Krankheiten integriert kontrollieren – so gehts!

Die politischen Vorzeichen stehen auf Reduktion von Pflanzenschutzmitteln. Das macht den integrierten Fungizideinsatz aktueller denn je. Was dazugehört, erläutert unser Autor.

Politische Vorgaben wie „Neue Ackerbaustrategien“, „Farm to Fork“ und die breite Diskussion in der Gesellschaft zur Zukunft der Landwirtschaft verunsichern die Fachwelt. Oft heißt die Forderung: mehr integrierter Pflanzenschutz.

Beim Thema Krankheitskontrolle ist der integrierte Ansatz nichts Neues – momentan wendet die Praxis ihn aber nicht konsequent an. Neue alternative Methoden stehen zurzeit nur bedingt zur Verfügung. Die Digitalisierung und die meisten Prognosemodelle sind lediglich kleine Hilfsmittel.

Entscheidend ist vielmehr Folgendes: Für den integrierten Ansatz gilt es, alle zur Verfügung stehenden Parameter ganzheitlich zu nutzen und zu bewerten. Nachfolgend stellen wir Möglichkeiten einer integrierten Kontrolle von Getreidekrankheiten vor.

Keine Pauschalen Behandlungen mehr!

Grundsätzlich bestimmt die jahresspezifische Witterung das Auftreten von Krankheiten. In der Regel ist in feuchteren Jahren wie 2021 mit höherem Krankheitsdruck zu rechnen. Bis dato hat die Praxis dann auch intensiver behandelt, sicherlich gefördert durch die Beratung von Handel und Industrie.

Dass eine pauschal höhere Intensität selbst in solchen Jahren unnötig sein kann, zeigen unsere letztjährigen Demonstrationsversuche sehr schön. In drei Versuchen (Übersicht 1), immer in der Sorte Benchmark, trat ab Anfang Mai Gelbrost auf. Bei anhaltender Infektionswitterung entwickelte sich starker Befall, der in den Kontrollparzellen ab dem 15. Juni zu einem vollständig zerstörten Blattapparat führte. In diesen Versuchen waren drei Behandlungen für eine sichere Kontrolle notwendig. Bei Mehrerträgen von fast 35 dt/ha ließ sich eine hohe Wirtschaftlichkeit erreichen.

Gegenteilig konnten wir in drei weiteren Versuchen (Übersicht 2) nur geringe Mehrerträge bis maximal 10 dt/ha ernten, obwohl ebenfalls anfällige Sorten angebaut wurden. Pyknidien von Septoria tritici waren auch schon früh ab EC 29 vorhanden. Doch was sind die Gründe für die Unterschiede?

Im zweiten Fall startete die Epidemie trotz günstiger feuchter Witterung nur verhalten. In EC 78 ließ sich im Durchschnitt der drei Versuche ein Endbefall von 23% befallener Blattfläche auf den oberen drei Blättern bonitieren. Gelbrost war im Benchmark und Tobak zu finden, stärkerer Befall trat aber erst spät nach der Blüte auf. Gleiches war beim Braunrost zu beobachten. In der hoch anfälligen Sorte Tobak kam Erstbefall aufgrund kühler Witterung erst kurz vor der Blüte vor. Bis zum Ende der Milchreife entwickelte der Braunrost aber doch noch einen Endbefall von 35%. Auf diesen drei Standorten ließ sich der Krankheitsbefall mit nur einer Behandlung zu EC 49 sicher unter Kontrolle halten. Mit Mehrfachanwendungen konnte man den Ertrag zwar ganz leicht steigern, trotzdem hätte man mit nur einer Behandlung den höchsten Gewinn erzielt.

Zwischenfazit: Zusammenfassend zeigt sich, dass Behandlungen selbst bei feuchter Witterung niemals pauschal erfolgen dürfen. Vielmehr ist schlagspezifisch die richtige Intensität festzulegen. Denn neben der Witterung und dem Vorkommen von Krankheiten beeinflussen weitere Faktoren die Krankheitsentwicklung und das Schadmaß.

Krankheiten erkennen und richtig einschätzen

Um erregerspezifisch behandeln zu können, ist es wichtig, die Krankheiten zu erkennen – was nicht immer einfach ist. Das gilt besonders für Schneeschimmel, DTR oder Ramularia-Anfangsbefall. Zudem sollte man die Befallsentwicklung realistisch einschätzen können.

Weil Krankheiten nicht vom Himmel fallen, ist grundsätzlich zunächst Ausgangsbefall oder besser gesagt Sporenmaterial notwendig. Dies kann – wie bei Mehltau oder Rosten – mit dem Wind verbreitet oder über die grüne Brücke übertragen werden. Netzflecken- und Rhynchosporiumsporen sind schwer und können nur kurze Wege zurücklegen. In solchen Fällen werden Sporen aus befallenem Ausfallgetreide im direkten Umfeld oder über befallenes Saatgut auf die neue Kultur übertragen. Andere Krankheiten wie Septoria tritici, Fusarium oder DTR müssen zunächst eine Reifephase in Hüllkörpern (Pseudothezien) vollziehen, um dann mit dem Wind (Ascosporen bei Septoria) oder mit Regenspritzer auf die Kulturpflanze zu gelangen. Wenn dann die jeweilige optimale Witterung vorherrscht, kann der Pilz infizieren.

Da jede Krankheit spezifische Ansprüche an die Witterung stellt, kommen niemals alle Krankheiten gleichzeitig mit starkem Befall vor. Nach einer zunächst nicht sichtbaren Entwicklung im Pflanzengewebe erscheint später das das erregerspezifische Schadbild auf der Pflanze. Die Zeit von der Infektion bis zum Sichtbarwerden der Symptome bezeichnet man als Inkubationszeit.

Wie lang die Inkubationszeiten für die verschiedenen Krankheiten sind, entnehmen Sie der Übersicht 3. Generell gibt es „schnelle Krankheiten“ wie Mehltau, DTR oder Netzflecken und ausgesprochen „langsame Krankheiten“, wie vor allem Septoria tritici. Es gilt: Je kürzer die Inkubationszeit, umso schneller kann sich eine Krankheit im Feld ausbreiten bzw. umso mehr Generationen sind möglich. Das ist wiederum wichtig für den Epidemieverlauf, da anfangs mit der ersten Generation nur wenige Sporen- oder Pyknidien für die Verbreitung der darauffolgenden Generation zur Verfügung stehen. Krankheiten werden grundsätzlich erst dann kritisch, wenn nach einer Etablierung der Befall mehr oder weniger exponentiell zunimmt. Für die Entwicklung von stärkerem, wirklich ertragsrelevantem Befall sind bei den meisten Krankheiten mindestens sechs aufeinander folgende Generationen (nicht Infektionen) erforderlich.

Tipps zu „langsamen Krankheiten“…

Die langsamen Krankheiten wie Septoria benötigen zur Ausbildung von Starkbefall einen Vorlauf im Herbst und Winter. Deshalb hat Septoria im Sommerweizen kaum eine Bedeutung. Erst wenn mindestens drei, besser vier Generationen bis zum Schossbeginn (EC 30) durchlaufen sind, kann sich starker Ausgangsbefall gebildet haben (hohe Pyknidiendichte), um in der Zeitspanne von EC 31 (um den 25. April) bis EC 71...