Stimmen

Agrarwissenschaftler stehen neuer Düngeverordnung kritisch gegenüber

Wie sehen Deutschlands Agrarwissenschaftler die neue Düngeverordnung? Das Science Media Center Germany gGmbH (SMC) hat Stimmen von einigen Agrarunis gesammelt.

Der Bundesrat hat am Freitag gegen den Widerstand der Bauern die neue Düngeverordnung verabschiedet. Damit könnte die Grundlage gelegt sein, um dem Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland durch die EU-Kommission wegen zu hoher Nitrat-Belastung des Grundwassers eine entscheidende Wende zu geben.

Uptmoor: "Düngereduktion bringt viele Nachteile"

Prof. Dr. Ralf Uptmoor von der Uni Rostock hält es für sinnvoll, die neuen Regeln erst zum 1. Januar 2021 umzusetzen, weil die Betriebe sich nicht innerhalb einer laufenden Vegetationsperiode umstellen müssen und ab Herbstaussaat konkret an den neuen Richtlinien orientieren können. „Ob die Corona-Pandemie für die Verschiebung der Umsetzung der Düngeverordnung als Begründung taugt, ist eine andere Frage. Aufgrund des Einreiseverbotes fehlende Erntehelfer, Traktorfahrer und so weiter stehen viele Betriebe aktuell vor Problemen, die eigentlich nicht zu bewältigen sind. Die Düngeverordnung ist da weit weniger gravierend“, so Uptmoor.

„Die Reduktion der Düngung um pauschal 20 % unterhalb des pflanzenbaulichen Bedarfs in Regionen mit hoher Nitratbelastung im Grundwasser scheint zunächst sinnvoll, denn in der Regel wird erwartet, dass die Stickstoffabfuhr mit dem Ertrag um weniger als 20 % sinkt. Die Maßnahme bringt aber viele Nachteile mit sich“, so der Professor weiter. So könne es zum einen passieren, dass aus Qualitäts- und Brotweizen Futterweizen wird, weil die notwendigen Proteingehalte nicht erreicht werden. Zum anderen könnten Gemüseproduzenten zum Beispiel beim Brokkoli die vom Markt geforderten Qualitäten nicht mehr erreichen, was wiederum dazu führt, dass mehr Erntereste und damit mehr Stickstoff auf dem Feld verbleibt. Hier sind seiner Meinung nach auch Handel und Verbraucher gefordert, ihre Qualitätsansprüche den Gegebenheiten anzupassen.

Das vorhandene bzw. für die Verordnung herangezogene Nitratmessnetz hält Uptmoor für „ziemlich gut“. Auch sind seiner Meinung nach die Ursachen für hohe Nitratwerte im Grundwasser häufig eindeutig auszumachen. „So ist zum Beispiel das Problem in den Vieh-intensiven Regionen Niedersachsens und Nordrhein-Westfalens hausgemacht. Hätte man dort schon vor vielen Jahren konsequenter reagiert, wären die aktuellen Probleme zumindest weniger ausgeprägt. Vor diesem Hintergrund fehlt mir das Verständnis für die Argumentation mit der Auswahl der Messstellen“, so der Wissenschaftler.

Möckel: Mit der neuen VO drohen sogar höhere Nährstoffeinträge

Dr. Stefan Möckel

Dr. Stefan Möckel (Bildquelle: ufz)

Eine interessante Sichtweise führt Dr. Stefan Möckel, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) Leipzig an. „Die neuste Novelle könnte mit der Streichung der Flächenbilanzobergrenzen (bisher § 9 DüV) in der Fläche zu höheren Nährstoffeinträgen in die Umwelt führen, da die Stoffstrombilanz-Verordnung mit ihren ökologisch zu hohen Bilanzobergrenzen nicht nachgebessert wird. Ob daher insgesamt die Ziele der Nitrat-Richtlinie – maximal 50 Milligramm Nitrat pro Liter – tatsächlich erreicht werden, bleibt abzuwarten“, so Möckel.

