Niedersachsen

Ernte 2019: Zwischen „blauem Auge“ und Katastrophe

Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen zieht Bilanz eines erneut viel zu trockenen Sommers...

2019 ist das dritte schwierige Erntejahr für die Landwirtschaft in Niedersachsen. Nach dem extrem nassen Jahr 2017 und der Dürre 2018 hatten die landwirtschaftlichen Unternehmen erneut mit einer langanhaltenden Trockenheit zu kämpfen. „Die Auswirkungen auf die Erträge waren regional sehr unterschiedlich“, sagte Gerhard Schwetje, Präsident der Landwirtschaftskammer, auf der Ernte-Pressekonferenz seines Hauses am Dienstag in Hannover.

Ursache der großen Differenzen waren die regional sehr inhomogene Niederschlagsverteilung und das unterschiedliche Wasserspeichervermögen der Ackerböden. Auf guten Standorten, die Regen abbekommen hatten, wurden teilweise gute Erträge erzielt. Dramatisch sah es dagegen auf sehr leichten Böden in Regionen mit geringem Niederschlag aus. Hier konnten nur schlechte Erträge eingefahren werden. „Viele Betriebe sind wohl mit einem blauen Auge davongekommen“, resümierte der Kammerpräsident, „andere wiederum haben eine miserable Ernte zu verbuchen.“

Beregnungsbetriebe hätten trockenheitsbedingte Ertragseinbußen technisch abmildern können. „In diesem Jahr lag das Plus gegenüber nicht beregneten Flächen zwischen 20 und 60 %“, nannte der Kammerpräsident Zahlen aus kammereigenen Versuchen. „Allerdings steht Wasser nicht unbegrenzt zur Verfügung“, erinnerte Schwetje. Gerade in diesem Jahr hätten viele Betriebe ihre Beregnung nach dem beregnungsintensiven Vorjahr einschränken müssen. Zudem sei die Beregnung ein sehr arbeitsintensives und teures Betriebsmittel. Ein Millimeter Regen aus der Düse koste etwa drei bis fünf Euro je Hektar.

Bei Regengaben von 100 Millimetern (100 Liter pro Quadratmeter), die nicht ungewöhnlich seien, fielen zusätzliche Kosten von 300 bis 500 Euro je Hektar an. Und auch Betriebsmittel wie Dünger, Pflanzenschutzmittel und Energie seien teurer geworden.

Nach aktuellen Prognosen werde der Klimawandel weniger Regen im Sommer mit sich bringen. Die Niederschlagsmenge eines Jahres werde dagegen leicht zunehmen. „Wir haben beim Wasser in Zukunft in erster Linie ein Verteilungsproblem und kein Mengenproblem“, folgerte Schwetje. Und das ließe sich mit einem entsprechenden Wassermanagement in den Griff bekommen.

Humusaufbau, Fruchtfolgen und Mulchsaat

Beim Thema Klimawandel sieht der Kammerpräsident die Landwirtschaft doppelt gefordert: Sie muss sich an die Klimaänderung anpassen und gleichzeitig aktiven Klimaschutz betreiben. Als Beispiele für die Anpassung nannte Schwetje eine Erhöhung des Humusanteils im Boden, vielfältigere Fruchtfolgen, die widerstandsfähiger gegen Klimarisiken sind, sowie wassersparende Anbauverfahren wie etwa die Mulchsaat, bei der auf das Pflügen verzichtet wird.

Treibhausgasemissionen könne die Landwirtschaft mindern bzw. vermeiden, in dem sie zum Beispiel Stickstoff immer effizienter einsetze, Erträge auf dem Acker und Leistungen im Stall mittels einer effizienten Produktion sichere oder alternative Energien, sei es aus nachwachsenden Rohstoffen, Sonne oder Wind, gewinne. „Kraftstoffe, Strom und Wärme werden daraus klimaschonender erzeugt, als aus den fossilen Energieträgern Kohle, Erdöl oder Erdgas“, erklärte Schwetje.

Das im Klimaschutzprogramm vorgegebene Ziel für die Landwirtschaft, bis 2030 elf bis 14 Millionen Tonnen Treibhausgase einzusparen, nannte Schwetje „ambitioniert“. Um es erreichen zu können, forderte er eine gerechte Zuordnung der geminderten Treibhausgase. „Nur so kann die Landwirtschaft die Früchte ihrer Klimaschutzleistungen auch ernten“, sagte der Kammerpräsident.

Wenn zum Beispiel über den Humusaufbau in Ackerböden jährlich bis zu vier Millionen Tonnen Treibhausgase dauerhaft gebunden würden, hätte nach derzeitigen Regeln der Landwirtschaftssektor nichts davon. „Deshalb gehört die Anrechnung der tatsächlich verminderten Treibhausgase auf den Prüfstand“, folgerte Schwetje.

