Teja Tscharntke: „Die Landwirte müssen den Insektenschwund ernst nehmen!“ Plus

„Der Rückgang der Insekten ist seit Jahrzehnten zu beobachten und hält weiter an“ bilanziert Prof. Dr. Teja Tscharntke im Gespräch mit tiop agrar. Das zeigten alle wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema. Hauptursache sei der Verlust von geeigneten Lebensräumen als Folge der Intensivierung der Landwirtschaft.

„Der Rückgang der Insekten ist seit Jahrzehnten zu beobachten und hält weiter an“ bilanziert Prof. Dr. Teja Tscharntke, Agrarökologe an der Universität Göttingen, im Interview mit top agrar online. Das zeigten alle wichtigen wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema.

Hauptursache sei der Verlust von geeigneten Lebensräumen als Folge der Intensivierung der Landwirtschaft. Darüber hinaus spielten der Klimawandel und ein hoher Stickstoffeintrag eine maßgebliche Rolle. Der Wissenschaftler fordert den Berufsstand auf, den Rückgang der Insekten und deren Ursachen ernst zu nehmen. Und: „Die Politik muss mehr Förderanreize für den Artenschutz setzen“,  sieht Tscharntke Handlungsbedarf.

Wie stark sind die Insektenpopulationen in den vergangenen 25 Jahren zurückgegangen?

Tscharntke: Der Intensivierungsschub der landwirtschaftlichen Produktion in den 1950er und 1960er Jahren sowie die Flurbereinigung zwei Jahrzehnte später hat zu großen Biodiversitätsverlusten geführt. Deswegen ist die Nachricht besonders erschreckend, dass sogar noch in den letzten Jahrzehnten starke Rückgänge bei Insekten, aber auch bei Feldvögeln, zu beobachten sind. In nordrhein-westfälischen Schutzgebieten wurde ein Rückgang der Insektenbiomasse um 75% in den letzten 2-3 Jahrzehnten gemessen. Daraus kann man auf einen Rückgang bei zahlreichen Arten und auch auf lokales Aussterben schließen - ein dramatisches Ausmaß, das selbst Experten überrascht hat.

Welche Insektenarten sind davon besonders betroffen?

Tscharntke: Bienen, Ameisen und Wespen, aber auch Großschmetterlinge zeigen besonders stark ausgeprägte negative Trends. Bei Schwebfliegen, von denen viele Arten als effektive Gegenspieler von Blattläusen bekannt sind, sollen in den letzten beiden Jahrzehnten sogar 70-96% Verluste bei den Populationen zu verzeichnen sein (laut Bundesamt für Naturschutz).

Wie umfangreich und wie wissenschaftlich valide sind diese?

Tscharntke: Das ist ein komplexes Thema. Die Artenvielfalt der Insekten Deutschlands ist zwar mit 33.000 Arten viel größer als die der Vögel und Säugetiere (nur 328 und 104 Arten), aber die Kenntnis ihrer Biologie ist viel schlechter. Die Häufigkeit von Tagschmetterlingen im Grünland ist gut untersucht und europaweit in den letzten drei Jahrzehnten um ein Drittel zurückgegangen. Es wurde zum Beispiel auch vielfach gezeigt, dass hoch gedüngtes Grünland sehr artenarm ist, und dass von Ackerland dominierte Landschaften sehr viel artenärmer sind als bunte, heterogene Landschaften.

Kommen die Untersuchungen zu ähnlichen Ergebnissen?

Tscharntke: Insgesamt sind die Tendenzen ähnlich, auch wenn die...

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