Kommentar

Cyberkriminalität: Attacke aus dem Nirgendwo

Ob Traktor oder Melkroboter, Buchführung oder Lieferketten: Landwirtschaft und Ernährung sind längst hochdigitalisiert. Wie anfällig ist die vielbeschworene „Landwirtschaft 4.0“ für digitale Attacken?

Ein Kommentar von Gisbert Strotdrees, Redakteur beim Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben:

Erinnern Sie sich noch? Anfang Mai erbeuteten russische Truppen in der Ukraine bei einem Landmaschinenhändler 27 topmoderne Traktoren und Mähdrescher des Herstellers John Deere. Doch mit ihrer Beute konnten sie wenig anfangen, denn die Maschinen konnten per digitaler Fernwartung geortet und blockiert werden. Sie ließen sich keinen Meter mehr fahren. Für die Diebe hatten sie deutlich an Wert verloren.

Dieses Bubenstück sorgte für Schlagzeilen und klammheimliche Freude, nicht nur in der Ukraine. Aber kaum jemand stellte die Frage: Können auch hierzulande Hightech-Traktoren aus der Ferne stillgelegt werden – und könnte das einer anonymen Hackergruppe gelingen, um beispielsweise Geld zu erpressen? Und was, wenn es nicht bei einem oder einer Handvoll Traktoren bliebe?

Das ist nicht einfach nur ein Gedankenexperiment, wie diese aktuellen Fälle zeigen:

  • Im Frühjahr legte ein Hackerangriff den internationalen Landmaschinenkonzern AGCO weltweit (!) lahm, mit ihm unter anderem auch die Fendt-Werke in Marktoberdorf.
  • Der Essenslieferant Apetito in Rheine ächzt seit Ende Juni unter den Folgen einer Attacke auf sein digitales Rückgrat.
  • Schauplatz des ersten Cyber-Katastrophenfalls in Deutschland wurde im Sommer 2021 der Landkreis Anhalt-Bitterfeld: Hacker bemächtigten sich dort der gesamten digitalen Verwaltung.

Landwirtschaft 4.0 bedroht?

Landwirtschaft und Ernährung sind hierzulande längst hochdigitalisiert – und sie sind system­relevant. Das haben mittlerweile die meisten im Land verstanden. Aber wie sicher sind die Waren-, Liefer- und Kommunikationsketten? Wie anfällig ist die viel beschworene „Landwirtschaft 4.0“ für digitale Attacken aus dem Nirgendwo?

Diesen Fragen widmen wir uns in der aktuellen Ausgabe des Wochenblattes. Wir haben uns lange überlegt, ob und in welcher Form wir über das brisante Thema berichten. Denn vor allem ein Argument steht im Raum: „Ihr weckt damit schlafende Hunde!“

Auszuschließen ist das tatsächlich nicht. Andererseits berichtet das Wochenblatt regelmäßig, wie man sich vor Einbruch, Diebstahl, Betrug und anderen Formen der Kriminalität schützen kann. Warum sollten wir da ausgerechnet die ­Cyberkriminalität auslassen?

Vor allem aber: Die „schlafenden Hunde“ schlafen schon lange nicht mehr. Sie sind hellwach, gehen global gut organisiert und gezielt vor. Dagegen hilft nur, sich der Risiken bewusst zu sein, wachsam zu bleiben und sich bestmöglich zu schützen. Unbedarft wegschauen und nicht weiter fragen – das ist ganz sicher keine gute Idee.

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