Kritische Würdigung

Kritik am Taube-Interview

Der Kieler Pflanzenbau-Professor Henning Kage unterzieht das Interview von Prof. Taube einer kritischen Würdigung.

Das Interview von Prof. Friedhelm Taube, Uni Kiel, in der TAZ zur neuen Düngeverordnung hat hohe Wellen geschlagen. Auch zur Online-Meldung von top agrar zu Taubes Aussagen gab es zahlreiche ablehnende Kommentare. Nun äußert sich der Kieler Pflanzenbau-Professor Henning Kage zum Thema und unterzieht Prof. Taubes Aussagen einer kritischen Würdigung. Hier seine Einschätzungen:

Aussagen zur 20% Reduktion der zulässigen Düngung in roten Gebieten

Taube: „Es ist grundsätzlich positiv, die Düngung in den „roten“ Gebieten mit besonders hohen Nitratwerten um 20 Prozent pro Hektar zu reduzieren.“

Fakt: Eine Reduktion der Düngung unter den Bedarf bzw. unter das ökonomische Düngungsoptimum reduziert die Nitratauswaschung in aller Regel kurz bis mittelfristig (1-10 Jahre) nur sehr wenig. Bis zu dieser Düngungshöhe steigen die Rest-Nmin-Werte zur Ernte kaum an. Bei Getreide und Raps werden jedoch die Ernterückstände etwas höhere Stickstoffkonzentrationen als bei stark reduzierter Düngung enthalten. Trotzdem ist zunächst von einer Stickstofffestlegung durch diese Ernterückstände auszugehen und erst sehr langfristig, einhergehend mit einer Reduktion der Stickstoffmengen im Humus wird diese Maßnahme zur Reduktion der N-Belastung führen.

Diese Zusammenhänge wurden z.B. in einem langjährigen Forschungsprojekt der Uni Kiel klar herausgearbeitet, an dem Herr Kollege Taube zumindest beteiligt war und dessen Ergebnisse er an anderer Stelle auch zitiert hat.

Eigene Einschätzung: Die pauschale Reduktion der N-Düngung ist eine wenig zielführende Maßnahme, die gleichzeitig mit relativ hohen Kosten verbunden ist. Nitrat-Auswaschung beruht zum allergrößten Teil auf der in typischen ackerbaulichen Fruchtfolgen nur unzureichenden Ausnutzung des im Herbst aus der organischen Bodensubstanz mineralisierten Stickstoffs. Insofern sind andere Ansätze, wie z.B. der Zwischenfruchtanbau, verbunden mit einer Erweiterung und Umstellung der Fruchtfolge zielführender, jedoch ggf. nicht mit geringeren Kosten verbunden als eine Reduktion der N-Düngung unter Bedarf.

Taube: „Die Düngerbedarfswerte bei den meisten Pflanzenarten sind sehr großzügig gesetzt, um es ganz vorsichtig auszudrücken.“

Fakt: die Düngebedarfswerte der DüV sind von Düngungsexperten in einem faktenunterstützten Diskussionsprozess entstanden. Sie sind nicht das Ergebnis eines wissenschaftlich geleiteten, nachvollziehbaren Verfahrens.

Eigene Auswertungen zum Düngungsoptimum in Winterraps und Winterweizen, in die jeweils ca. 100, bundesweit angelegte N-Steigerungsreihen eingeflossen sind, zeigen, dass die Bedarfswerte für diese beiden Kulturen nicht überhöht, d.h. sogar meist unterhalb des ökonomischen Düngungsoptimums liegen.

Es kann davon ausgegangen werden, dass diese Ergebnisse zumindest auch auf die anderen Wintergetreidearten zu übertragen sind. Ähnliche, bundesweite Auswertungen z.B. zu Zuckerrüben und Mais sind leider nicht veröffentlicht bzw. wurden bisher nicht durchgeführt. Es gibt Hinweise darauf, dass die Bedarfswerte für Mais insbesondere bei in der Vergangenheit intensiver organischer Düngung zu hoch angesetzt sind.