Futtersituation bei Rinderbetrieben angespannt

Ausführlich widmete sich der Kammerpräsident der angespannten Situation auf den Milchviehbetrieben: „Nimmt man Grünland und Mais zusammen, dann waren in Niedersachsen rund eine Million Hektar Futterfläche von der Trockenheit betroffen.“ Die Futtersituation sei angespannt, denn Restbestände aus dem Vorjahr gebe es kaum, und die Grassilagen dieses Frühjahres seien bereits verfüttert worden oder würden aktuell verfüttert.

Viele Betriebe kauften Futter zu, streckten die Futterrationen zum Beispiel mit Stroh oder verkleinerten ihre Bestände. Hinzu kämen große wirtschaftliche Herausforderungen, denn es seien nicht nur steigende Futterkosten und sinkende Milchpreise zu verkraften. Nach zwei extrem trockenen Jahren und einer Mäuseplage müssten die schwer geschädigten Grasnarben teuer repariert werden. „Alles das addiert sich zu horrenden Summen“, so Schwetje, der vermutet, dass viele Milchviehbetriebe aufgrund des Kostendrucks aufgeben werden.

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Die Kulturen im Einzelnen

Die diesjährige Getreideernte fiel in Niedersachsen mit gut 6 Mio. Tonnen um etwa 28 Prozent höher aus als im außerordentlich ertragsschwachen Vorjahr. Diese Steigerung liegt auch an der um sechs Prozent größeren Anbaufläche von 828.500 Hektar (ha). Im fünfjährigen Mittel liegt die Getreideernte 2019 leicht unter dem Durchschnitt.

Der Durchschnittsertrag über alle Getreidearten betrug 72,5 Dezitonnen je Hektar (dt/ha) und legte im Vergleich zum schwachen Vorjahr um knapp 19 Prozent zu. Die Qualität des Getreides ist gut. Die bislang erzielten Preise liegen bei 15,90 Euro/dt, das sind gegenüber dem vergangenen Jahr rund zehn Prozent weniger. Aktuell ist eine gewisse Belebung des Marktes erkennbar.

Der Raps entwickelt sich immer mehr zum großen Verlierer im Ackerbau. Die Anbaufläche ist mit 75.500 ha um fast 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen. Im Vergleich zu 2014 beträgt der Flächenrückgang nun schon 40 Prozent. Der durchschnittliche Ertrag von 33,9 dt/ha ist nach einem Rückgang von vier Jahren in Folge erstmals wieder gestiegen. Er bleibt aber immer noch um gut fünf Prozent unter dem mehrjährigen Durchschnitt.

Der Rapsmarkt entwickelt sich positiv. Zur Ernte konnten die Landwirte in Niedersachsen etwa drei Prozent höhere Preise als im vergangenen Jahr erzielen. Im Vergleich zum mehrjährigen Mittel beträgt das Preis-Plus knapp vier Prozent.

Bei den Kartoffeln ist auf Betrieben mit Beregnung eine durchschnittliche Ernte zu erwarten. Ohne Beregnung sind starke Ertragseinbußen zu verzeichnen. Auch die Qualität der Knollen hat unter der Trockenheit und Hitze gelitten. Die Anbaufläche hat 2019 um 8,4 Prozent zugelegt und beträgt in Niedersachsen dieses Jahr rund 123.500 ha. Das entspricht ungefähr 45 Prozent der deutschen Anbaufläche. Damit ist Niedersachsen mit weitem Abstand Kartoffelland Nummer 1 in Deutschland.

Aufgrund der Flächenzunahme wird im Vergleich zum historischen Tiefstand 2018 auch die Gesamterntemenge wieder ansteigen. Für Niedersachsen werden etwa 4,8 Mio. Tonnen prognostiziert. Das sind zwar 16 Prozent mehr als im Vorjahr, aber immer noch zwei Prozent weniger als im fünfjährigen Mittel. Die Hektarerträge von durchschnittlich knapp 400 dt/ha übertreffen das schlechte Vorjahresergebnis um vorläufig gut acht Prozent, bleiben damit aber immer noch um fast 14 Prozent unter dem mehrjährigen Mittel.

Bei den Zuckerrüben ist die Ernte noch in vollem Gange. Auch hier gibt es viele Flächen, die trockenheitsbedingt nur sehr niedrige Erträge bringen. Der durchschnittliche Rübenertrag liegt derzeit bei knapp 640 dt/ha und damit deutlich unter dem Niveau des Fünf-Jahres-Mittels. Zu Kampagnenende liegt das bei 770 dt/ha. Die Zuckergehalte schwanken zwischen 17,4 und 20,7 Prozent. Es wird erwartet, dass der mittlere Zuckergehalt bei etwa 18,5 Prozent liegen und damit den Wert des Vorjahres (18,2 Prozent) leicht überschreiten wird. Die Niederschläge Ende September/Anfang Oktober werden wohl noch in weiteren Ertrag umgesetzt werden, allerdings auch zu sinkenden Zuckergehalten führen. Die Anbaufläche 2019 bewegt sich mit gut 101.000 ha leicht (- 4 Prozent) unter dem Niveau des Vorjahres (105.371 ha).

