Debatte entfacht

Prof. Tscharntke: "Öko-Landbau ist NICHT die Lösung für die Biodiversitätskrise"

Unter deutschen Wissenschaftlern ist eine Streitdebatte um die Bewertung des Ökolandbaus und die pauschale Aussage, nur er schaffe mehr Biodiversität, entstanden. Nun kontern die Göttinger Forscher.

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Göttingen stellt infrage, dass der ökologische Landbau die grundlegende Alternative zur konventionellen Landwirtschaft sei, um die Biodiversität in Agrarlandschaften zu fördern. Wir berichteten am 4. August ausführlich über die Argumente von Prof. Dr. Teja Tscharntke.

Damit überhaupt nicht einverstanden sind Dr. Karin Stein-Bachinger, Prof. Dr. Stefan Kühne, Dr. Moritz Reckling und Sara Preißel vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg und dem Julius-Kühn-Institut (JKI) in Kleinmachnow. In einem Gastbeitrag auf top agrar Online traten sie der Göttinger Studie am 10. September mit ihren Argumenten entgegen.

Das wiederum möchte Prof. Tscharntke so nicht stehen lassen und wirft den ZALF- bzw- JKI-Kollegen ihrerseits Fehler vor. Wir veröffentlichen daher hier die Gegenargumentation von Teja Tscharntke (Uni Göttingen), Ingo Grass (Uni Hohenheim), Thomas C. Wanger (Ch-Westlake University), Catrin Westphal (Uni Göttingen) und Péter Batáry (Centre for Ecological Research in HU-Vácrátót), die uns am 16. September erreichte, hier der Originaltext:

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"Zur Kritik von K. Stein-Bachinger, S. Kühne, M. Reckling & S. Preißel (ZALF & JKI)

Gemäß Stein-Bachinger et al. zeigt unser Artikel in Trends in Ecology and Evolution „ein einseitiges und zum Teil verzerrtes Bild der Leistungen des Ökolandbaus für die Artenvielfalt und dient nicht zu einer für den Biodiversitätsschutz dringend erforderlichen Versachlichung der Diskussion.“ Sie halten unsere Vorschläge für „praxisfern“ und unsere Darstellung des Öko-Landbaus für „einseitig“.

Diese Vorwürfe versuchen sie, mit ihrer Stellungnahme zu untermauern. So würden wir übersehen, dass höhere Biodiversität auf dem Acker nur durch ein verringertes Ertragsniveau zu erzielen sei, wie es im Öko-Landbau der Fall ist. Das stimmt allerdings nur, wenn alle Randbedingungen identisch sind. Wir zeigen dagegen mit Daten aus peer-review Publikationen, dass die lokale Artenvielfalt wesentlich durch eine Verbesserung der Landschaftsstruktur erhöht werden kann - und zwar durch mehr naturnahe Landschaftselemente, kleinere Felder und eine größere Vielfalt der angebauten Kulturarten.

Weiterhin behaupten sie, dass Öko-Landbau viel mehr als ein Drittel höhere Artenzahlen fördert, und verweisen auf die höhere Artenzahl bei Ackerwildkräutern. Die besonders starke Förderung der Pflanzenvielfalt wird auch in unserem Artikel genannt, aber wir belegen mit publizierten Daten, dass andere Gruppen, wie die mobilen Vögel und Insekten, kaum profitieren, so dass für alle Gruppen im Mittel nur ein Drittel mehr Arten resultieren. Stein-Bachinger et al. kritisieren auch, dass wir zu diesem Thema zwei große Thünen-Berichte nicht zitieren; das liegt schlicht daran, dass wie nur internationale peer-review Artikel zitieren und nicht ungeprüfte „graue“ Literatur. Allerdings gibt es mehrere große, international gut publizierte Meta-Analysen zur Biodiversität im Öko-Landbau, die von Stein-Bachinger et al. nicht zitiert werden.

Stein-Bachinger et al. halten auch die Bedeutung der Verkleinerung von Schlägen für überschätzt und beziehen sich auf lokale Studien zu einigen Vogelarten. Wir zitieren dagegen peer-review Belege von einer Analyse über acht Regionen in Europa und Nordamerika (mit insgesamt 435 Landschaften) und quantifizieren die große Bedeutung der Verkleinerung von Feldern für Pflanzen, Vögel, Bienen, Tagschmetterlinge, Laufkäfer, Schwebfliegen und Spinnen. Da geht es nicht um eine 35% Erhöhung der Artenvielfalt, wie im Öko-Landbau, sondern um eine 600% Erhöhung!

Stein-Bachinger et al. behaupten, wir würden den Pestizideinsatz im Öko-Landbau „nicht korrekt und teilweise unsachlich“ darstellen. Wir erwähnen aber sehr wohl, dass im Ackerbau weitgehend auf Herbizide verzichtet wird, verweisen allerdings darauf, dass in manchen Kulturen auch intensiv gespritzt wird und dies der Öffentlichkeit meist nicht bewusst ist. Die Konsument*innen von Öko-zertifiziertem Gemüse, Obst, Wein oder Kartoffeln gehen meist davon aus, dass hier keine Pestizide zum Einsatz gekommen sind, was ein Trugschluss ist. Zudem haben Konsument*innen oft keinen Begriff davon, dass Öko-Landbau nicht nur den idyllischen Familienbetrieb meint, sondern oft auch riesige Monokulturen, Anbau unter Glas oder in Landschaften, die fast vollständig mit Plastikplanen bedeckt sind (wie zum Beispiel in Andalusien).

Stein-Bachinger et al. betonen auch, dass Öko-Landbau sehr viele verschiedene Umweltleistungen hervorbringt. In unserer Studie thematisieren wir nur die relativ kleine Bedeutung für die Biodiversität. Stein-Bachinger et al. mögen aber zum Beispiel den international viel zitierten Artikel von Seufert & Ramankutty 2017 (in Science Advances) lesen zu den „Many shades of grey – the context dependent performance of organic agriculture“. Die Autor*innen machen klar, dass die Öko-Umweltleistungen oft verschwinden, wenn man die geringe Produktivität im Öko-Landbau berücksichtigt, von dem höheren Preis für die Konsument*innen ganz zu schweigen.

Stein-Bachinger et al. sprechen ein wichtiges und diskussionswürdiges Thema an. Leider hat aber ihre Kritik wenig Substanz, ist zum Teil irreführend und nimmt die internationale Forschungslage kaum zur Kenntnis. Wir hätten uns eine konstruktivere Auseinandersetzung gewünscht, die wirklich „zur Versachlichung der Diskussion“ beiträgt."

Originalveröffentlichung: Teja Tscharntke, Ingo Grass, Thomas C. Wanger, Catrin Westphal, Péter Batáry: Beyond organic farming – harnessing biodiversity-friendly landscapes. Trends in Ecology and Evolution (2021), Doi: https://doi.org/10.1016/j.tree.2021.06.010


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