Düngungsversuch zu Winterweizen auf dem Versuchsgut Hohenschulen (Bildquelle: Dr. Klaus Sieling)

TAZ: „Der Bauernverband warnt, die Pläne würden die Existenz vieler Betriebe aufs Spiel setzen. Ist diese Sorge berechtigt“ Taube: „Deshalb wird sich bei minus 20 Prozent vielfach zunächst kaum etwas verändern.“

Fakt: Nach der Analyse von ca. 100 Steigerungsversuchen wird ausgehend von einer Düngung nach ökonomischem Optimum die Reduktion der zulässigen Düngung um 20% die N-Kostenfreie Leistung bei Backweizen um ca. 130 €/ha und den Proteingehalt um ca. 1% absenken. Bei Winterraps sind auf der Grundlage eines ähnlich umfangreichen bundesweiten Datensatzes von uns ähnliche Werte errechnet worden.

Eigene Einschätzung: Ob die Gewinnminderung von 20-30.000,-€/a in einem 200-300 ha Ackerbaubetrieb innerhalb eines roten Gebietes existenzgefährdend ist oder nicht, kann nur einzelbetrieblich beurteilt werden. Viehaltende Betriebe werden jedoch ggf. noch stärker betroffen sein. Bundesweit könnten bei etwa 1,5 Mio. ha betroffener Fläche durch die 20% Reduktion 150 Mio. Euro/a an Wertschöpfung verloren gehen. Problematisch ist demnach insbesondere die schlechte Relation zwischen Kosten und Nutzen dieser Maßnahme.

Zur Situation in Dänemark:

Taube: „Deshalb wird sich bei minus 20 Prozent vielfach zunächst kaum etwas verändern. Dänemark hat mit strengen Regeln gezeigt, dass Landwirte bessere Fruchtfolgen wählen und die Erträge so über Jahre nahezu stabil blieben, die Nitratwerte in den Gewässern aber drastisch reduziert wurden.“

Fakt: Nach Rückfrage bei einem dänischen Kollegen wurde mir nochmals bestätigt, dass die letzte Regierung zu dem Schluss gekommen ist, dass die pauschale Reduktion der N-Düngung wenig zielführend war. Zitat: „The reduced N-norms were not useful. It is a very expensive and nor efficient method to reduce nitrogen leaching. This is the general understanding in Denmark now, and last year we got the economic optimal norms back“.

Entwicklung der Proteinkonzentration in Winterweizen (Hvede), Sommergerste (Varbyg) und Wintergerste (Vinterbyg). (Bildquelle: Uni Kiel)

100 kg N/ha zuviel pro Jahr?

Taube: „bringen die Landwirte bundesweit seit fünfzehn Jahren im Schnitt jährlich 100 Kilogramm Stickstoff pro Hektar mehr aus, als die Pflanzen aufnehmen können.“

Fakt: Richtig ist, dass die Brutto-N-Bilanz des Sektors Landwirtschaft bei ca. 100 kg N/ha und Jahr liegt und damit unakzeptabel hoch ist. Der Rückschluss, dass hiermit pauschal eine 100 kg N/ha über dem Bedarf liegende Düngung vorliegt, ist jedoch offensichtlich nicht richtig. Im Ackerbau wird in einem nach oben (Ammoniak- und Lachgasverluste) und unten (Nitratauswaschung) offenen System gearbeitet; Verluste sind unvermeidlich. In welcher Höhe diese liegen ist je nach Region und Landnutzungssystem unterschiedlich. Die jetzige DüV hat neben hoch angesetzten Schätzwerten für unvermeidliche Ammoniakverluste den zulässigen Bilanzwert auf 50 kg N/ha festgelegt. Je nach Region und Betriebstyp sind jedoch niedrigere Werte möglich oder höhere Werte kaum vermeidbar. Dies wird zumindest für den ökologischen Gemüsebau auch von der Bundesregierung anerkannt.

