Von der Windschutzhecke bis zum Hühnerwald

Der Anbau von Bäumen auf Acker- und Grünland bekommt mehr politischen Rückenwind. Pioniere aus ganz Deutschland zeigen, wie die Agroforstwirtschaft gelingt.

Auf dem Weg zum Melken knabbern die 70 Milchkühe von Familie Riecken aus Großbarkau bei Kiel gern nochmal kurz an den Bäumen wie Hasel, Bergahorn oder Eberesche. Rechts und links vom Triebweg stehen aber auch Erlen, Vogelkirschen, Edelkastanien, Holunder und Wildkirschen als Wegzehrung für die Tiere. „Wir haben diese Futtergehölze bewusst angebaut, um das Futterspektrum der Tiere zu erweitern“, erklärt Felix Riecken, der den Hof von seinen Eltern gerade übernimmt. Die „Futterlaubhecke“ ist eine von drei Agroforstprojekten, die Familie Riecken im Jahr 2020 umgesetzt hat.

Eine weitere Maßnahme war der Anbau von Edelkastanien zur menschlichen Ernährung. „Sie gelten als interessante Alternative zu Getreide als Kohlenhydrat“, erklärt der junge Hofnachfolger, der damit eine Nische besetzen will. Als Drittes hat er auf einer Kuhweide Obstbäume wie Apfel, Birne, Mirabelle, Reneklode, Kirsche und Pflaume gepflanzt. Das Obst vermarktet er über den Hofladen.

Maßnahme gegen die Dürre

Reiner Guhl aus Perleberg in der brandenburgischen Prignitz will mit Pappelreihen auf dem Acker die Winderosion bremsen und der anhaltenden Trockenheit begegnen. „Wir müssen viel beregnen, haben aber trotzdem Probleme mit der Ertragssicherheit. Der bisherige Ackerbau muss sich auf den Klimawandel einstellen“, ist er überzeugt. Neben Pappeln plant er, Kastanien, Nussbäume, Sanddorn oder Apfelbäume zu pflanzen, auch um deren Früchte zu ernten und zu vermarkten.

Auch die Region Nordbayern war in den vergangenen Jahren von der Trockenheit stark betroffen. Das Team des Bauernhofs von Familie Frey in der Nähe von Miltenberg (Unterfranken) hat deshalb schon 2017 auf 4,5 ha einen Hühnerauslauf mit Wildhecken und Obstbäumen angelegt. Mitte April kamen auf einem ihrer Äcker drei Baumstreifen mit über 2000 Bäumen dazu, die die Spezialfirma Lignovis gepflanzt hat. Da die Bäume immer wieder nachtreiben, können sie nach ca. 15 Jahren gefällt und zu Hackschnitzeln oder Pfostenholz verarbeitet werden.

Viele Vorteile

Die Betriebe Riecken, Guhl und Frey sind nur einige der Betriebe, die Bäume oder Gehölze auf dem Acker oder auf Grünland anbauen. Diese „Agroforstsysteme“ bieten mehrere Vorteile:

  • Sie sorgen für mehr Struktur in ausgeräumten Landschaften. Das fördert nicht nur die Artenvielfalt, sondern bremst den Wind und reduziert damit die Erosion von Ackerboden.
  • Rechts und links von den Baumreihen lassen sich auf dem Acker Blühstreifen anlegen, von denen Niederwild und Insekten profitieren oder sich Nützlinge ansiedeln können.
  • Wie verschiedene internationale Studien zeigen, bringen Bäume und Ackerkulturen allein betrachtet zwar weniger Ertrag als die jeweilige Einzelkultur. Aber in Kombination ist der Ertrag pro Hektar insgesamt höher. Dafür sorgen u.a. das veränderte Mikroklima auf der Fläche, der abgebremste Wind, eine höhere Regenwurmdichte, der Nährstoffeintrag durch das Laub und...