Globale Wasserkrise

Guli: Wasserkrise geht alle an

Trockenheit, Wassermangel oder Extremregen gefährden immer öfter die landwirtschaftlichen Erträge. Die Marathonläuferin Mina Guli will auf das weltweit zunehmende Problem aufmerksam machen.

Die vergangenen Jahre und gerade der Sommer 2022 haben gezeigt: Frühjahrs- und Sommertrockenheit sind in Deutschland oder Europa keine Seltenheit mehr und werden nach Einschätzung von Klimaforschern in Zukunft womöglich noch häufiger auftreten.

Hinzu kommt: Süßwasser ist ein knappes Gut, das gerade einmal 3 % des globalen Wasserkörpers ausmacht. Dies betrifft den Agrarsektor ganz besonders, da hier das meiste Wasser verbraucht wird: Bilanziell entfallen 70 % des eingesetzten Wassers auf Bewässerungsmaßnahmen von Feldfrüchten, wobei der Bedarf im Zuge des Klimawandels eher noch steigen dürfte. In der Landwirtschaft sind deshalb neue Strategien zum Umgang mit der knappen Ressource Wasser gefragt.

Wasserbedarf steigt weltweit

Zeitweiliger oder ständiger Wassermangel genauso wie Überflutungen sind aber längst nicht nur ein deutsches oder europäisches Problem. Gerade in Ländern der Dritten Welt verschärft sich die Situation. Aktuell haben etwa 2,2 Mrd. Menschen schon keinen Zugang zu sauberem Wasser. Um eine bis 2050 auf 10 Mrd. Menschen wachsende Weltbevölkerung ausreichend zu versorgen, wird bis zur Jahrhundertmitte 57 % mehr Wasser benötigt.

Im Jahr 2012 hat die Australierin Mina Guli die „Thirst Foundation“ gegründet, um auf diese Herausforderungen aufmerksam zu machen. Die passionierte Marathonläuferin hat sich zum Ziel gesetzt, mit ihrer Stiftung das Bewusstsein für die globale Wasserkrise zu schärfen und Akteure aus Politik und Wirtschaft dazu zu animieren, Lösungsansätze zu entwickeln. Dafür hat sie wiederholt Marathonstrecken an unterschiedlichsten Orten auf der Welt absolviert und auf diese Weise Aufmerksamkeit für das Thema erzeugt.

Guli

Mina Guli auf ihrer Mission (Bildquelle: Zac Zinn/ Thirst Foundation)

Im März 2022 hat Guli ihre jüngste Kampagne „Run Blue“ gestartet: Innerhalb eines Jahres wird sie in verschiedenen Ländern der Welt insgesamt 200 Marathons laufen. Sie hat in Australien begonnen und wird ihren letzten Lauf am 23. März 2023 bei der Wasserkonferenz der Vereinten Nationen in New York beenden.

Vom 12. bis 21. September führte die Kampagne Mina Guli nach Deutschland. Hier absolvierte sie ihre Marathons 94 bis 97: um den Ammersee in Oberbayern, entlang des Rheins zur Konzernzentrale der Bayer AG in Leverkusen, von Nauen in Brandenburg zum Brandenburger Tor in Berlin sowie in der Berliner Innenstadt. Bayer unterstützt Mina Guli als Kampagnenpartner, um dazu beizutragen, dass das Thema Wasser eine globale Priorität wird.

Über das Thema haben wir mit Mina Guli gesprochen. Morgen folgt ein zweites Interview mit dem Geschäftsführer der Bayer CropScience Deutschland GmbH, Peter R. Müller. Dabei geht es darum, wie der Agrarsektor in Europa mit einer knapper werdenden Wasserversorgung und häufigeren Dürreperioden umgehen kann.

Frau Guli, in den vergangenen Jahrzehnten bestand eine der wichtigsten Aufgaben der Entwicklungshilfe darin, Brunnen zu bauen. Warum konnte das Problem der Wasserversorgung dadurch nicht gelöst werden? Oder anders herum: Können wir das Problem einfach dadurch lösen, dass wir noch mehr Brunnen in Ländern der Dritten Welt graben?

Guli: Wenn es um die globale Wasserkrise geht, besteht der größte Trugschluss in der Annahme, dass es ein Problem anderer sei. Ist es aber nicht. Es ist unser aller Problem. Meines, Ihres und das Problem Europas, Afrikas und Amerikas. Jeder Aspekt unseres Lebens hat mit Wasser zu tun. Es ist Bestandteil der Lebensmittel, die wir konsumieren, der Kleidung, die wir tragen, der Energie in unseren Häusern, der Tasse Kaffee am Morgen und unserer Smartphones.