Zu den Messstellen

Taube: „In den letzten sechs Jahren hat Deutschland das Agrarmessnetz von 65 auf 700 Messstellen ausgeweitet, es ist somit in hohem Maße repräsentativ – an der Dimension des Problems hat sich dadurch nichts verändert.“

Fakt: Das ursprüngliche Belastungsmessnetz wurde zwar ausgeweitet, aber die ursprünglich, gezielt nach Belastungskriterien ausgewählten Messstellen bilden nach wie vor einen Teil des neuen Messnetzes. Insofern liegt nach statistischen Prinzipien nach wie vor eine verzerrte Stichprobe vor.

Niedersachsen bietet unter (https://www.umweltkarten-niedersachsen.de/Umweltkarten/) die aktuellen Messwerte (2016) der Nitratkonzentrationen der Grundwassermessstellen zum Download an. Wertet man diese Zahlen aus, haben 82% aller Messstellen (1065) eine Nitratkonzentration von weniger als 50 mg Nitrat/l und immer noch 72% der Messstellen unter Ackernutzung (527). Das nach bestimmten Kriterien selektierte EUA-Messnetz weist für ganz Niedersachsen nur 69% der Messstellen mit Werten weniger als 50 mg Nitrat/l aus. Gleichzeitig werden 60% der Landesfläche als nach den Kriterien der Wasserrahmenrichtlinie „rotes Gebiet“ ausgewiesen.

Eigene Einschätzung: Die Darstellung der Nitratkonzentrationen im Grundwasser im öffentlichen Diskurs ist oft verwirrend bis irreführend. Der nicht zulässige Vergleich der Daten des Belastungsmessnetzes in Deutschland mit den anderen Messnetzen innerhalb der EU hat die öffentliche Diskussion maßgeblich beeinflusst. Die alleinige Darstellung der „roten Gebiete“ ohne gleichzeitige Darstellung möglichst aller verfügbaren Messwerte (ggf. Link zu Kartendarstellung) führt nach wie vor zu einer verzerrten Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.

Die seit langem in vielen Gebieten Deutschlands vorliegenden hohen N-Bilanzsaldo­überschüsse müssten ohne Nitratreduktion auf dem Weg ins oder im Grundwasser zu noch deutlich höheren Nitratwerten im Grundwasser führen als die jetzt beobachteten. Ein Blick auf die regionale Verteilung mit Nitrat belasteter Messstellen in Niedersachsen belegt die hohe Bedeutung der Topographie bzw. des Grundwasserflurabstandes für die Nitratmesswerte (https://www.umweltkarten-niedersachsen.de/Umweltkarten/?topic=Basisdaten&lang=de&bgLayer=TopographieGrau&layers=Grundwassermessstellen_chemischer_Zustand,GrundwasserGueteNitrat&layers_opacity=0.5,1&layers_visibility=false,true&X=5877308.59&Y=466498.83&zoom=3). Ob diese Nitrat­reduktion dauerhaft ist oder ggf. eine Ressource darstellt, die erschöpft werden kann, ist eine wichtige, aber zurzeit wohl noch nicht abschließend beantwortete Frage.

Weitere Informationen zu den hier diskutierten Aussagen

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Artikel geschrieben von

Christian Brüggemann

Redakteur Markt

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Diskussionen zum Artikel

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von Wilhelm Grimm

Sehr gute Analyse von Georg Keckl,

die uns schonungslos die längerfristigen Ziele der Grünen, der Medien und der Stadtmenschen aufzeigt .Die derzeitigen, breit angelegten Aktivitäten unseres Berufsverbandes in der Öffentlichkeitsarbeit sind wichtig und gut, sie müssen aber langfristig angelegt und gesteuert werden. Es müssen die eigentumsfeindlichen Strategien des vom Nabu gesteuerten BMU offen angeprangert werden. Der Schmusekurs von Präsident Rukwied ist falsch.

