CRISPR/Cas

EU-Kommission will offene Diskussion über neue Züchtungstechnologien

Die EU-Kommission ist beim Thema Gentechnik noch völlig offen für Argumente. Die neue Debatte starte jetzt erst. Kritiker weisen auf die unkalkulierbaren Folgen durch CRISPR/Cas in der Natur hin.

Zur Frage einer zukünftigen Regulierung der neuen Züchtungstechnologien strebt die Europäische Kommission eine offene Debatte an. Das hat die Direktorin der Generaldirektion für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit der EU-Kommission (DG SANTE), Dr. Sabine Jülicher, klargestellt. Sie sprach in diesem Zusammenhang von „vielen Missverständnissen“; die EU-Kommission sei „völlig offen“.

„Weder wünschenswert noch angedacht“ ist laut Jülicher die Abschaffung der Wahlfreiheit oder des Vorsorgeprinzips. Es gebe bei den neuen gentechnischen Verfahren aber Schwierigkeiten in der Umsetzung der Vorschriften. Hier werde die Möglichkeit gesehen, einen besseren Rechtsrahmen zu setzen, der auch zukunftsfähiger sei.

Laut Jülicher wird die Kommission jetzt den ersten Schritt in Richtung einer politischen Maßnahme initiieren und voraussichtlich im Herbst einen entsprechenden Fahrplan vorstellen; auch eine Folgenabschätzung soll ins Auge gefasst werden.

Gegenwind

Der Gentechniksprecher der Grünen, Harald Ebner, pocht dagegen auf die Wahlfreiheit der Verbraucher. Die Ablehnung der Bevölkerung gegenüber der Gentechnik habe sich bis heute nicht geändert. Rund 80 % der Menschen lehnten Gentechnik in der Natur und auf dem Teller ab. Deshalb wachse der Markt für gentechnikfreie Lebensmittel auch kräftig. Einer Deregulierung der neuen Verfahren erteilte Ebner erneut eine Absage. Gerade die von Befürwortern oftmals in Aussicht gestellten Fortschritte könnten durch die fraglichen Verfahren gar nicht erreicht werden.

Auch der Leiter Qualität und Umwelt beim Lebensmitteleinzelhändler tegut, Fritz Konz, verwies auf die Ablehnung von Gentechnik in Lebensmitteln durch die Verbraucher. „Wir machen die Erfahrung, dass unsere Kunden das schlichtweg nicht wollen“, so Konz. Nach seinen Angaben sind sich die Handelsunternehmen einig, dass das Vorsorgeprinzip und die Wahlfreiheit nicht angetastet werden dürfen.

Dr. Angelika Hilbeck vom European Network of Scientists for Social and Environmental Responsibility (ENSSER) kritisierte, dass die neuen Verfahren oftmals mit Verweis auf ihre Präzision als sicher beworben würden. Voraussetzung dafür sei jedoch eine genaue Kenntnis der genetischen Zusammenhänge im Kontext des Eingriffs; diese Kenntnis sei aber „marginal“.

„Verstörend“ ist für die Wissenschaftlerin, dass das Wissen um die komplexen Zusammenhänge nicht als Grundvoraussetzung für sichere Eingriffe angesehen werde. Wissenschaftliche Unsicherheiten spielten „überhaupt keine Rolle“.

Nicht vollständig zutreffend ist laut Hilbeck auch das Argument, demzufolge die durch Techniken wie CRISPR/Cas herbeigeführten Veränderungen am Genom auch in der Natur entstehen können. Die Eingriffe durch die neuen Züchtungsmethoden seien „fundamental“ unterschiedlich zu den Veränderungen durch ungerichtete Mutagenese und könnten in der ihnen eigenen Systematik und Vielfalt nicht auf natürliche Weise zustande kommen.

Für Dr. Friedhelm von Mering vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) zeigt die Entwicklung der letzten Jahre, dass die Zukunft der europäischen Land- und Lebensmittelwirtschaft in ökologischer und gentechnikfreier Erzeugung liegt. „Damit haben wir uns auf dem Weltmarkt eine hervorragende Wettbewerbsposition erarbeitet“, so von Mering.

Mit Blick auf die Studie der EU-Kommission zur Regulierung der neuen Züchtungstechniken merkte der Biologe an, dass „auffallend oft“ von Herausforderungen die Rede sei, vor die Akteure der Lebensmittelwirtschaft durch das derzeitige Gentechnikrecht gestellt würden. Bei genauerer Betrachtung zeige sich jedoch, dass es immer um Akteure gehe, die entsprechende Produkte aus Drittstaaten einführen wollten. Da stelle sich die Frage, ob es eine Priorität der EU-Kommission sein sollte, Importeuren von außerhalb den Weg zu bereiten.