Aus dem Heft

Vorkeimen lohnt – nicht nur bei Öko-Kartoffeln!

Das richtige Vorkeimen von Pflanzgut ist im Öko-Landbau die wichtigste Maßnahme, um Erträge zu sichern. Die Gründe sollten auch konventionelle Anbauer aufhorchen lassen.


Neben der Wahl von Sorten mit einwandfreiem Pflanzgut verfügt der Öko-Landbau hauptsächlich über drei Maßnah­men, um die Ertragsbildung zu sichern:


Vorkeimen des Pflanzgutes,


Verbessern der meist verhaltenen Nährstoffnachlieferung und


ergänzende Kupferbehandlung gegen Krautfäule.


Diese Maßnahmen hat die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen einzeln und in Kombination mit verschiedenen Sorten auf unterschiedlichen Standorten langjährig untersucht. Dabei stellte sich unter anderem heraus, dass sich optimale Kartoffelerträge langjährig gesichert nur mit Vorkeimung erzielen lassen. In Jahren mit starker Krautfäuleinfektion bewahrte das Vorkeimen sogar vor dem Totalausfall. Wird Pflanzgut vorgekeimt, haben sich die Erträge weitgehend gebildet, bevor sich die Kraufäule ausbreitet. Eine optimierte N-Versorgung verstärkt den positiven Vorkeimeffekt. Eine Kupferbehandlung ist dann nicht mehr notwendig. Ohne Vorkeimen und bei schlechter Nährstoffnachlieferung ließ sich auch mit einer Kupferspritzung als alleinige Maßnahme kein ausreichender Erfolg erzielen.


Neuere Untersuchungen (siehe Übersicht 1) unterstützen die langjährigen Ergebnisse. Die Übersicht zeigt den Einfluss von Vorkeimung, Düngung und Kupferbehandlung auf den Ertrag im Öko-Landbau. Aufgrund der Krautfäuleinfektion wurde auf einem Sandstandort in Westfalen 2008 bei der unbehandelten Kontrolle nur ein geringes Ertragsniveau von 121 dt pro ha erreicht. Durch Vorkeimen ließ sich der Ertrag der Sorte Cilena um 84 % steigern. Ohne Vorkeimen aber mit einer 5-maligen Kupferspritzung (je 500 g Cu/ha) lag der Ertragszuwachs lediglich bei 31 %.


Im Jahr 2009 reagierte die Sorte Solana bei einem hohen Ertragsniveau (Kontrolle 435 dt/ha) nicht so deutlich auf durchgeführte Maßnahmen wie Cilena im Vorjahr. Das lag zum einen an der Sorte, aber auch am schwächeren Krautfäuledruck im Jahr 2009. Trotzdem betrug der Ertragsvorteil nach Vorkeimung noch bei 52 dt/ha. Er bewegte sich damit auf gleichem Niveau wie bei der nicht vorgekeimten Variante mit 6-maliger Kupferbehandlung nach Prognosemodell.


Maximalerträge waren nur zu erzielen, wenn alle Maßnahmen kombiniert wurden. Die Vorkeimung war dabei aber die wichtigste Grundvoraussetzung. Da der Ökolandbau aber Maximalerträge nicht anstrebt, ließen sich die Kupferbehandlungen deutlich reduzieren bzw. konnte ganz auf sie verzichtet werden.


Das Vorkeimen ist daher für fast alle Betriebe zu empfehlen. Auf stark spätfrostgefährdeten Standorten kann es jedoch weniger sinnvoll sein.


Weiterer Vorteil der Vorkeimung: Sie sorgt für einen sichereren Feldaufgang. Gerade bei schlechtem Pflanzgut oder auf kälteren, nassen Böden sind die Auflaufschäden durch Rhizioconia solani oft erheblich. Die frühere Abreife vorgekeimter Bestände ermöglicht zudem eine Ernteverfrühung. Dadurch lassen sich Lochschäden durch das Dry-core-Symptom von Rhizoctonia solani und durch Drahtwurmfraß reduzieren.


Trotz der Vorteile lehnen viele Landwirte das Vorkeinem ab: Zu teuer, zu arbeitsaufwändig, fehlende optimale Legetechnik. So lauten ihre Bedenken. Immerhin kostet das Vorkeimen je nach Verfahren ca. 300 und 500 €/ha. Wer vorkeimen will, sollte sich daher intensiv mit der Technik auseinandersetzen. Wichtig ist die Steuerung durch Temperatur- und Lichteinfluss. Bei der Wahl der Vorkeimbehälter haben sich meist die kleinen Vorkeimkisten durchgesetzt, die mit ca. 10 kg (max. 2 Knollenlagen) und in einer Stapelhöhe von ca. 7 Kisten gelagert werden. Vorkeimsäcke, die an speziellen Tragegestellen aufgehängt werden, sind seltener in der Praxis zufinden.


