Kläranlagen

Soviel Stickstoff und Phosphor gelangt aus Kläranlagen in Oberflächengewässer Premium

Nährstoffe aus Kläranlagen und Fäkalien aus Mischwasserüberläufen gelangen weitestgehend unbemerkt in unsere Gewässer. Bauern fragen sich, warum Kläranlagen nicht mehr in die Pflicht genommen werden.

Wenn es um Nährstoffüberschüsse in Oberflächengewässern geht, scheint die Verantwortung in der Regel stets der Landwirtschaft und einer überhöhten Düngung zugeschoben zu werden. Berichte über Kläranlagen, die bei Starkregen die Schieber öffnen und welche Restmengen aus den Klärbecken generell in die Gewässer gelangen, finden kaum Gehör.

top agrar stellte dazu acht Fragen an Ministerien, Behörden und Verbände. Fast einstimmig sehen die Befragten alle Beteiligten in der Pflicht, ihren Beitrag zu leisten, verweisen aber darauf, dass dies bei den Kläranlagen in den letzten Jahren bereits in großem Umfang geschehen sei. Das Umweltbundesamt (UBA), als zuständige Behörde, zitieren wir im Folgenden exemplarisch. Alle weiteren Antworten entnehmen Sie bitte den Anhängen.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft antwortete lediglich mit einer Stellungnahme – auch diese finden Sie im Anhang.

1. Wie stehen Sie zu den Nährstoffeinträgen durch Kläranlagen?

UBA: Kommunale Kläranlagen leisten einen unverzichtbaren Beitrag, um Nährstoffe aus häuslichem und gewerblichen Schmutzwasser sowie dem Regenwasserablauf von versiegelten urbanen Flächen zu reduzieren.

Die Einleitung von Abwasser wird über gesetzliche Regelungen kontrolliert. Gemäß § 57 WHG darf Abwasser nur eingeleitet werden, wenn die Schadstofffracht des Abwassers so gering gehalten wird, wie dies nach dem Stand der Technik möglich ist. Die Abwasserverordnung regelt die Mindestanforderungen für das Einleiten von Abwasser in Gewässer. In Anhang 1 werden die Anforderungen an Nährstoffe (Stickstoff, Phosphor) gestellt.

Insbesondere in den letzten 30 Jahren wurden durch technischen Ausbau und die Weiterentwicklung des Standes der Technik die Nährstoffeinträge über Punktquellen in die Oberflächengewässer um mehr als 300.000 t/Jahr (ca. 80 %) für Stickstoff (N) und um mehr als 50.000 t/Jahr (ca. 8,5%) für Phosphor (P) reduziert. Hierfür wurden erhebliche finanzielle Mittel eingesetzt. Aktuell (2016) eliminieren Kläranlagen in Deutschland die im kommunalen Abwasser anfallenden N- und P-Frachten zu über 80 % (Stickstoff) bzw. zu über 90 % (Phosphor).

2. Wie hoch schätzen Sie den Anteil der Ausleitfrachten an der Gesamtbelastung für die Oberflächengewässer ein?

UBA: An den gesamten Nährstoffeinträgen, die in Oberflächengewässer gelangen, beträgt der Anteil aus geklärten Abwässern im Mittel der Jahre 2015/2016 für Stickstoff ca. 17% (~76.800 t/a) und für Phosphor ca. 30% (~6.300 t/a).

Hinzu kommen Einträge aus kleinen Anlagen (< 50 EW), Regenwassereinleitungen und Mischwasserüberläufe. Insgesamt werden ca. 5 % des Stickstoffs (~24.000 t/Jahr) und ca. 19% des Phosphors (~4.000 t/Jahr) über diese Eintragspfade verursacht, davon: 1 % N und 3 % P durch kleine Kläranlagen (< 50 EW) und jeweils ca. 2 % N und 8 % P über Mischwasserüberläufe und Regenwassereinleitungen.

Damit summiert sich in Deutschland im Mittel der Jahre 2015/2016 die durchschnittliche Nährstofflast aus abwasserbürtigen Eintragspfaden bei Stickstoff auf 22 % (~100.700 t/Jahr) und bei Phosphor auf ca. 49% (~10.300 t/Jahr).

Die Abbildung verdeutlich, wie sich die Eintragsmenge und die Eintragspfade von 1987 bis 2011 verändert haben.

3. Warum sind diese Nährstofffrachten kein Bestandteil der Diskussion um die Zustände der Fließgewässer? Warum liegt der Fokus alleine auf der Landwirtschaft?

UBA: In der Diskussion um die zu ergreifenden Reduzierungsmaßnahmen werden alle relevanten Nährstoffeintragspfade einbezogen. Die wichtigsten gesetzlichen Grundlagen dafür sind das Wasserhaushaltsgesetz für die Bewirtschaftung insgesamt, Anhang 1 der Abwasserverordnung (AbwV) für die kommunalen Kläranlagen und die Düngeverordnung für die Landwirtschaft. Die Berichte zum Stand der Abwasserbeseitigung in den Ländern, die alle zwei Jahre veröffentlicht werden, zeigen, dass die Regelungen für Kläranlagen deutlich gegriffen haben.

