewandel und Kaufverhalten gehen getrennte Wege

Der Deutsche glaubt der Staats kann richten ohne sein Zutuen, das wird nicht funktionieren! Handelt es sich dabei eigentlich um einen Wertewandel von oben nach unten (Nudging) oder aufgrund eines wirklichen Bedürfnisses von unten nach oben? Alle Marktdaten die ich kenne zeigen das trotz massiver Medienpräsenz von allen möglichen selbsternannten Gutmenschen im Bereich Landwirtschaft viele dieser "artgerechten, naturnahen etc.." Angebote die Marktanteile nicht so groß sind wie es Kommuniziert wird! Es ist eben ein Unterscheid ob ein Marktanteil von 2 % um 10 % wächst oder ein Marktanteil von 20 %! Aber immer diese blöde Statisitk die kann einem alles verderben. Mathe ist eh unwichtig und darf nicht zu schwer sein, damit alle es verstehen wie beim diesjährigen Abitur! Ein Wertewandel sollte immer am Verhalten gemessen werden! Alles andere ist unredlich! Und wenn der verhaltensgesteuerte Wertewandel kommt werden wir Landwirte dieses auch ohne all die Diskussionen umsetzen, weil wir uns am Markt orientieren müssen!

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