Mit Licht die Keimlänge steuern


Unabhängig von den Vorkeimbehältern ist es wichtig, stabile 10 bis max. 20 mm lange Lichtkeime zu erzeugen, die beim Legen nicht abbrechen. Dies lässt sich durch gezielten Lichtenfluss erreichen. Mit einer Temperatursteuerung können Sie die Anzahl der Keime beeinflussen. Damit haben Sie sogar die Möglichkeit, die Größensortierung zu manipulieren. Gewünscht ist, dass sich möglichst viele Augen öffnen, um einen hohen Knollenansatz zu erzielen. Dies bedingt wiederum die Bildung vieler, aber kleiner Knollen. Diese multiple Keimung nutzen meist Züchter und Vermehrer. Sie erfolgt durch Langzeitlagerung bei 4 bis 5 °C.


Eine Warmlagerung bei über 10 bis 12 °C fördert die apikale Dominanz. Das heißt: Der Haupttrieb unterdrückt die Nebentriebbildung. Dies führt zu geringerem Knollenansatz und fördert die Bildung großer Knollen. Dies ist vor allem bei Frühkartoffeln anzustreben. Durch Abkeimen oder Abbrechen der Keime wird die apikale Dominanz gebrochen bzw. reduziert. Es regt Nebentriebe, zum Keimen an.


Fehler beim Vorkeimen


Das Vorkeimen beginnt meist ca. 6 bis 8 Wochen vor dem geplanten Pflanztermin. Die Temperatur wird dabei auf 10 bis 12 °C erhöht. Keimträgen Sorten sollten Sie einen zusätzlichen Temperaturstoß geben. Die Anwärmluft beträgt dabei max. 20 °C. Die Knollen sollten aber keinen direkten Kontakt mit ihr bekommen. Nach dem Temperaturstoß, wenn sich die Keime zeigen, müssen Sie die Temperatur wieder senken.


Da die Sorten sehr unterschiedlich reagieren, sollten Sie diese möglichst getrennt vorkeimen. Eine Trennung erreichen Sie z. B. durch die Stellung im Vorkeimraum bzw. durch Noppenfolie.


Viele Landwirte, die sich das Aufsetzen in Vorkeimkisten ersparen wollen, versuchen die in Großkisten oder Big Bags gelagerten Kartoffeln durch Temperatur-erhöhung vorzukeimen bzw. eine Keimstimulierung zu erreichen. Diese Behältnisse sind hierfür jedoch denkbar ungeeignet. Denn durch die dichte Lagerung und die Temperaturdifferenzen bildet sich Schwitzwasser. Dieses schafft optimale Entwicklungsmöglichkeiten für Fäulnis und Krankheiten. Ungleiche Lichtverhältnisse im Stapel führen außerdem zur Bildung von Dunkelkeimen. Die Folge: Schlechter, uneinheitlicher Feldaufgang.


Auch bei optimalem Vorkeimen brechen beim Legen immer wieder Keime ab. Hier gilt: Wer sich die Mühe macht, vorzukeimen, der sollte dann auch konsequent schonend pflanzen. Hierzu gehört der vorsichtige Umgang mit den vorgekeimten Knollen. Entleeren Sie Vorkeimbehälter nicht im Hau-Ruck-Verfahren, sondern langsam mit niedrigen Fallhöhen in die Pflanzmaschine! Halbautomaten mit Hand­einlage sind hierzu am besten geeignet.


Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen lässt sich ein Abbrechen von Keimen nicht völlig vermeiden. Welchen Einfluss dies auf den Knollenertrag hat, haben wir in Versuchen in Köln-Auweiler geprüft. Bei den Sorten Laura und Belana haben wir in den Jahren 2008 und 2009 jeweils 50 % der am leichtesten zu entfernenden Triebe je Knolle von Hand beseitigt. Belana hatte wesentlich stabilere Keime als Laura. Trotz der hohen Keimruhe reagierte Belana schwächer auf die Vorkeimung als Laura. Gegenüber den nicht vorgekeimten brachten die vorgekeimten Kartoffeln ohne Keimabbruch in beiden Jahren bei beiden Sorten statistisch gesicherte Mehrerträge von 84 bzw. 72 dt/ha (32 bzw. 25 %) bei Laura und 44 bzw. 36 dt/ha (15 bzw. 16 %) bei Belana (siehe Übersicht 2).


Durch Keimabbruch war der Vorkeim-erfolg im Jahr 2008 deutlich bis zu 60 % reduziert. Der trotzdem erzielte Mehrertrag gegenüber der Kontrolle ließ sich nicht absichern. In 2009 brachte das Abbrechen der Keime keinen Nachteil. Der Ertragsvorteil gegenüber „ohne Vorkeimung“ war genauso hoch wie bei den Knollen, bei denen keine Keime abgebrochen wurden.


Vorläufiges Fazit: Auch wenn ein erheblicher Teil der vorgekeimten Triebe abbricht, bringt das Vorkeimen immer noch deutlich positive Ertragseffekte. Sehr hohe Verlust von 50 % der Keime – wie im Versuch – sollten Sie aber auf jeden Fall vermeiden.


