Kommentar

82 Millionen Landwirte

Von Volksbegehren bis Tierschutzlabel: Wie im Fußball haben die "Zuschauer" viele Wünsche an Landwirte. Wie geht man damit um?

Dieser Kommentar stammt aus der top agrar Südplus 3/2019. Jetzt testen und Claas gewinnen.

Jogi Löw hat keinen leichten Job. 82 Millionen Bundestrainer wissen alles besser als er – jahrzehntelange Erfolgsbilanz hin oder her. Ähnlich geht es den Landwirtsfamilien. Immer mehr Menschen haben „Verbesserungsvorschläge“. Politik und Handel übernehmen den Job der FIFA und erlassen laufend neue Spielregeln:

  • Die neue Düngeverordnung wird schon wieder verschärft. Die Derogation bleibt ausgesetzt. Das heißt: Betriebe dürfen nur 170 kg N/ha aus Wirtschaftsdünger nutzen und müssen den Rest weit wegfahren, um dann Mineraldünger zuzukaufen.
  • In Baden-Württemberg gilt jetzt ein Bewirtschaftungsverbot an Gewässern.
  • Gleichzeitig will das Land mit der Forstreform Waldbesitzern – anders als versprochen – neue Öko-Auflagen machen.
  • In Bayern räumen die Initiatoren des Volksbegehrens Artenvielfalt Fehler ein, sehen den Text aber trotzdem als Messlatte für den Gegenentwurf des Landtags.
  • Landkreise erteilen plötzlich keine Exportgenehmigungen mehr für Zuchtvieh.
  • Die Molkereien wären die Anbindehalter lieber heute als morgen los.
  • Die Supermärkte warten nicht auf das Tierschutzlabel des Bundes. Sie legen eine bald eigene Haltungs-Kennzeichnung auf.
  • Derweil bleiben die höheren Kosten in Labelprogrammen meistens an den Bauern hängen, zeigt die Erfahrung süddeutscher Erzeugergemeinschaften.

Claus Mayer, top agrar: "Vom Interesse aller profitieren wir, wenn wir es richtig anpacken." (Bildquelle: Meusener)

Allerdings: Haben Sie schon einmal gehört, dass sich Jogi Löw über die vielen „Experten“ beschwert hat? Vermutlich nicht. Er weiß genau, dass sein Geschäft nur funktioniert, wenn sich viele Menschen für Fußball interessieren.

Auch die Landwirte sind auf das Interesse und Verständnis der Bürger angewiesen. Die vielen Auflagen verursachen Kosten. Solange alle die Schuld für Artenschwund, Nitrat oder zu wenig Tierwohl bei den Bauern sehen, werden sie strengere Auflagen fordern – aber nicht bezahlen. Dann zahlen die Bauern drauf.

Deswegen war es klug, dass der Bayerische Bauernpräsident Walter Heidl beim Volksbegehren eine Kehrtwende hinlegte. Gab er sich anfangs forsch, räumt er nun den Artenrückgang ein und macht Angebote, was die Bauern zur Artenvielfalt beitragen können.

Das verschafft ihm Spielraum, um praxisgerechte Regeln zu fordern und Unsinn wie das Grünland-Walzverbot ab dem 15.3. zu verhindern. Vielleicht gewinnt er damit auch etwas Verständnis bei der Bevölkerung (siehe Südplus 3/2019).

Das wäre wichtig. Denn nur, wenn die Menschen Sympathie für die Bauern haben, akzeptieren sie, wenn der Staat ihnen bei neuen Artenschutz-Auflagen finanziell unter die Arme greift.

Im Grunde geht es den Landwirten wie Jogi Löw: Vom Interesse aller profitieren wir, wenn wir es richtig anpacken.

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Artikel geschrieben von

Claus Mayer

Redakteur SÜDPLUS

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Diskussionen zum Artikel

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von Gerhard Steffek

"Vom Interesse aller profitieren wir, wenn wir es richtig anpacken."

Mag ja stimmen, auch der Vergleich mit Jogi, aber wie so oft, der Teufel steckt im Detail. Im Gegensatz zu Jogi und seiner Nationalmannschaft, den JEDER HALBWEGS INTERESSIERTE sehen will, will nicht nur ein JEDER, sonder BRAUCHT sogar ein jeder die Landwirtschaft, bzw. dessen Produkte. Da habe ich aber ein schönes Interview von einer Unternehmerin im Ohr, die gefragt wurde wieso für den Liter Milch so wenig bezahlt, am liebsten ja gar nichts, aber für das Handy Unsummen von Euro ausgegeben wird. Ihre Antwort war mal wieder ein schöner Einblick in die Psyche des Kunden, die von unserer Wirtschaft, aber auch Politik, nach besten Kräften ausgenutzt wird. Zu diesem Problem sagte sie ganz einfach: Der Unterschied zwischen der Milch, dem Nahrungsmittel, und dem Handy ist der, daß die Milch von jedem GEBRAUCHT wird, während man das Handy HABEN will. Will sagen, daß was man HABEN will, für das ist man eher bereit Geld auszugeben als für das was man täglich BRAUCHT, ja vielleicht sogar als Selbstverständlich, als Grundrecht ansieht. Da liegt doch der Hase im Pfeffer und der Vergleich hinkt. Während man mit Spannung und Interesse das Fußballspiel beobachtet, sich darüber freut oder ärgert und seine klugen oder dummen Kommentare abgibt, stopft man sich währenddessen gedanken- und achtlos die Tüte Chips oder Burger in den Rachen und schüttet sich ebenso nebenbei das Bierchen oder Cola in den Schlund. Während das Spiel der Nationalmannschaft noch immer eine Besonderheit ist, ist gutes Essen heute eine Selbstverständlichkeit geworden, die man nicht mehr wahrnimmt, nicht mehr schätzt. Hierzu fällt mir Albert Schweitzer ein. Den verbinde ich immer mit dem Satz: "Wo die Ehrfurcht vor dem Leben schwindet, beginnt die Angst ums Leben".

von Gregor Grosse-Kock

Trainer

Bekommt 6 Mio € im Jahr und arbeitet nur 100Tage. Er schert sich nicht um Meinungen, weil sie für Ihn kein Gesetz werden. Ein scheiß Vergleich. Die Bauern sterben, Reiche sammeln alles zu einem geringen Wert ein und wir haben wieder ein Feudalismus. Durch unsere Art Demokratie wird nur dieselbe abgeschafft, mal drüber nachdenken!!!!

von Hubert Rustler

zufriedene Zuschauer

Eigentlich sind doch die "Zuschauer", sprich Verbraucher mit uns recht zufrieden. Sie gehen in die Lebensmittelmärkte und kaufen uns die Waren ab. Jeden Tag und jede Woche, immer wieder und ich habe noch keine Proteste an den Kassen oder gegen die Märkte gesehen. Sie gehen von einem raus und in den anderen rein. Auch hatte ich noch nie ein Problem, meine Waren an den Mann zu bringen, weder pflanzl. noch tierische Produkte und auch stets die ganze Menge. Höherer Preis hätte mich gefreut aber genommen wurde immer alles. Was wäre eigentlich, wenn die Preise deutlich höher wären, so wie gefordert?

von Albert Maier

Die Kehrtwende von Heidl...

... ist ein Fiasko. Entweder hat Haidl vorher die Unwahrheit gesagt oder jetzt. Die Glaubwürdigeit ist hin, künftig braucht er nichts mehr zu sagen!!!

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