Tierwohllabel: Viele verlieren die Geduld mit der Regierung

Der Willen des Bundeslandwirtschaftsministeriums, am eingeschlagenen Weg für ein freiwilliges Tierwohllabel festzuhalten, stößt auf Kritik. Der auf der Agrarministerkonferenz verabredete Plan reicht weder Schweinehaltern noch Tierschützern. Beide fordern mittlerweile unisono die verpflichtende Haltungskennzeichnung.

Der Willen des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL), am bisher eingeschlagenen Weg für ein freiwilliges staatliches Tierwohllabel festzuhalten, stößt auf Kritik. Der auf der Agrarministerkonferenz verabredete Plan reicht weder den Schweinehaltern noch den Tierschützern. Beide fordern mittlerweile unisono die verpflichtende Haltungskennzeichnung.

Die Ergebnisse der Agrarministerkonferenz (AMK) der vergangenen Woche sind für Schweinehalter mehr als ernüchternd, positioniert sich die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) überraschend klar. Dabei bleiben die Schweinehalter nicht bei der zu erwartenden Kritik, die das weitere Warten auf Lösungen zur Haltung von Sauen im Kastenstand und zum Ende der betäubungslosen Ferkelkastration auslöst. „Statt gleich auf eine zukunftsweisende Haltungskennzeichnung von Schweinefleisch zu setzen, will man zunächst auf das freiwillige staatliche Tierwohllabel, einen aus unserer Sicht absehbaren Rohrkrepierer, setzen“, fasst die ISN ihren Unmut zusammen.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hatte sich in der Abschlusskonferenz zur AMK am Freitag sehr detailliert zu den Plänen Bundesregierung zum Tierwohllabel geäußert. Sie will zunächst an dem Gesetzentwurf von ihrem Vorgänger Christian Schmidt für ein freiwilliges Tierwohllabel festhalten. Die Haltungskennzeichnung lehnt sie ab, weil sie dann auch den gesetzlichen Standard kennzeichnen müsste, sagte sie auch kürzlich im Interview mit top agrar online. Die Länderagrarminister konnten sich vergangene Woche nur auf den Passus einigen, dass sie „ein staatliches Tierwohllabel für Fleisch aus besserer Haltung“ unterstützen. Der Bund wurde aufgefordert, bis zur Herbstkonferenz einen Entwurf zur rechtlichen Ausgestaltung von verbindlichen Kriterien für eine nationale Kennzeichnungsregelung von Schweine- und Geflügelfleisch vorzulegen. Dabei sollen vorhandene Kriterien von Brancheninitiativen und Labels berücksichtigt werden. In Brüssel will sich der Bund gleichzeitig für eine EU-weite verpflichtende Kennzeichnung einsetzen.

Die ISN hält diesen Plan für „zu kurz gesprungen“. „Ein freiwilliges staatliches Tierwohllabel ist überflüssig, gebraucht wird eine verpflichtende Haltungskennzeichnung“, heißt es bei dem Verband aus Damme. Ein freiwilliges staatliches Tierwohllabel sei nur ein weiteres Label in der Reihe vieler. „Das braucht kein Landwirt, kein LEH und erst recht kein Verbraucher“, kommentiert die ISN weiter. Statt hier mit einem weiteren Label den Verbraucher zu belasten, würde die verpflichtende Haltungskennzeichnung als Raster für alle Schweinefleischprodukte für Transparenz beim Verbraucher sorgen, ist die ISN überzeugt. Und für die Schweinehalter wäre eine gut durchdachte Kennzeichnung eine sehr große Chance, wertet sie weiter. „Auch wenn die Umsetzung einer verpflichtenden Haltungskennzeichnung länger dauert, würde es sich lohnen direkt auf dieses Pferd zu setzen, statt auf einen absehbaren Rohrkrepierer freiwilliges Tierwohllabel“, schreibt die ISN.

Ähnlich enttäuscht wie die ISN äußern sich auch die Tierschützer der Tierschutzstiftung Vier Pfoten. „Schon zu lange hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft den immer lauter werdenden Ruf von Öffentlichkeit und auch von Produzenten ignoriert“, sagte Rüdiger Jürgensen, Geschäftsleiter von Vier Pfoten Deutschland. Er verweist auf die zahlreichen Aktivitäten des Handels beim Tierwohl und die bereits im Markt befindliche Haltungskennzeichnung von Lidl, deren Haltungskompass bei der bestehenden Initiative Tierwohl, dem Tierschutzlabel vom Tierschutzbund und dem Biosiegel bedient. “Nachdem sogar der Handel bereits in jüngster Vergangenheit selbst schon ein erstes Modell für eine Haltungskennzeichnung eingeführt hat, sprechen sich immer mehr Verbraucher und Verbände, wie der Deutsche Bauernverband oder auch der Rheinische Landwirtschaftsverband, für eine Haltungskennzeichnung aus: Damit steht die Politik unter Zugzwang“, heißt es bei Pfoten. Die Tierschützer fordern nun ein Umdenken der Regierung und eine verpflichtende staatliche Haltungskennzeichnung für alle tierischen Produkte.
 

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Artikel geschrieben von

Stefanie Awater-Esper

Korrespondentin Berlin

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