Weniger Stickstoff düngen

Weg vom optischen Perfektionismus: Schwächer gedüngtes Gemüse geht auch

Fachleute fragen sich, ob manche Prozesse im perfektionierten Gemüsebau über das eigentliche Ziel – gesunde Ernährung mit kalorienarmem, nährstoffreichem Gemüse – hinausschießen.

Die Blätter am Kohlrabi sind nicht dunkel grün? Der Eisbergsalat oder der Brokkoli unterschreiten ein bestimmtes Gewicht bzw. Größe? Obgleich alle drei Gemüse-Exemplare die gesetzlich geforderten Qualitätskriterien erfüllen, landen sie bislang meist nicht auf dem Tisch, sondern bleiben direkt auf dem Acker und werden untergepflügt, schreibt die Landwirtschaftskammer Niedersachsen.

Ein wichtiger Grund: Ihre Größe und ihr Gewicht entsprechen bislang nicht den Erwartungen der Verbraucher und damit verbunden den Anforderungen des Handels. Gerade dieses frische Gemüse künftig in den Handel zu bringen, ist Ziel des Projekts „REVIEW“ der LWK.

Bislang zuviel Schwerpunkt auf Aussehen gelegt

In den zurückliegenden Jahren wurde der Anbau von Gemüse unter Nutzung vieler Ressourcen so optimiert, dass grundsätzlich die Ernte von optisch perfekten Erzeugnissen möglich ist und diese mittlerweile in unserer Gesellschaft den Standard in Punkto Qualität darstellen.

Doch in Anbetracht der endlichen Ressourcen und der wachsenden Bedeutung des Klima- und Umweltschutzes stellen sich immer mehr Fachleute die Frage, ob manche Prozesse im perfektionierten Gemüsebau über das eigentliche Ziel – gesunde Ernährung mit kalorienarmem, nährstoffreichem Gemüse – hinausschießen.

„Die innere Qualität bzw. der Nährstoffgehalt bei Gemüse ist nämlich unabhängig von der vermeintlich perfekten Größe oder Gewicht!“, erklärt Projektleiterin Melanie Seehausen, Leiterin des LWK-Sachgebiets „Produktqualität im Gartenbau“.

Praxisversuche laufen

Im Projekt untersucht die LWK Niedersachsen in Kooperation mit den Erzeugerbetrieben Mählmann Gemüsebau GmbH & Co. KG aus Cappeln und der Behr AG/Agrarmanagement GmbH aus Seevetal sowie dem Einzelhandelsunternehmen EDEKA Minden-Hannover, ob sich Gemüseprodukte durch die ressourcenschonendere Produktion hinsichtlich Ertrag und Qualität verändern und wie Verbraucher auf die möglicherweise veränderte Warenaufmachung reagieren. Die Verbraucherreaktion wird dabei wissenschaftlich durch die Hochschule Osnabrück als Projektpartner aufgenommen.

„Nach unserem Kenntnisstand schließen sich erstmalig Produktion und Handel zusammen, um die Konsequenzen solch einer ressourcenschonenderen Produktion von frischem Gemüse in der Wertschöpfungskette zu untersuchen“, sagt Dr. Hendrik Führs, bei der LWK Niedersachsen Leiter des Fachbereichs „Beratung und Qualitätsmanagement im Gartenbau“, der das Gesamtprojekt koordiniert.

„Die Gemüsebaubetriebe wollen einen Beitrag zum Wasser- und Ressourcenschutz leisten. Gleichzeitig stehen sie in der Verantwortung, qualitativ hochwertige Lebensmittel zu produzieren“, fährt Führs fort. „Die LWK Niedersachsen begleitet die praxisgerechten Düngeversuche auf dem Acker stetig und bewertet die Qualität des Gemüses hinsichtlich ihrer Vermarktungsfähigkeit“, ergänzt Melanie Seehausen.

in Kürze im Laden

Ab Juni 2022 werden weniger gedüngter Blumenkohl, Brokkoli, Eissalat und Kohlrabi in 38 EDEKA-Märkten in Niedersachsen und Ostwestfalen den Kundinnen und Kunden zum Kauf angeboten.

„Mit der pauschalen Reduzierung des Stickstoffangebotes werden sehr wahrscheinlich kleinere Produktgrößen erzielt werden. Mit dem Projekt REVIEW und dem von allen Projektpartnern gemeinsam dafür gewählten Ansatz, die Reaktion bzw. Akzeptanz des Verbrauchers auf die veränderten Produktaufmachungen objektiv zu messen, können für die Folgen des reduzierten Stickstoffangebotes neue Lösungsansätze entlang der Wertschöpfungskette herausgearbeitet werden“, heißt es von der Behr AG.

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