Brunnen

Ein Rinderhalter in Kenia hat nach Grundwasser gegraben, um seine Kühe tränken zu können. (Bildquelle: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Brian Inganga)

Wenn wir die Wasserkrise lösen wollen, geht es nicht nur darum, neue Wasserquellen zu finden, sondern auch darum, wie wir mit dem Wasser umgehen, das wir haben. Brunnen zu bauen ist ein Teil der Lösung, doch ein ganzheitlicher, nachhaltiger Ansatz muss viel mehr beinhalten: Wir müssen unser Wasser angemessen und effizient nutzen, den hohen Grad der Verschwendung und Verschmutzung reduzieren, Innovation und Technologie zum Einsatz bringen, um die verheerenden Auswirkungen des Klimawandels auf den Wasserzyklus zu mildern und um widerstandsfähiger zu werden.

Mit welchen Konsequenzen müssen wir in den westlichen Ländern rechnen, wenn wir das globale Problem einer angemessenen Versorgung mit Trinkwasser und Wasser für die Landwirtschaft nicht lösen?

Guli: Wir sehen bereits die Folgen der Tatsache, dass wir die globale Wasserkrise in Europa und vielen Industriestaaten nicht ernst genug nehmen. Das habe ich während meiner Läufe rund um den Globus mit eigenen Augen gesehen. Denken wir nur an die Dürre, die Europa in diesem Sommer heimgesucht hat. Davon waren 60 % der EU und Großbritanniens betroffen. Allein dieser Sommer hat uns so viele Beispiele für die Auswirkungen der Krise geliefert:

In Städten Frankreichs mussten Wasserlaster stationiert werden, weil das Wasser knapp wurde. In den Niederlanden herrschte Dürre, und es gab Probleme mit der Wasserqualität. Großbritannien musste das Bewässern von Gärten verbieten. Der Rhein trocknete aus mit Folgen für den Materialtransport vor allem im Stahlbereich. In der Schweiz habe ich schmelzende Gletscher gesehen, die dann zu Überschwemmungen geführt haben. Wenn wir die Wasserkrise nicht jetzt angehen, werden wir noch mehr davon sehen. Und noch mehr Länder und Bereiche werden betroffen sein. Wir müssen unser Wasser schützen, recyceln und sorgfältiger damit umgehen, denn es ist endlich.

Welche Rolle spielt Ihrer Ansicht nach der Klimawandel bei der sich verschärfenden Wasserknappheit? Und welchen Anteil hat das Bevölkerungswachstum? Sollte man nicht auch berücksichtigen, dass die Bevölkerung in Afrika bis 2050 von 1,3 Mrd.auf 2,5 Mrd. steigen wird?

Guli: Die Vereinten Nationen haben es am treffendsten ausgedrückt mit der Aussage, dass der Klimawandel hauptsächlich als Wasserkrise zu verstehen ist. Wasser wird knapper, aber auch unberechenbarer, das Risiko für Überschwemmungen steigt, die wiederum zu mehr Wasserverschmutzung führen. Durch Verschmutzung kann dieses Wasser unbrauchbar für den Einsatz als Trinkwasser und in der Landwirtschaft werden.

Das Bevölkerungswachstum ist also nicht der Haupttreiber der Wasserkrise.

Die Wasserkrise trifft die Armen in der Welt am härtesten, und wir werden mit weniger Wasser immer mehr Menschen ernähren müssen. Es ist unsere Pflicht, den Armen in Bezug auf Wasser zu helfen. Was würde es über uns als Menschheit aussagen, wenn wir das nicht täten? Wir haben die Pflicht, den vier Milliarden Menschen zu helfen, die mindestens für einen Monat im Jahr von extremer Wasserknappheit betroffen sind, den Mädchen, die nicht zur Schule gehen können, weil sie unglaubliche Distanzen zurücklegen müssen, um Wasser zu holen und sich dabei der Gefahren aussetzen, und den tausenden Kindern, deren Leben bedroht ist, weil sie keinen Zugang zu anständigen Hygieneeinrichtungen haben.

Welche wirksamen Mittel gibt es, um den Zugang zu Wasser in Entwicklungsländern zu verbessern?

Guli: Wassermanagement. Ich denke zuallererst an weniger Verschmutzung und die Wiederaufbereitung von Abwasser. Wir verfügen über die Technologien, doch es mangelt noch an dem Willen und den Fähigkeiten, um die Umsetzung durchzusetzen. Außerdem müssen die Lösungen sehr lokal sein: Die Probleme jeder kleinen Stadt oder Region unterscheiden sich voneinander.

