Kühe sind keine Klimakiller!

Kühe stehen bei den Klimagas-Emissionen oft als Sündenböcke da. Doch aktuelle Daten zeigen: Ihr Anteil ist relativ gering. Es berichtet Steffen Pingen vom Deutschen Bauernverband.

Jetzt zur Grillsaison wird der Fleischverzehr wieder als Klimasünde gebrandmarkt. Dabei wird die Landwirtschaft – insbesondere die Rinderhaltung – erheblich für den Ausstoß von Methan (CH4) und die Düngung für die Lachgasemissionen (N2O) verantwortlich gemacht. Methan und Lachgas zählen neben Kohlendioxid (CO2) zu den klimarelevanten Gasen.

Zahlen richtig einstufen

Der skandalträchtige Vorwurf lautet: Die Rinderhaltung verursacht allein 50 % der deutschen Methanemission. Und Methan ist 23-mal klimaschädlicher als CO2.

Beides stimmt zwar, aber die gesamten Methanemissionen machen in Deutschland insgesamt nur einen Anteil von 4,5 % der gesamten Treibhausgas-Emissionen aus (Übersicht 1).

Somit trägt das Methan aus der Tierhaltung – ein natürlicher Prozess bei der Verdauung der Wiederkäuer – gerade einmal zu 2 % des gesamten Treibhausgas-Effekts bei. Dabei ist bereits berücksichtigt, dass Methan klimaschädlicher als CO2 ist. Denn alle Angaben sind in CO2-Äquivalente umgerechnet.

Fast 88 % der gesamten Emissionen von Treibhausgasen entfallen auf CO2. Diese Emissionen stammen zu über 80 % aus dem Energiebereich (Übersicht 2). Rinder und Kühe sind somit als natürliche Methan-Produzenten keine Klimakiller!

Dies belegt auch eine im April 2010 veröffentlichte Studie der Welternährungsorganisation FAO. Demnach belaufen sich die Treibhausgas-Emissionen in der gesamten Milchkette, von der Produktion über die Verarbeitung bis zum Transport, weltweit lediglich auf 4 % der Treibhausgas-Emissionen. Dabei ist die angeschlossene Rindfleischproduktion bereits eingerechnet.

Damit relativiert die FAO ihre bisherigen Daten. Denn im Jahr 2006 machte sie die Tierproduktion noch für 18 % der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich.

Bei der Effizienz liegt Europa der Studie zufolge weit vorne: Pro Liter Milch entstehen hier 1,3 kg CO2-Äquivalent. Weltweit gesehen sind es dagegen immerhin 2,4 kg, in einigen Regionen, wie zum Beispiel Süd-Afrika, sogar bis zu 7,5 kg.

Zudem wird die Rinderhaltung benötigt, um die 5 Mio. ha Grünland in Deutschland zu nutzen. Denn erst durch die Haltung von Wiederkäuern wird das Grünland für den Menschen verwertbar.

Aber nicht nur der Anteil der Rinderhaltung, auch der gesamte Anteil der Landwirtschaft zum Ausstoß von Treib-hausgasen wird kontrovers diskutiert.

Je nachdem, was alles der Landwirtschaft an Treibhausgasen zugeschrieben wird, schwanken die Angaben deutlich. Hohe Anteile entstehen, wenn der Landwirtschaft unter anderem auch die in der Industrie entstehenden Emissionen aus der Herstellung von Mineraldüngern angelastet werden.

Dies widerspricht aber den internationalen Klima-Bilanzierungsregeln. Würde man die gleichen Maßstäbe auf den Verkehrssektor anwenden, müsste dem Straßenverkehr auch die Herstellung der Autos angelastet werden und nicht nur die Emissionen aus Treibstoffen. Deshalb ist die Aussage „Eine Kuh stößt so viele Treibhausgase aus wie ein Kleinwagen“ ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen.

Landwirtschaft ist kein Klimasünder

Nach der offiziellen internationalen Berichterstattung für das Kyotoprotokoll werden der Landwirtschaft 66 Mio. t CO2-Äquivalente aus Emissionen von Lachgas aus der Düngung und von Methan aus der Tierhaltung zugeschrieben. Das sind 6,9 % der gesamten Treibhausgas-Emissionen in Deutschland.

Zusammen mit den Emissionen von landwirtschaftlich genutzten Mooren würde der Anteil bei 11 % liegen. Allerdings müssen diese Emissionen gesondert betrachtet werden. Denn die Urbarmachung von Mooren ist eine kulturhistorische Leistung. Zudem besteht hier noch erheblicher Forschungsbedarf.

Die Land- und Forstwirtschaft ist der einzige Wirtschaftssektor, der während der Produktion sowohl in den Kulturpflanzen auf dem Acker als auch auf dem Grünland über die Fotosynthese CO2 bindet – und gleichzeitig Sonnenenergie erntet.