von Georg Keckl

Seit 2003 Trend von einer seriösen zu einer populistischen Politik

Der dogmatische Ex-Kommunist Jürgen Trittin (Bundesumweltminister 1988-2005) holte 2003 den Präsidenten des NABU (1992-2003 ) ins BMUB. Für den Parteiproporz war es nützlich, dass Jochen Flasbarth der SPD zugezählt wurde, aber rein grüne Politik betreibt. Er läutete einen Systemwechsel im Politikstil ein, machte aus seinen Bereichen kampagnenbasierte Dienste im Stil von dogmatischen NGO‘s, alle anderen wurden weggemobbt. Das setzte sich in seiner Funktion als Präsident des UBA bis in die heutige Funktion fort. Vor 2003 funktionierte lösungsorientierte Politik so: Man kuckte sich das Problem an, forschte wissenschaftlich nach den Ursachen und entwickelte auf der Basis Lösungen. Das ist langweilig + und langwierig, aber einzig korrekt. So förderte man die N-Min-Methode, die Abkehr von den Mehrnähstoffdüngern, viele N-Einzelgaben, insgesamt erhöhe man so die N-Effizienz der Düngung von ca. 30% auf nun 50%. Ab 2003 wurde gekuckt, was man für emotionalisierende Kampagnen braucht, um Planziele in der Richtung durchzusetzen, unabhängig davon, ob es dazu schon Lösungen gibt oder sie sich andeuten, Freiräume brauchen. Hysterie und Einseitigkeiten statt Beweise, wie beim Waldsterben, das kein wissenschaftliches Beweis-Fundament hatte. Viele Professoren machten mit. Dazu muss man von der Wissenschafts- und Verwaltungsebene ablenken, Wie bei Werbekampagnen effizient emotionalisieren, also verblöden, und alle Warner als böse, dumm, vorgestrig und unmoralisch hinstellen, damit die mit ihren drögen Argumenten nicht mehr hochkommen. Mit Wissen hat man gegen diese Taktik keine Chance, die läge nur in einer knallharten Offenlegung der Taktik und der Betrügereien, dass die Guten das Gegenteil von gut sind und langfristig verheerend. Das ist aber nicht jedermanns Sache. Der Höhepunkt dieser „Wünsch-Dir-Was“- Infantilisierung ist z.B. Friday for Futur, wobei man nicht sagen kann, wer dämlicher ist, dieser Teil der Jugend oder die anschleimenden Parteien. Gemeinwohlförderlich wäre klare Kante und ein kritischer Journalismus. Emotionalisierung ist ein Spiel mit dem Feuer, denn es ruft Gegenemotionen hervor, aber manchmal brauchts bei denkfaulen Sperrfeuer.

von Wilhelm Grimm

Einer traut sich was

und rettet die Ehre der Uni Kiel. Da die allermeisten Umwelt-und Agrarministerien grün regiert werden, wird Prof. Kage es mit der Einwerbung von Forschungsgeldern schwer haben.

von Markus Bitter

Mehr davon

Wir brauchen in der Diskussion um dieses Thema endlich mehr Fachleute wie Herrn Prof. Kage. Hut ab das er sich das traut. Leider kommen diese fachlichen Informationen nicht dort an wo die Entscheidungen getroffen werden. Was Landwirtschaft und Klimaschutz angeht wird immer mehr Politik nach dem Motto wer am lautesten schreit hat recht gemacht... Aus meiner Sicht helfen uns Landwirten auf Dauer nur wissenschaftliche Fakten!

von Willy Toft

Also war das Interview mit Taube Populistisch!

Reichlich übertrieben und etwas am Thema vorbei, die Eindrücke von DK waren anscheinend eigene Interpretationen!

von Kurt Brauchle

Erstaunlich und bewundernswert

das sich ein im aktiven Berufsleben befindlicher Prof. solch einem Faktencheck traut. Da werden die Beissreflexe aus allen Richtungen nicht lange auf sich warten lassen. Wie das geht, haben wir ja bei der Kritik von Lungenärzten an der Feinstaubdiskussion gesehen.

von Christoph Blankenburg

Prof. Taube...

...sollte jetzt umgehend auf den Faktencheck seines Kollegen Henning Kage reagieren. Mir scheint es unwahrscheinlich, dass er die aus meiner Sicht nachvollziehbaren und wissensbasierten Argumente von Herrn Prof. Kage widerlegen kann. Gelingt es ihm nicht oder nur unzureichend würde es der Anstand gebieten sein Amt als wissenschaftlicher Beirat des Ministeriums nieder zu legen um der Schmach einer Abberufung, die dann fällig ist, zuvor zu kommen.

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