[23.03.2012]
Nach unserem suburb-Aufenthalt in Chantilly in der Nähe von Washington DC, fahren wir Mitte Januar die weite Strecke in den Süden der USA, Richtung Florida. Auf unserer Fahrt verändert sich langsam die Temperatur und die Vegetation. Anfangs fällt das Thermometer nachts sogar unter 0°C.
Da wir in unserem Auto schlafen, beeilen wir uns weiter nach Süden zu kommen. Als wir schließlich in Georgia bei unserem zweiten Zwischenstopp auf dem Weg nach Süden ankommen, hat es tagsüber schon angenehme 25°C. Wir hören, daheim in Österreich und Deutschland fällt ununterbrochen Schnee und es ist eiskalt. Bevor wir uns zur ersten Farm begeben, genießen wir daher noch mehr das warme Wetter in Florida, schwimmen und schnorcheln in 27°C warmen Karstquellen, schauen uns die Everglades an (Sümpfe im Süden Floridas), machen Bekanntschaft mit Krokodilen, Manatees (Seekühen) und vielen anderen exotischen Tieren. Wir befinden uns nun in den Subtropen, die Wälder sind eine Mischung aus Palmen, Pinien und Eichen in denen "Spanish Moss" hängt, was den Wäldern einen märchenhaften Charme verleiht.
An einem Wochenende im Februar kommen wir schließlich auf der Blaubeerfarm von Rick Caceres und seiner Familie in Oldtown, Florida an. Die ganze Familie ist am Wochenende zum Helfen da, während der Woche ist Rick alleine auf der Farm. Das Haus ist nun voll: Mutter mit Freund, Tante mit Sohn, Bruder mit Freundin und Hund, außerdem noch zwei andere WWOOFer aus Spanien, Sara und Borja.
Die erste Herausforderung war, sich alle Namen zu merken, alle Familienmitglieder zuzuordnen und sich in der ganzen Aufregung zurecht zu finden. In der Küche wurde gekocht, jeder schnibbelte am großen Tresen dem Herzstück der Küche - eine lebhafte und große Familie. Wir hatten gleich von Anfang an ein gutes Gefühl auf dieser Farm. Es ist schön, mal wieder in einem Haus zu sein, wo gekocht, geredet und gelacht wird. Wir werden herzlich aufgenommen, bekommen ein wunderschönes Zimmer im Farmhaus mit alten verblichenen Bildern von der Familie aus der Zeit, als Rick und sein Bruder noch Kinder waren. Der Großvater lächelt unter seinem Cowboyhut von der Wand und auf der anderen Seite des Raumes ein Foto von einem jungen Soldaten mit ernstem Blick und einer USA Flagge daneben. Überall im Haus stehen viele alte Familienfotos. Und obwohl wir hier gar nicht im Westen, sondern noch in Florida und nicht auf einer Rinderranch sondern auf einer Blaubeerfarm sind, gehört das Tragen des Cowboyhutes hier einfach dazu. Wir haben das Gefühl nun richtig in den USA angekommen zu sein.
Nach dem Essen bekommen wir eine erste Besichtigungstour über die Farm.
Die Farm hat eine Fläche von 50 acres, das sind ca. 20 ha und war zu Großvaters Zeiten eine Rinderfarm. Trotz der großen Fläche hatte der Großvater damals nur 15 Kühe.
Vor ein paar Jahren hatte Rick, der eigentlich Finanzwisssenschaften studiert hat und sein Leben in vielen verschiedenen Städten wie San Francisco, Miami und Los Angeles verbracht hat, die Idee, die Farm nun umzugestalten und Bio-Blaubeeren anzubauen. Die ganze Familie ist mit eingestiegen. Jeder hat seine eigene kleine Fläche um die er/sie sich kümmern muss und jeder hat natürlich auch Geld investiert. Die größte Fläche aber gehört Rick, der seinen Beruf an den Nagel gehängt hat und nun hauptberuflicher Blaubeerfarmer ist. Seine Frau lebt mit ihren zwei kleinen Töchtern in Jacksonville und arbeitet dort noch so lange bis die Farm genug Ertrag abwirft.
Verkauft werden die Blaubeeren über einen Zwischenhändler und Verpacker an "Whole Foods", die größte ( und auch teuerste) Biomarktkette der USA. Im Moment kann man mit Bioprodukten hier richtig viel Geld verdienen, weil die Nachfrage noch größer ist als das Angebot. Diesen Zwischenschritt möchte Rick in Zukunft auch noch ausschalten, indem er sein eigenes Packhaus baut. So bekommt er in Zukunft mehr Geld für seine Blaubeeren. So lange die Erträge aber noch nicht das Maximum erreicht haben (die Farm ist nun im 5. Jahr), muss noch gewartet werden.
Für die Betriebsumstellung hat Rick einen Kredit aufgenommen und es wird noch ein paar Jahre dauern, bis sich alles eingespielt hat, und sich die Farm rentiert.
Zur Befruchtung der Blaubeeren hat Rick eigene Bienen und Hummeln, von denen er später auch noch den Honig verkaufen möchte. Viele Farmen, so erzählt er uns, leihen ihre Bienen. Da man aber nie weiß, wo diese Bienen vorher waren und er ja biologisch produziert, hat er entschieden, seine eigene Bienen zu kaufen. Außerdem sei dieses Umziehen für die Bienen ein großer Stressfaktor und sie seien oft nicht gesund.
Neben den eigenen Erzeugnissen bereichert die Jagd und die Fischerei den Speiseplan vieler Farmen in den USA, so auch den der Blaubeerfarm. Rick meint, "hunting is green" (jagen ist grün/bio), es gehört hier zum alltäglichen Leben. Auf der Farm gibt es einen kleinen See, in dem angeblich auch ein Alligator lebt, und so ist die Versorgung mit frischem Fisch sichergestellt. Gejagt wird alles was einem vor die Flinte kommt: Wildschweine, Rehe, Hasen, Rebhühner, Krokodile, Eichhörnchen und auch Schildkröten. Mit Gemüse wird die Familie vom Nachbarn, dem Freund der Mutter, versorgt, der eine Biogärtnerei betreibt. Während unserer Zeit auf der Farm kommen wir daher in den Genuss von frischem Biogemüse und wissen das bei den saftigen Preisen in den USA ganz besonders zu schätzen.
Ein Betriebspraktikum bietet die einmalige Chance, einen weiten Blick über den Tellerrand zu werfen und die Erfahrungen für sich und den eigenen Hof zu nutzen. Stöbern Sie doch einfach mal durch die vielen Tagebücher unserer jungen Schreiber...
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