Durch die Reduzierung der N-Punktquellen nimmt bei Stickstoff, bezogen auf die Gesamteinträge in die Oberflächengewässer,...

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Artikel geschrieben von

Anne Katrin Rohlmann

Redakteurin Ackerbau/Grünland

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Diskussionen zum Artikel

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von Guido Müller

nordmagazin:__Goldwasser_ für den Garten

Es gibt Dinge, die macht man, spricht aber nicht darüber. Gartenexperte Peter Rasch hat sich deshalb das Thema Urin im Garten vorgenommen und meint: "Ruhig mal in den Garten pinkeln". Denn Urin ist ein ziemlich guter Dünger. Einige Gärtner nennen ihn auch Goldwasser und das aus gutem Grund: Er enthält Kalium, Magnesium und viel Stickstoff. Der Urin eines Erwachsenen reicht, um einen Garten mit einer Größe von 400 Quadratmetern komplett mit Dünger zu versorgen. Damit hat Urin ein enormes Düngepotenzial. /////Die Mischung macht's Urin ist ein Flüssigdüngerkonzentrat, das auf keinen Fall unverdünnt aufgebracht werden darf. Je nachdem, was die Pflanzen für einen Nährstoffbedarf haben - Mittel-, Schwach- oder Starkzehrer - wird er in einem Verhältnis zwischen 1:10 und 1:20 mit Wasser verdünnt und dann auf die Kulturen ausgebracht./// Hier ist kein weiterer Kommentar nötig.

von Stefan Lehr

Erschreckend ...

... sind zum Einen diese ueberalterten Zahlen des UBA und zum Anderen, dass in diesen Veroeffentlichungen nur die halbe Wahrheit steckt. wie schon an vielen Stellen gefordert soll - und MUSS - auch seitens des UBA mit der vollen Wahrheit die Faktenlage auf den Tisch. Wenn dies geschehen ist kann objektiv und auf Augenhoehe diskutiert und verhandelt werden. Es wird sich dabei zeigen, dass neben der Landwirtschaft andere Mitverursacher einen erheblichen Nachholbedarf am Umweltschutz haben und die Landwirte bereits mehr als eine Nasenlaenge diesen "Mitverschmutzern" voraus sind.

von Gerhard Steffek

Das Fatale -

an der ganzen Sache ist ja auch noch der Umstand, das ausgerechnet die mangelhaftesten, undichten Kläranlagen bei den kleinen Dörfern und Gemeinden zu finden sind, somit auch zugleich auf dem Lande. Da braucht es dann einen nicht wundern, wenn auf dem Lande die Probleme zu finden sind.

von Gerhard Steffek

Es wird viel getan -

heißt es hier von offizieller Seite. Aber was ist mit denen, die dennoch nichts tun. Ich weiß eine Kläranlage, deren Klärteiche sind so undicht, daß am Ende zur rechten Zeit gar nichts mehr rausläuft, sondern nur alles versickert. Das aber seit 30 Jahren! Viele Kläranlagen halten ihre Ablaufwerte nicht ein und das geht den Verantwortlichen aalglatt am Allerwertesten vorbei. Eine Sanierung würde ja Geld kosten und das scheuen die Verantwortlichen wie der Teufel das Weihwasser, geht es letztendlich nicht nur dem "Bürger" an den Geldbeutel, sondern auch an den eigenen. Da macht es dann nichts. Sieht man ja auch nicht und letztendlich gilt hier der Spruch: "Beim Geld hört sich die Freundschaft auf."

von Thomas Schaffner

Verlogen

Bei uns wird aktuell eine neue Kläranlage für 2,2, Mio. Euro gebaut. Das Grundwasser wird dafür 5 m tief abgepumpt. Das Belebungsbecken hat keine Leckagefolie, noch eine Drainage um das Becken, und einen Kontrollschacht gibt es auch nicht. Das Becken wurde in Abschnitten betoniert. Die Löcher für die Spanndrähte sind nicht dicht. So würde keine Güllegrube genehmigt. Die alten Klärbecken sind gepflastert, damit das Grundwasser rein und raus kann. Wenn jemand die Unterlagen dazu braucht, stelle ich sie zur Verfügung.

von Alfons Hümmer

Wir leben im Jahr 2019!!!

Das UBA veröffentlicht in seiner Antwort nur Zahlen aus den Jahren 1987 bis 2006. Liegen nach 2006 keine neueren Zahlen vor oder passen die neueren Zahlen nicht ins Konzept des UBA? Wieso fertigt man die berechtigte Anfrage von TA mit solch überholten Zahlen ab? Wenn man sich die Graphiken genauer anschaut stellt man fest, dass der N-Eintrag über Grundwasser in diesen 20 Jahren trotz jährlicher Schwankungen relativ gleich geblieben ist, die N-Eintragungen über Oberflächenabfluss und Einleitung aus Drainagen aber deutlich rückläufig war. Meines Erachtens bedeutet dies, dass die Landwirte erfolgreich versucht haben so zu düngen, dass der ausgebrachte N-Dünger von den angebauten Pflanzen aufgenommen werden konnte und möglichst wenig unproduktiv ins Grundwasser oder in die Oberflächengewässer abgeleitet wurde. Diese Graphik konterkariert auch die derzeitige Debatte über die Belastung des Grundwassers mit Stickstoff, angeblich ausgelöst durch die Landwirtschaft. Sicher gibt es auch vereinzelt Landwirte, die ihre Gülle "entsorgen". Deren Vorgehensweise darf allerdings nicht auf die Mehrheit der Landwirte übertragen werden und zu höheren Belastungen der ordentlich wirtschaftenden Landwirten missbraucht werden.