Seiner Meinung nach greifen die Novelle und die Diskussion mit ihrer Fokussierung auf die Nitrat-Richtlinie und Gewässer insgesamt zu kurz, da sie die weitreichenden ökologischen Auswirkungen von Nährstoffüberschüssen und diesbezügliche Schutzverpflichtungen Deutschlands nicht in den Blick nehmen. Hierzu gehören laut Möckel neben den Klimawirkungen insbesondere die zu hohen Nährstoffeinträge in terrestrische Ökosysteme, welche die Erreichung der internationalen, europäischen und deutschen Naturschutzziele – unter anderem die Konvention über die biologische Vielfalt CBD, die europäische Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie und Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt der Bundesregierung 2007 – gefährden.

„Ökologisch wie rechtlich sind zwei Hauptaufgaben zu lösen: die Reduzierung der Gesamtnährstoffemissionen und der ausreichende Schutz lokaler Ökosysteme vor übermäßigen Nähreinträgen entsprechend ihrem Erhaltungszustand und ihrer spezifischen Vulnerabilität. Diese Aufgaben erfordern einen breit aufgestellten Instrumentenmix, der weit über eine Düngeverordnung des Bundes hinausgeht“, sagte der Wissenschaftler.

Dittert: „Schlechter Kompromiss für die Bauern“

Prof. Dr. Klaus Dittert

Prof. Dr. Klaus Dittert (Bildquelle: www.iapn.de)

Prof. Dr. Klaus Dittert von der Georg-August-Universität Göttingen hält die neue Verordnung für einen „schlechten Kompromiss für die Landwirtschaft“. „Die Düngeverordnung 2017 war ein sehr wichtiger und effektiver Schritt für die Verbesserung der Situation in Deutschland, wenngleich sie handwerklich noch einige Mängel aufwies, die aus meiner Sicht 2020 hätten revidiert werden sollen. Zum Teil werden sie nun revidiert.“

Kernpunkt der aktuellen Änderung sei nun die pauschale Kürzung der Stickstoff-Düngung um 20 % in den roten Gebieten. Damit werde eine Änderung beschlossen, die von der Landwirtschaft in den roten Gebieten als pauschale Bestrafung empfunden wird, und die – was in seinen Augen erheblich schwerwiegender sei – für die Betroffenen keine Anreize setzt, sich auf das eigentliche Problem zu fokussieren, nämlich die Nährstoffüberschüsse, so Dittert weiter.

„Aus der landwirtschaftlichen Forschung in Trinkwassergewinnungsgebieten kennen wir inzwischen zahlreiche, effektive Maßnahmen, um Nährstoffüberschüsse sehr gering zu halten, ohne dabei die landwirtschaftlichen Erträge zu vernachlässigen. Eine pauschale Verminderung der Düngung um 20 % ist nicht das Mittel der Wahl, sondern die gezielte Nutzung wissenschaftlicher und pflanzenbaulicher Erkenntnisse zur Überschussminderung. Je nach Anbaukultur, Boden, Struktur des landwirtschaftlichen Betriebes und Klima sind diese Maßnahmen unterschiedlich. Wenn man den Bilanzüberschuss zum entscheidenden Kriterium macht, so setzt man für die Landwirtschaft Anreize, alle vorhandenen Erkenntnisse und Talente in dieser Richtung einzusetzen. Im Laufe der Zeit besteht zudem die Option, die zulässigen Überschüsse weiter herabzusetzen“, erklärte der Leiter der Abteilung für Pflanzenernährung und Ertragsphysiologie.

Er habe die Hoffnung, dass nun vor dem Hintergrund der sehr ungerechten Minus-20-Prozent-Regelung zügig ein wirklich sinnvolles Instrumentarium geschaffen und in den Bundesländern implementiert wird, so dass diese Kompromisslösung in wenigen Jahren durch ein effektives und gerechtes Konzept ersetzt werden kann.

Kage: „Pauschale Reduktion wird Ziel verfehlen“

 Prof. Dr. Henning Kage

Prof. Dr. Henning Kage (Bildquelle: privat)

Insbesondere die pauschale Reduktion der Stickstoffdüngung um 20 % in den sogenannten ‚Roten Gebieten‘ wird die Nitratkonzentration nach Ansicht von Prof. Dr. Henning Kage von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel nur wenig mindern können, habe jedoch – je nach Kulturart – deutliche Ertrags- und teilweise Qualitätsminderungen zur Folge. Hier könne er die Kritik der Landwirte gut nachvollziehen.

