Der Orient in Westfalen

Um uns herum tost der ferne Orient – Feuer und Leidenschaft aus 1001 Nacht. Nein, wir sind nicht im Urlaub in der Türkei, sondern besuchen ganz gesittet eine westfälisch-orientalische Tanzshow.
Dabei ist die erste Hürde die Uhrzeit. Start des musikalischen Farbspektakels ist 19 Uhr!! Das bedeutet für uns schon im Vorfeld richtig Stress, um die Stallarbeit rechtzeitig zu schaffen. Somit sind die Weichen für den Erschöpfungszustand des Eheliebsten gestellt. Da die Tanz-Vorstellung von Freunden organisiert wird, wurde ich gebeten, Fotos zu machen. Prima, dachte ich, da kann mir der Eheliebste ja helfen: Objektive austauschen, das Stativ platzieren, den Fotorucksack bewachen…
Während der ersten beiden Programmpunkte klappt die Zusammenarbeit auch noch ganz gut. Ich konzentriere mich aufs Fotografieren und nehme die Musik des Nahen Ostens kaum war. Beim dritten Programmpunkt hätte ich gern ein anderes Objektiv, greife zum Rucksack... Doch den umklammert der Eheliebste und gibt ihn nicht her. Zudem lagert sein Kopf gemütlich darauf. Kurz: Er schlummert, während unter Trommelwirbeln die arabische Tonleiter stark strapaziert wird.
Da er nicht wach wird, lasse ich sein lautloses Handy klingeln. Darauf reagiert er sofort – da wir immer mit einem Anruf des Melkroboters rechnen. „Ach, ist die Show zu Ende?“, fragt er zuerst verwirrt, dann hoffnungsvoll. „Die Musik ist so anstrengend.“
Enttäuscht nimmt er zur Kenntnis, dass ich nur etwas aus dem Rucksack krame. Während der nächsten beiden Stücke wirbeln junge und mitteljunge Damen ihre schillernden und bunten Kostüme über die Bühne.  Mit Beinshimmys und Schlangenarmen begeistern sie das Publikum – doch der westfälische Eheliebste wartet immer noch dringend auf einen Anruf vom Robbi.
Endlich ist Pause. Ich bekomme alle Fotountensilien zurück und mit einem „Bis später, ich muss nach den Kühen sehen. Ich glaube, der Handykontakt funktioniert hier im Saal nicht. Außerdem vertragen meine abendländischen Ohren die Vierteltöne der arabischen Intervalle nicht“, flüchtet der westfälische Milchviehhalter.