Zweitfrucht Hanf

Anbau von Winterhanf: Erfahrungen eines Junglandwirts

Justin Steinhorst baut seit vier Jahren Winterhanf an. So einfach die Zweitfrucht im Anbau ist, umso schwieriger ist die Vermarktung der Fasern. Der Landwirt hat uns von seinen Erfahrungen berichtet.

Junglandwirt Justin Steinhorst aus Glandorf in NRW hat uns von seinen Erfahrungen im Anbau mit Winterhanf erzählt.

„Vor vier Jahren sind wir mit dem Hanfanbau auf 10 ha angefangen. Wir wollten einfach mal etwas Neues probieren. Eine Zwischenfrucht, die wir ernten und vermarkten können, fanden wir attraktiv. Startschwierigkeiten gab es zwar reichlich, aber auch erste Erfolgsaussichten. Über Experten der Landwirtschaftskammer, die bereits Projekte zum Nutzhanfanbau durchführten, haben wir uns das nötige Know-how beschafft. Mit jedem Jahr wächst die Erfahrung, aber nicht immer auch der Ertrag.

Der Winterhanf ist ein Nebenstandbein unseres Betriebs. Das Herzstück sind 400 Muttersauen und 75 ha Acker- und Futterbau. Im März bin ich in Vollzeit in den Betrieb meiner Eltern eingestiegen, den ich seit Juli übernommen habe. Schon seit Längerem halte ich Ausschau nach neuen Kulturen und Marktnischen.

Hanf

Winterhanf gilt im Anbau als Zweitfrucht. Damit darf mehr Gülle gefahren werden. (Bildquelle: Kokenbrink)

So anspruchslos Hanf im Anbau ist, umso schwieriger ist allerdings seine Vermarktung." - Justin Steinhorst

Hanf ist eine dankbare Kultur, die Trockenheit gut verträgt und auf sandigen Böden bei uns gut wächst. Auch der Vorfruchtwert ist besonders für Mais sehr gut, da Hanf tief wurzelt. Hinzu kommt, dass Hanf im Anbau als Zweitfrucht gilt und damit mehr Gülle gefahren werden darf. Die Kultur lockert den Boden auf und zieht in der Blüte viele Insekten an. Hanf wird bei uns nach Gerste gesät. Das Saatgut kommt aus Frankreich. THC enthält es lediglich in homöopathischen Dosen. Mit rund 5€ pro kg bei einer Saatstärke von 25 kg pro ha ist das Saatgut nicht gerade günstig. Aus ackerbaulicher Sicht stellt die Kultur jedoch kaum Anforderungen und der Arbeitsaufwand hält sich in Grenzen.

Knackpunkt Ernte

So anspruchslos Hanf im Anbau ist, umso schwieriger ist allerdings seine Vermarktung. Schon die Ernte stellt uns jedes Jahr vor Herausforderungen. Der Hanf wird bei der Ernte im Frühjahr gemäht, in Schwaden gelegt und mit einer herkömmlichen Ballenpresse gepresst. Wir ernten etwa ein bis zwei Tonnen vom Hektar – das ist nicht viel, aber in Ordnung. Nur der richtige Erntezeitpunkt ist nicht so einfach zu finden. Es gibt beim Hanf keine Qualitätskriterien wie beim Getreide. Die Pflanze trocknet im Winter ein, darf aber nicht zu lange stehen. Denn bei zu später Ernte setzt die sogenannte Röste der Hanffasern ein, sodass sie sich vom Stiel lösen und instabiler werden. Schon bei der Ernte hat man die Vermarktung im Hinterkopf, denn da muss die Qualität stimmen. Die Fasern müssen möglichst reißfest sein, um sich gut weiterverarbeiten zu lassen. Meist schicken wir nach der Ernte einen Probeballen zum Verarbeiter. Der gibt uns dann Rückmeldung zur Qualität.

Hanf

Nach der Ernte werden die Hanffasern zu Ballen gepresst. Einen geeigneten Abnehmer zu finden, ist allerdings nicht so leicht. (Bildquelle: Kokenbrink)

Vermarktung kein Selbstläufer

In den ersten beiden Jahren gingen die Fasern an einen Abnehmer im Landkreis Lüneburg, der aus den Fasern Garn für Kleidung gesponnen hat. Bisher waren die Fasern aber nicht stabil genug. Wenn die Faserqualität stimmt, würde der Abnehmer 300 € pro Tonne zahlen. Wenn nicht, behält sich vor, 180€ einzubehalten. Bei einem Grundpreis von 120€ hast du dann nichts an der Pflanze verdient. Das ist im Moment der Knackpunkt. Man produziert mit Hanffasern nun mal kein fertiges Lebensmittel, das unverarbeitet vom Acker in den Laden kann.

Die diesjährige Ernte liegt noch immer in der Scheune. Einen geeigneten Abnehmer zu finden, ist nicht so leicht. Verwendungsmöglichkeiten für die Fasern gibt es aber jede Menge: als Dämmstoff, Garn für die Textilindustrie, Heizstoff oder für die Papierproduktion. Doch in der Dämmstoffindustrie sind die Erlöse nicht sehr hoch. Und oft sitzen die Verarbeiter im europäischen Ausland. Das erschwert die Logistik. Wir halten daher Ausschau und freuen uns über Zugang zu neuen Vermarktungswegen.

Mann auf Feld mit Hanf

Junglandwirt Justin Steinhorst hält Ausschau nach Vermarktungswegen für seinen Nutzhanf, den er auf rund 10 ha anbaut. (Bildquelle: Kokenbrink)

Ich habe auch überlegt, die Fasern selbst zu verarbeiten, doch dazu fehlen uns die nötigen Mengen und Kapazitäten. Das gleiche Problem gibt es bei der Papierindustrie: Die Abnehmer wollen große Mengen, da sind ein oder zwei Anhängerzüge zu wenig. Wenn im wahrsten Sinne alle Stricke reißen, können wir den Hanf zwar immer noch in der Hackschnitzelanlage verheizen, das ist aber nicht unser Ziel.

Genaue Dokumentation

Amüsant, aber auch anstrengend, sind die drogenschutzrechtlichen Regelungen, die mit dem Hanfanbau verbunden sind. Man kann ohnehin nur Saatgut kaufen, das kaum THC enthält. Vor allem dieser Substanz wird die berauschende Wirkung von Cannabis zugesprochen. Selbst wenn man die gesamten zehn Hektar Hanf rauchen würde, würde man aber davon nicht berauscht sein. Trotzdem muss die Familie jedes einzelne Etikett von den Samentüten beim Bundesamt für Landwirtschaft und Ernährung einreichen. Im Herbst bekommen wir dann den Bescheid, dass wir ernten dürfen. Zudem müssen wir den Hanfanbau generell zum 1. Juli melden, genau wie die Aussaat, Blüte und Ernte.

Noch mehr Pläne?

Die aktuelle Lage macht mich nachdenklich. In der Sauenhaltung arbeiten wir erstmal nur auf Sicht und planen vorerst keinen Umbau unserer Altgebäude. Vielleicht hat der Betrieb in zehn Jahren nicht mehr die Schwerpunkte, die er heute verfolgt. Ich halte Augen und Ohren offen und bin auf der Suche nach innovativen Betriebszweigen für die Zukunft.“

Hanfanbau in Deutschland

Nach vorläufigen Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) haben in diesem Jahr 863 landwirtschaftliche Betriebe auf insgesamt 6.444 ha Nutzhanf angebaut. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einem Zuwachs um weitere 172 Betriebe und 1.082 ha.


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