„Ebenso kritisch sehe ich das generelle Verbot der Düngung auf tagsüber auftauenden Böden. Hierdurch werden Erträge, aber auch die Bodenstruktur negativ beeinflusst. Es wäre ausreichend gewesen, diese Maßnahme auf Flächen mit größerer Hangneigung zu begrenzen oder Abstandsauflagen auszusprechen.“

Die ebenfalls sehr kritisch gesehene Begrenzung beziehungsweise das teilweise ausgesprochene Verbot der Herbstdüngung hält Kage für letztlich sinnvoll, insbesondere vor dem Hintergrund der Kontrolle der Stickstoffmengen, die im Herbst ausgebracht werden. Fachlich sei eine Herbstdüngung in bestimmten Fällen nicht zu kritisieren – zum Beispiel zu Zwischenfrüchten, manchmal zu Winterraps. Die Möglichkeit, Gülle im Herbst auszubringen, könne jedoch auch für eine reine Entsorgung von überschüssiger Gülle missbraucht werden, gibt Kage zu bedenken.

„Gut nachvollziehbar sind daher die Verlängerungen der Sperrfristen für die Ausbringung organischer Dünger. Hier müssten aber Übergangsfristen für die notwendige Schaffung zusätzlichen Lagerraums geschaffen werden“, erklärt der Leiter der Abteilung Acker- und Pflanzenbau, Institut für Pflanzenbau & Pflanzenzüchtung.

Vogel für Ausgleichsmaßnahmen

Prof. Dr. Hans-Jörg Vogel

Prof. Dr. Hans-Jörg Vogel (Bildquelle: ufz)

Positiv wertet die neue Düngeverordnung dagegen Prof. Dr. Hans-Jörg Vogel von der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg: „Die vorgesehenen Maßnahmen scheinen mir gut umsetzbar. Das beschriebene Dilemma zwischen optimalem Ertrag und Stickstoff-Überschuss bedeutet jedoch auch Ertragseinbußen bei reduzierter Düngung, weshalb sich die Landwirte auch begründet beschweren. Hier müssen Ausgleichsmaßnahmen gefunden werden, so dass sich ein für den Landwirt ökonomisch ‚optimaler‘ Ertrag nicht nur in ‚Dezitonnen pro Hektar Getreide‘, sondern in diesem Fall auch in ‚Milligramm Stickstoff pro Liter im Grundwasser errechnet‘. Es gibt die Hoffnung, dass die zukünftige EU-Agrarpolitik vermehrt solche Wege geht.“


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Der Abstimmungsmodus über die neue Düngeverordnung am Freitag zählte nur die Zustimmung. Sechs Maßnahmen gelten nun schon ab Sommer, die für die roten Gebiete folgen ab 2021.

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Diskussionen zum Artikel

von Henning Kage

Folgende Mail ging am 12.2.2019 von mir an das BMEL: Sehr geehrte Damen und Herren, Eine Reduktion der N-Bilanzüberschüsse in Deutschland ist unzweifelhaft notwendig. Ich habe aber persönlich den Eindruck, dass nach jahrelanger Diskussion jetzt mit dem neuen Vorschlag an die ... mehr anzeigen

von Wilhelm Grimm

Der Einfluss der Umweltverbände

auf die politischen Entscheidungsträger in Brüssel und Berlin und auf unsere willenlosen Medien haben alle in die Irre geführt, bis auf wenige Wissenschaftler und wenige Praktiker, das war zu wenig .

von Heinz Göttke

Düngeverordnung

Dann meldet euch vorher!!!! Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen.

von Andreas Gerner

Vermeintlich...

von Andreas Gerner

Aufruf an die verbliebenen kritischen Agrarwissenschaftler:

Wenn Sie (wie zu erwarten) begründete Zweifel daran haben, dass ALLE negativen Auswirkungen der DüVo20 auf die Umwelt im Umweltbericht zum Referendarentwurf hinreichend beleuchtet wurden UND wenn Sie begründete Zweifel haben, dass die im Umweltbericht als positiv bewerteten ... mehr anzeigen

von Andreas Gerner

Ich respektiere eine persönliche Meinung, es sei ein "ziemlich gutes Netz"