von Karlheinz Gruber

Was hier nicht erwähnt wurde ist

daß die undichten Kanäle noch nicht mal in der Berechnung mit drinnen sind.// Das es Videos gibt, ganz aktuelle, die zeigen, daß bei Störungen der der Kläranlage, diese ungereinigt ablassen. Was ist damit// Daß es je nach Bodenuntergrund sehr viele Mischwasseranlagen gibt, die bei Starkniederschlägen ungeklärt einleiten, weil Regenwasser nicht versitzt werden kann// und vor allem, es wird nur der Stickstoff gerechnet, der ausgeleitet wird. Von dem Sauerstoff der zur Beckenbelebung eingeblasen wird und dem Stickstoff der ausgeblasen wird, redet keiner. Dabei ist es in der Landwirtschaft bei den Auflagen doch so, daß wir Behälterabdeckungen haben sollen (Stroh ist minimum), daß wir irsinnig viel Geld in die Ausbringtechnik stecken müssen um den N in den Boden zu bekommen. Und was machen die Kläranlagen? Aus Kostengründen? den Stickstoff in die Luft blasen. Das ist doch mal eine Gleichbehandlung und Kostengleichheit....

von Norbert Schulze-Darphorn

Ich möchte in dieser Sache auf eine Studie aus Australien hinweisen

Bei Abwässern aus Kläranlagen weiß doch kein Mensch was letztendlich drin ist, immer schön berechnet aber wehe es misst mal einer konkret nach. Das Insektensterben lässt grüßen: https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/arzneimittel-aus-abwaessern-reichern-sich-in-insekten-an-a-1237075.html

von Kirsten Wosnitza

Versachlichung der Debatte

Ist Voraussetzung zur Schaffung von Lösungen. Danke an top agrar für diesen Beitrag. Er macht deutlich, dass deutliche Anstrengungen von vielen Seiten geleistet werden müssen. Die Finanzierung muss endlich geklärt werden.

von Albert u. Christian Trame

Warum als Premiumartikel?

Um eine breite öffentliche Diskussion zu entfachen, sollten solche Artikel auch öffentlich teilbar sein. Mein Vorschlag. Gruß

Anmerkung der Redaktion

Danke für den Kommentar. Diese Frage hören wir öfter, wir sind allerdings ein Magazin für unsere zahlenden Leser, die Landwirte, Lohnunternehmer, Berater, Tierärzte etc.. Für Sie recherchieren wir und schaffen exklusive Inhalte, die andere nicht haben, bezahlt von Ihnen. Es ist daher gar nicht unsere Aufgabe, die Verbraucher und allgemeine Öffentlichkeit zu informieren. Gerne sind Sie aufgerufen, aktiv per Öffentlichkeitsarbeit oder über Ihre Verbände an Politik und öffentliche Medien heranzugehen, um wichtige Anliegen zu verbreiten

von Dirk Heinemann

Kreislauf

Die Landwirte bringen den Stickstoff , Phosphat in Form von Gülle,Mineraldünger auf ihre Felder und bringen sie in Form von pflanzlichem Eiweiß,und in Pflanzen gebundenen Mineralstoffen,wieder zurück auf ihren Hof!! Kreislaufwirtschaft! Wie funktioniert das bei den Klärwerken wobei das Klärwasser hoch belastet ist Krankenhäuser etc viele Medikamente Hormone lassen sich gar nicht heraus klären. Keine Berichte hierrüber in den Medien. Nur auf die Bauern rum hacken.

von Erhard Kunz

Ein konkretes Beispiel?

In meinem Betrieb setze ich jährlich 14000 kg Stickstoff ein. Die Kleinstadt bei der ich wohne leitet jährlich 16000 kg Stickstoff in einen kleinen Bach ein, der auch noch recht langsam fließt. Das heißt doch, ich müsste noch 2000 kg N mehr einkaufen und die Gesamtmenge dann komplett in das Flüsschen kippen um die gleiche Belastung zu erzeugen, wie die Kleinstadt selbst. Nachzurechnen aus der Menge die durch den Zustandsbericht des Umweltministeriums angegeben wird, geteilt durch die Einwohnerzahl von Rheinland Pfalz, ergibt eine Einleitung von 0,8 kg Stickstoff je Einwohner pro Jahr

von Jörg Meyer

Gemessen oder Berechnet?

die Nitratbelastung und zwar die Gesamtbelastung der Abwasserbeseitigung wurde gemessen , wenn ja wie oder Berechnet im Rahmen von Auftragsarbeiten? Wer weis genaueres?

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