Nach einer Schätzung des Johann Heinrich von Thünen-Instituts werden auf den 17 Mio. ha landwirtschaftlicher Fläche jährlich ca. 466 Mio. t CO2 gebunden und im Kreislauf gehalten. Rund die Hälfte des auf landwirtschaftlichen Flächen gebundenen Kohlenstoffs wird über die Ernte abgefahren, der übrige Teil verbleibt auf der Fläche und wird in weiten Teilen beim Abbau der organischen Substanz im Boden wieder als CO2 frei oder kann den Humusgehalt steigern.

Der Verzehr von Nahrungs- und Futtermitteln ist insofern bezogen auf CO2 in weiten Teilen klimaneutral bzw. ein „durchlaufender Posten“. Denn das CO2 wurde zuvor bei der landwirtschaftlichen Produktion aus der Luft gebunden. Allerdings sind Emissionen auch in der Landwirtschaft nicht grundsätzlich zu vermeiden.

Landwirtschaft senkt Emissionen

Die Landwirtschaft ist aufgrund der besonderen Aufgabe der Ernährungssicherung in den internationalen und europäischen Klimaschutzabkommen keinen konkreten Reduktionsverpflichtungen unterzogen. Trotzdem wurde bei der Klimakonferenz in Kopenhagen zu Recht eine weltweite Forschungsallianz gegründet. Die Landwirtschaft muss ihren Herausforderungen gerecht werden und kann einen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Die Herausforderung wird vom Bundeslandwirtschaftsministerium so umschrieben: Nicht weniger, sondern klimaeffizientere Agrarproduktion ist der Schlüssel der Zukunft. So hat die Landwirtschaft zwischen 1990 und 2008 in Deutschland bereits ihre direkten Emissionen von Lachgas und Methan um etwa 18 % gesenkt. Die Reduzierungen konnten durch Effizienzsteigerungen bei der Düngung sowie eine Optimierung der Tierfütterung erreicht werden. Zudem hat der Abbau der Rinderbestände seit der Wiedervereinigung bei gleichzeitig deutlich gestiegener Einzeltierleistung bei Milch und Fleisch die Methan-Emissionen gesenkt.

Hohe Milchleistung steigert Effizienz

Dazu ein Beispiel: Zwar steigt bei höherer Milchleistung die Methan-Emission pro Kuh, gleichzeitig geht aber die Emission pro kg Milch zurück. So scheidet eine Kuh bei einem Tagesmelk von 10 l Milch noch 40 g Methan/l aus, bei einem Tagesgemelk von 30 l hingegen nur noch 15 g Methan/l. Denn ca. 70 % der Methan-Freisetzung stammen aus dem Erhaltungsbedarf.

Nach einer aktuellen Schätzung des Umweltbundesamtes für das Jahr 2009 wurden die Emissionen von Lachgas und Methan im Vergleich zu 2008 um weitere 15 % gesenkt. Somit beträgt der Rückgang dieser landwirtschaftlichen Emissionen seit 1990 insgesamt sogar über 28 %.

Nicht umsetzbar sind hingegen die Vorstellungen des Umweltbundesamtes, die Tierhaltung in den Emissionshandel einzubeziehen. Die Emissionen sind in der Landwirtschaft wesentlich komplexer und nicht so klar abgrenzbar wie in der energieintensiven Industrie. Zudem entstehen die Emissionen in der Landwirtschaft im Wesentlichen bei natürlichen Prozessen im offenen System. Letztlich würde deshalb ein Übermaß an Bürokratie drohen.

Nicht vergessen werden sollte die Leistung der Landwirtschaft als Problemlöser beim Klimaschutz. Die Vermeidung von CO2 aus fossilen Ressourcen (Kohle, Öl und Gas) durch nachwachsende Rohstoffe und erneuerbare Energien wird nach den internationalen Bilanzierungsregeln den Sektoren Verkehr, Energie und Wärme positiv angerechnet. Das Bundesumweltministerium geht davon aus, dass hiermit in Deutschland jährlich etwa 45 Mio. t CO2 vermieden werden. Das entspricht etwa zwei Dritteln der Emissionen der Landwirtschaft im Bereich Lachgas und Methan. Dies muss für eine ausgewogene Klimabilanz der Landwirtschaft berücksichtigt werden.

Ausblick

Die Landwirtschaft kann ihre Emissionen weiter kontinuierlich absenken – und wird dies auch leisten. Allein die Effizienzsteigerung in der Produktion bietet noch Reserven. Denn durch die Reduzierung der Emissionen pro produzierter Einheit und Hektar können weitere Verbesserungen sowohl im Gewässerschutz als auch im Klimaschutz erreicht wer-den. Strategien wie die Einschränkung oder der Verzicht auf Fleischkonsum oder die Extensivierung helfen keinen Schritt weiter.

Damit der Verbraucher an der Ladentheke einen Klimabeitrag leisten kann, wird zum Teil die Etikettierung aller Lebensmittel mit ihrem individuellen CO2-Fußabruck gefordert. Das würde jedoch Verwirrung stiften. Ein Klima-Labeling speziell für Lebensmittel wird auch an der Umsetzbarkeit scheitern, da der Aufwand unverhältnismäßig hoch wäre, tausende Lebensmittel regelmäßig und gerichtsfest mit ihrem jeweiligen und aktuellen CO2-Wert zu kennzeichnen.

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