Aus stichhaltigen Gründen sind aber zahlreiche Betroffene und Experten der Auffassung, das Netz könne gar nicht "ziemlich gut" sein. ----- 1. Wenn für Messbrunnen logischerweise dort die Motivation, solche zu errichten, am größten ist, wo man aus irgendwelchen Gründen Probleme ... mehr anzeigen

von Gerhard Steffek

Rohrkrepierer

Ich glaube unsere "Zauberlehrlinge" von Politikern und Naturschützern haben selber nicht kommen sehen, was sie da lostreten. Getrieben von den Wasserversorgern und den Betriebswirtschaftlern, die die deutsche Landwirtschaft eh als zu teuer erachten, dachte man wahrscheinlich es ist ein ... mehr anzeigen

von Kurt Brauchle

Im Nachbarkreis

wurde auch ein rotes Gebiet ausgewiesen. Nur wenige hundert Meter von der ursächlichen Messstelle befinden zwei weitere Wasserentnahmebrunnen verschiedener Kommunen die kein Nitratproblem haben. Quer durch das rote Gebiet verläuft zudem die Europäische Wasserscheide, jetzt fragen sich ... mehr anzeigen

von Bernhard Kremling

nach Franken schauen

Ich kann den Herrn Professor Uptmoor mal einladen nach Unterfranken zu kommen, da geht seine Aussage, dass die Einträge von der Tierhaltung kommen, nicht auf. Da gibt es Landkreise mit nur 0,25GV/ha und sind rotes Gebiet. Auf 55 000 ha (so groß ist der einzelne Grundwasserkörper) sind ... mehr anzeigen

Anmerkung der Redaktion

Wie schon häufiger hier erklärt, berichten wir über alles und alle Stimmen aus der Agrarbranche, dazu gehören auch Agrarwissenschaftler. Wenn wir nur die positiven Meldungen bringen würden, die Ihnen gefallen, wäre das ja nicht das ganze Bild. Es muss doch in Ihrem Sinne sein, dass Sie wissen, was draußen diskutiert wird, was Fachleute und Politiker denken und planen, damit Sie reagieren können. Wenn Sie durch einseitige Berichte in einer kuscheligen Blase wären, würden Sie uns ja nachher vorwerfen, wieso Ihnen niemand dieses und jenes gesagt hat. Sie müssen sich ein eigenes Bild aus allen News machen, unser Auftrag ist zu liefern. Gruß Alfons Deter

von Gerhard Steffek

d'accord

Da muß ich Herrn Deter zustimmen Herr Kremling. Man sollte schon seine "Feinde" kennen, wenn man sie bekämpfen will. Dazu gehört eben auch, zu hören was sie sagen, bzw. schreiben. -- -- Schon Voltaire sagte: "Ich verachte ihre Meinung, aber ich würde mein Leben dafür geben, daß sie ... mehr anzeigen

von Willy Toft

Und wieso wird dann nicht auf solche nachvollziehbaren Einwände gehört? Ist die Politik....

nur noch blind auf dem einen Auge, oder war das so von langer Hand geplant? Die Prozesse um diese DüV werden es hoffentlich an den Tag legen, wie hier vorgegangen wurde!

von Klaus Fiederling

Vernünftig gefragt, kommt nun die weise Antwort?

Nicht einer der vorstehenden wissenschaftlichen Beiträge wird dem Ansinnen der jeweiligen Flächeneigentümer gerecht. Die Auswirkungen für dieselben werden bald allerdings schon gravierend sein. // Wer bislang als Praktiker den Vorgaben der Wissenschaft und damit den staatlicherseits ... mehr anzeigen

von Hans-Peter Mahler

Statements!

Statements nicht nach Wissenschaft sondern nach Parteibuch!Uptmoor: Das vorhandene bzw. für die Verordnung herangezogene Nitratmessnetz hält Uptmoor für „ziemlich gut“. Auch sind seiner Meinung nach die Ursachen für hohe Nitratwerte im Grundwasser häufig eindeutig auszumachen. ... mehr anzeigen

von Wilhelm Grimm

Das Parteibuch

ist auch "ziemlich gut" zu gebrauchen.

von Ansgar Tubes

Immerhin

Es ist ja schon mal als durchaus positiv zu bewerten, dass topagrar bei dieser Fragestellung kein Statement von Prof. Traube veröffentlicht hat!

von Hermann Freese

genau das wollte ich auch schreiben :D

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