Am wichtigsten ist die Zusammenarbeit. Wenn beispielsweise der private Sektor und Regierungsstellen zusammenarbeiten, werden Know-how und Reichweite gesteigert. Das ist einer der Hauptgründe, warum ich mich dazu entschlossen habe, mit Bayer als einem führenden Unternehmen für Gesundheit und Landwirtschaft zusammenzuarbeiten. Als Unternehmen kann Bayer innovative Lösungen für seine Kunden anbieten und sein eigenes Wassermanagement verbessern. Beides hat große Wirkung. Jeder einzelne kann viel tun, doch gemeinsam können wir noch viel mehr erreichen.

Kommt hier der Entwicklungshilfe vielleicht eine besondere Rolle zu?

Guli: Unser Ansatz zur Lösung der Wasserkrise muss über die Entwicklungshilfe hinausgehen. Sie kann und darf nicht als Allheilmittel betrachtet werden, ist aber ein wichtiges Element. Wie ich bereits gesagt habe: Zusammenarbeit muss im Fokus stehen.

Gibt es Projekte zur Sicherung und Verbesserung der Wasserversorgung, die Sie besonders beeindruckt haben, während Sie Menschen in aller Welt begegnet sind, die sich diesem Thema widmen?

Guli: Da gab es viele, aber ich erzähle Ihnen von einem in meinem Heimatland. Scott Palmer, ein Biodattelbauer aus Coward Springs in Südaustralien, hat auf Tröpfchenbewässerung umgestellt, um den Wasserverbrauch zu senken, und nutzt Wasser aus dem Salzsee Kati Thanda-Lake Eyre.

Ein anderes Beispiel sind Sensoren, die die Feuchtigkeit im Boden messen, damit Landwirte Klarheit über den Bewässerungsbedarf erhalten. Es ist wichtig, sich klar zu machen, wie viel Wasser zur Herstellung eines Produkts benötigt wird. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass alltägliche Produkte und Dienstleistungen stark vom Wasser abhängen. Beispielsweise werden rund 3.500 Liter Wasser zur Herstellung eines Smartphones benötigt. Für eine Jeans braucht man 10.000 Liter.

Welcher politischer Auftrag für die industrialisierten Länder und ihre Regierungen folgt Ihrer Meinung nach aus der Wasserkrise?

Guli: Ich würde eher von einem Führungsauftrag sprechen als von einem politischen Auftrag. Ich würde mir wünschen, dass führende Politiker und Unternehmensvertreter bei jeder Entscheidung, die sie treffen, als erstes ans Wasser denken. Sie sollten es im Ethos ihres Unternehmens oder ihres Landes verankern und ihm einen hohen Wert einräumen. Dadurch werden wir klüger mit Wasser umgehen.

Das ist genau der Grund, warum ich 200 Marathons laufe – um dafür zu sorgen, dass Wasser bei führenden Vertretern aus Wirtschaft und Politik ganz oben auf der Agenda steht.

In diesem Zusammenhang schätze ich die Partnerschaft, die Bayer und ich für dieses Ziel eingegangen sind, und unsere gemeinsamen Gespräche mit Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft darüber, wie wichtig die Wertschätzung von Wasser ist. Insgesamt sind Unternehmen global aktuell für fast 90 % des weltweiten Süßwasserverbrauchs verantwortlich. Wir müssen von den Unternehmen Maßnahmen einfordern – sie haben die Kraft, der globalen Wasserkrise durch nachhaltigen Umgang mit Wasser zu begegnen. Gleichzeitig sind es die Unternehmen, die innovative Lösungen entwickeln, die uns dabei helfen, mit der sich verändernden Realität beim Thema Wasser umzugehen und uns daran anzupassen.

Welche Hoffnungen haben Sie für die Wasserkonferenz der Vereinten Nationen in New York?

Guli: Mir kommt es noch immer surreal vor, dass dies die erste UN-Wasserkonferenz seit 50 Jahren sein wird. 2015 haben die Vereinten Nationen und ihre Mitgliedsstaaten sich dazu bekannt, bis 2030 die Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser und Sanitärversorgung für alle zu gewährleisten. Wir sind weit davon entfernt, dieses Ziel zu erreichen. Daher erwarte ich von dieser Konferenz, dass Vereinten Nationen ihr Versprechen erfüllen. Ich möchte weniger Worte und mehr Taten sehen.

Vielen Dank für das Gespräch!


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