In Niedersachsen wurden rund 600.000 ha Mais angebaut, von denen gut zehn Prozent als Körnermais geplant waren. Etwa 320.000 ha Silomais wurden für die Rinderfütterung und weitere rund 220.000 ha für die energetische Nutzung in Biogasanlagen angebaut. Die Erträge waren oft ernüchternd. Im Durchschnitt wird mit etwa 20 bis 40 Prozent Ertragsausfall gerechnet. Viele Körnermaisflächen wurden mangels Kolbenbildung bereits als Silomais gehäckselt.

Die Großhandelspreise für Körnermais haben seit Anfang September um etwa 1 Euro/dt angezogen, liegen aber rund zehn Prozent unter denen des vergangenen Jahres. Weitere größere Preissprünge werden wegen zunehmender Importe von Körnermais wohl ausbleiben.

Betriebe mit Grünland – in Niedersachsen immerhin rund 700.000 ha – erleben ein ganz schwieriges Jahr. Zu der Trockenheit gesellte sich Mitte des Jahres eine regelrechte Mäuseplage. Beides führt dazu, dass nach einem vielerorts passablen ersten Aufwuchs die übrige Ernte, in der Regel vier weitere Aufwüchse, schlechte bis katastrophale Erträge brachte.

Ähnlich wie bei den konventionellen Betrieben verlief die Ernte im Öko-Landbau. Die Getreideerträge schwankten in diesem Jahr regional sehr stark, die Qualitäten enttäuschten zum Teil. Die Auswirkungen auf die Preise sind hier noch nicht absehbar. Der Bio-Kartoffelanbau verzeichnet ein weiteres schwieriges Jahr. Die Erträge, die im Vorjahr durch Beregnung noch stabilisiert werden konnten, schwanken in diesem Jahr von unter 100 bis über 300 dt/ha. Die Qualitäten nach der Ernte sind zufriedenstellend. Die Nachfrage nach deutschen Bio-Kartoffeln ist stabil. Die Erträge bei den Bio-Zuckerrüben schwanken zwischen 200 bis über 700 dt/ha bei einem zufriedenstellenden Zuckergehalt von durchschnittlich 17,9 Prozent. Auch beim Öko-Mais ist mit schwankenden Erträgen sowohl bei Silo- als auch bei Körnermais zu rechnen. Auf leichteren Standorten ohne Beregnung werden Ertragseinbußen von etwa 25 Prozent und mehr erwartet.

Von den rund 36.000 landwirtschaftlichen Betrieben in Niedersachsen betreiben knapp 2.000 Öko-Landbau (5,4 Prozent). Zusammen bewirtschaften sie etwa 108.000 ha, das sind 4,2 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Fläche in Niedersachsen (2,6 Mio. ha). Sowohl bei der Anzahl der Betriebe als auch bei der Fläche ist die Tendenz steigend.

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Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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Diskussionen zum Artikel

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von Gerhard Steffek

Humusaufbau, Fruchtfolgen, Mulchsaat..

Immer das gleiche Lied, die gleiche Leier!! Als ob das nicht in der Praxis schon zur Genüge bekannt wäre. Aber dann kommen unsere Besserwisser daher und wollen ihre "Ökolandwirtschaft". Aber ausgerechnet diese ist doch in erster Linie eine Mangelwirtschaft. Denn von nichts kommt nichts. Ausgerechnet in Niedersachsen, in dem bis in die 50er Jahre weite Teile des Landes eines der Armenhäuser Deutschlands waren ermöglichte erst die moderne Landwirtschaft mit synthetischem Pflanzenschutz und modernen Düngemitteln (Stickstoffdünger) einen Aufbau der Böden, die durch die Jahrhunderte lang praktizierte Plaggenwirtschaft (siehe Lüneburger Heide) ausgezehrt und verarmt dalagen. Ein Aufbau des Humusanteils ist gerade durch die Mulchsaat, bzw. reduzierte Bodenbearbeitung bestens möglich. Diese Methode bedarf aber eines gewissen Einsatzes von Pflanzenschutzmittel, um entsprechend effektiv sein zu können. Das aber widerspricht ja nunmal wieder den Vorstellungen unserer ideologischen Ökos. Zudem hat ausgerechnet der Humusaufbau wieder das Potential das Risiko eines verstärkten Nitrateintrages ins Grundwasser sicherzustellen. Denn der Stickstoffgehalt des Humus im Boden kann nunmal nicht so einfach kontrolliert werden wie die Gabe Mineraldünger. Was also will man denn nun??? Herr Kammerpräsident beantworten sie doch bitte mal die Frage. Mit ihren klugen Ratschlägen garantieren sie ansonsten nur, daß der Landwirt in der nächsten Runde wieder nur der Buhmann und Prügelknabe ist.

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