Aus der Praxis

Zurück zum Roggen

Die Rhinland-Agrargesellschaft besann sich nach sechs Jahren Abstinenz zurück auf die Vorzüge des Roggens – und wurde nicht enttäuscht. Die positiven Effekte überraschten.

Wetterextreme brachten den Roggen zurück auf die Flächen der Rhinland-Agrargesellschaft in Kremmen. 2012 hatte der Ackerbaubetrieb im nordwestlichen Brandenburg ihn zugunsten von Weizen und Gerste aus der Fruchtfolge verbannt. Auf den 35er-Böden fuhr der Betrieb fortan auf ca. 1000 ha Fläche die klassische Fruchtfolge Raps-Weizen-Gerste. „Wetter und Preise haben zu der Zeit einfach gepasst, um statt Roggen Weizen und Gerste anzubauen“, erläutert der ackerbauliche Leiter Paul von Schultzendorff die damalige Strategie. „Selbst auf unseren Grenzstandorten konnte der Betrieb so einen höheren Deckungsbeitrag einfahren.“

Trockenheit kostet Erträge

Normalerweise fallen in der Region im Mittel 550 mm Niederschlag pro Jahr. Im Jahr 2017 summierte sich der Regen zwar auf 840 mm, er kam aber viel zu spät. Die Erträge enttäuschten. Als sich das Szenario im Trockenjahr 2018 nahezu wiederholte, entschied man sich, grundlegend etwas zu ändern.

Bereits im Herbst 2018 stand auf einer Fläche von über 90 ha Hybridroggen. Dieser verdrängte in erster Linie A-Weizen. Zuvor hatte der Betrieb die Fruchtfolge schon um Mais und Kartoffeln erweitert. Erste positive Effekte daraus zeigten sich schnell. Von der um Mais und Kartoffeln erweiterten Fruchtfolge und dem damit verbundenen Wechsel aus Blatt- und Halmfrucht profitierten die Rapserträge deutlich. Die enge Fruchtfolge hatte dem Raps offensichtlich zugesetzt.

Roggen überrrascht positiv

Aber auch der Roggen spielte gleich im ersten Jahr seine Vorzüge voll aus. Er wuchs deutlich schneller los als der Weizen. „Dadurch ergaben sich für uns mehrere Vorteile“, berichtet von Schultzendorff. Der Roggen bot einen besseren Erosionsschutz für die leichten Böden und unterdrückte gleichzeitig die Unkräuter effektiver.

„Und wir stellten fest, dass die bessere Bodenbeschattung deutlich positive Effekte auf die Wassereffizienz hatte“, so der Betriebsleiter. Denn als es 2019 wieder zu wenig regnete, zeigte sich, dass der Roggen länger durchhielt als der Weizen. Das spiegelte sich auch in den Erträgen wider.

Während der Weizen zur Ernte 2019 im Schnitt nur 3 bis 4 t/ha drosch, schaffte der Roggen im Mittel 6 t/ha. Damit lag der Ertrag sogar noch über dem dreijährigen Betriebsmittel der Weizenerträge von 5,3 t/ha.

Neben den Erträgen ließ sich zur Ernte 2019 auch ein passabler Brotroggenpreis von um die 150 €/t erzielen. „Von diesen Preisen können wir nicht zwangsläufig ausgehen, aber für mich bringt der Roggen auch viele produktionstechnische Vorteile“, hebt der Ackerbauleiter hervor.

Effiziente Anbaustrategie

Der Betrieb bestellt die Roggenflächen pfluglos, in der Regel nach Kartoffeln oder Mais. Die Düngung erfolgt mit stabilisiertem NTS-Dünger in nur einer Gabe von 100 kg N/ha zu Vegetationsbeginn. NTS, ein Flüssigdüngergemisch aus Ammoniumnitrat-Harnstoff-Lösung und Ammoniumthiosulfat, wird per Pflanzenschutzspritze appliziert. Die 100 kg N/ha mineralisch reichen nach den Erfahrungen des Ackerbauleiters aus, um den Roggen unter den gegebenen Standortbedingungen zu versorgen.

Denn meistens ist es im Frühsommer so trocken, dass der Roggen keinen weiteren Stickstoff mehr aufnimmt. Ist der Boden wider Erwarten doch noch ausreichend feucht, zehrt der Roggen aus der N-Nachlieferung der Wirtschaftsdünger, die zu Raps und Mais ausgebracht wurden. Hier kommen Rindermist und Gärreste zum Einsatz.

Dass der Boden Stickstoff nachliefert, hat das Jahr 2019 eindrucksvoll gezeigt. „Nach einem Regenschauer ist der Roggen dermaßen geschossen, dass wir ihn nur mit Mühe halten konnten“, so von Schultzendorff. „Berater empfahlen uns, ihn als GPS herunterzunehmen, aber wir haben ihn bis zum Drusch gebracht.“

Dies ist auch eine der wichtigsten Lehren für den 35-Jährigen: Die Wachstumsreglermaßnahmen müssen sitzen. Er kürzt den Roggen zweimal mit voller Aufwandmenge ein. Bei der zweiten Durchfahrt nimmt er noch ein Fungizid gegen Braunrost mit rein. Später erfolgt, wenn nötig, eine Insektizidbehandlung.

Zusammen mit der Herbizidmaßnahme im Herbst, belaufen sich die Pflanzenschutzmittelkosten auf etwa 100 €/ha und liegen damit um 30 €/ha niedriger als im Weizen.

Roggen

Der Mineralisationsschub kam der Einkürzungsmaßnahme zuvor. Nur mit Mühe konnte der Betrieb den Roggen zur Druschreife bringen. (Bildquelle: von Schultzendorff)

Anbau ausgedehnt

Aufgrund der guten Erfahrungen hat der Betrieb die Roggenanbaufläche mit aktuell 160 ha zur Ernte 2020 fast verdoppelt. Auf lange Sicht sieht der Ackerbauleiter ihn im Betrieb mit durchschnittlich über 100 ha.

„Wir müssen weg von einer kurzfristigen monetären Betrachtung“, ist seine Devise. „Die Herausforderungen werden von allen Seiten größer.“ Dabei ist die Reglementierung der Düngung für ihn ein eher geringes Problem. Die zunehmende Trockenheit und der Wegfall vieler Pflanzenschutzwirkstoffe bereiten ihm weit mehr Sorgen.

Und genau diese Aspekte machen den Roggen für ihn so attraktiv: Roggen kommt besser mit Extremwetter klar, belastet die Fruchtfolge kaum mit Krankheiten, unterdrückt effektiv die Unkräuter und ist arbeitswirtschaftlich sowie kostentechnisch vergleichsweise extensiv zu führen.

Der Betrieb hat sich zum Ziel gesetzt, sich mit den Kulturen und der Fruchtfolge so aufzustellen, dass er, trotz schwieriger Bedingungen, langfristig kostendeckend arbeiten kann. „Und da passt der Roggen gut hinein“, ist sich von Schultzendorff sicher.


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