Mit Lichtspektrum und Beleuchtungsstärke steuern


Stabile Lichtkeime erhalten Sie mit der passenden Belichtung, Denn damit können Sie den Abstand zwischen den Internodien im Keim verkürzen. Gerade beim Neueinstieg in die Vorkeimung stellen sich folgende Fragen: Welche und wie viele Leuchtstoffröhren sind für eine effiziente Vorkeimung notwendig? Lohnt es, in ein Vorkeimhaus zu investieren?


Um die praxisüblichen Beratungsempfehlungen „Warmtonlampen“ und „100 Watt Leistung je t Pflanzgut“ zu überprüfen, testet derzeit das Institut für Organischen Landbau der Universität Bonn im Rahmen des Projektes „Leitbetriebe Ökologischer Landbau in NRW“ 4 praxisübliche Leuchstoffröhren der Firma Osram mit folgenden Kennungen: 640 (Kaltton), 830 (Warmton), 930 (Warmton spezial) und 77 (Pflanzenlicht) in jeweils 2 Beleuchtungsstärken (20 & 200 Lux). Diese werden an zwei Kartoffelsorten (keimfreudige Nicola, keimträge Belana) mit Vorkeimung im Gewächshaus und der Kontrolle (Dunkellagerung Vorkeimraum bzw. Kühlhaus) verglichen.


Die in der Beratungsempfehlung genannte Lichtleistung (Watt) kann durch zahlreiche Einflüsse (z. B. Raumbeschaffenheit, Position der Lampen usw.) zu sehr unterschiedlichen Beleuchtungsstärken (Lux) an den Knollen führen. Dies bestätigen zahlreiche Messungen auf den Leitbetrieben. Es gibt heute erschwingliche Geräte für 30 bis 40 €, mit denen sich die Beleuchtungsstärke direkt an den Knollen überprüfen lässt.


Den Einfluss von Lichtspektrum und Beleuchtungsstärke auf die Keimlänge der Sorten Nicola und Belana zur Pflanzung am 29. April 2008 zeigen die Fotos auf Seite 62. Das Längenwachstum der Keime wurde bei beiden Sorten durch Pflanzenlicht und Warmtonlampen stärker gehemmt als durch Kalttonlampen (77 < 930 < 830 < 640). Eine höhere Beleuchtungsstärke führte bei beiden Sorten zu kürzeren Keimen. Die keimfreudige Nicola entwickelte vor allem bei niedriger Beleuchtungsstärke deutlich längere Keime als die keimträge Belana.


Die kürzesten Keime wurden durch Vorkeimung im Gewächshaus erzielt. Bei dieser Methode ist vor allem die Frostfreiheit und eine ausreichende Luftumwälzung zum Temperaturausgleich zwischen unteren und oberen Kisten zu gewährleisten. Zweimal 30 bis 60 Minuten/Tag (Zeitschaltuhr) reichen dabei meist aus. Abgase müssen bei der Belüftung abgeführt und Frischluft regelmäßig zugeführt werden.


Obwohl die Wirkung der Lampen und der verschiedenen Beleuchtungsstärke auf das Längenwachstum der Keime sehr deutlich war, beeinflusste die unterschiedliche Vorkeimung im ersten Versuchsjahr den Ertrag nicht statistisch gesichert (siehe Übersicht 3). Einen gesichert niedrigen Ertrag erzielte Nicola nur in der Variante „dunkel & warm“, d. h. unter suboptimalen Vorkeimbedingungen. In dieser Variante bestimmte offenbar die Anzahl Knollen je Staude den Ertrag. Die extrem langen Keime waren abgebrochen.


Ohne Vorkeimung erzielte im Versuchsjahr 2008 mit realtiv spätem Auftreten der Krautfäule nur die keimträge Belana einen gesichert niedrigen Ertrag. Aufgrund der verzögerten Entwicklung war das Einzelknollengewicht in dieser Variante „dunkel & kalt“ um fast die Hälfte reduziert. Dass lange Keime offensichtlich nur bei der Sorte Nicola in der Extremvariante „dunkel und warm“ verstärkt abbrachen, lässt sich möglicherweise durch den eher sanften Umgang mit den Pflanzkartoffeln bei der Versuchspflanztechnik erklären. Im zweiten Versuchsjahr 2009 haben wir daher eine etwas weniger schonende Behandlung simuliert.


Fazit für die Praxis


Aus den ersten Ergebnissen zur Belichtung beim Vorkeimen lässt sich schließen:


Bei keimfreudigen Sorten wie Nicola ungünstige Vorkeimbedingungen (dunkel & warm) unbedingt vermeiden.


Selbst im krautfäulearmen Jahr 2008 bringt Vorkeimen bei keimträgen Sorten (Belana) deutliche Ertragsvorteile.


Langjährige Versuche der LWK NRW zeigen im Mittel der Sorten und Jahre einen Ertragsvorteil für die Vorkeimung von ca. 50 dt/ha bei Öko-Kartoffelanbau.

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