Mehr Wind und Sonne: Droht der Blackout?

Immer mehr Ökostrom drängt ins Netz. Wenn er auf geringe Nachfrage trifft, werden viele Anlagen abgeschaltet. Außerdem droht der Netzkollaps – meinen Kritiker. Doch stimmt das wirklich?

In den ersten vier Monaten des Jahres 2020 bescherten viel Sonne und ein stetiger Wind den erneuerbaren Energien im wahrsten Sinne viel Aufwind. Laut E.ON-Konzern stellten allein am 22. April Wind- und Solaranlagen zeitweise 60 Gigawatt Leistung bereit und versorgten Deutschland erstmals für Stunden komplett mit Ökostrom.

Mit 52 % deckten die Erneuerbaren im ersten Quartal 2020 acht Prozentpunkte mehr als im Vorjahreszeitraum, zeigen Berechnungen des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung (ZSW) aus Stuttgart. Auch der gesunkene Stromverbrauch aufgrund der Coronakrise hat dazu beigetragen.

Die Rekordernte löst nicht nur Freude aus. Um Netzprobleme zu vermeiden, müssen in Starkwindzeiten viele Windparks oder Biogasanlagen abgeschaltet werden – in Norddeutschland genauso wie weiter südlich in Hessen, wie Betreiber berichten. In der Zeit produzieren die Anlagen keinen Strom und bekommen daher auch keine Vergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Zwar gibt es für den entgangenen Erlös eine Entschädigung. Die Beantragung ist aber sehr bürokratisch und aufwendig. Daher stellen sich viele Betreiber die Frage: Wird der Zustand zunehmen? Und kann das Stromnetz zusammenbrechen?

Hohe Schwankungen

In der Tat führt das Wetter zu stark schwankender Stromerzeugung: Innerhalb weniger Stunden können 30 Gigawatt Leistung wegfallen oder dazu kommen. Derartige Schwankungen sind völlig anders, als es die Energiewirtschaft mit den trägen Grundlastkraftwerken auf Basis von Kohle oder Uran bislang gewohnt war.

Das ruft immer häufiger Energiewende- und EEG-Kritiker auf den Plan, die den Ausstieg aus der Kohle- oder Atomstromproduktion für einen teuren und – aus Skepsis am menschengemachten Klimawandel – für einen unnötigen Irrweg halten. Dazu gehören u.a. der Verein „Vernunftkraft“ (eine Dachorganisation von hunderten Bürgerinitiativen gegen die Windenergie), die Plattform „Windwahn“, das „Europäische Institut für Klima & Energie“ (EIKE) oder der „Stromverbraucherschutzverein“ NAEB.

Die Kritiker vermitteln den Eindruck, die deutsche Energiepolitik würde sehenden Auges in eine Katastrophe rennen. „Die Angstmach-Kampagnen der Energiewende-Gegner haben wieder Hochkonjunktur“, analysiert Energieexpertin Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in der Zeitschrift „Capital“. Daher lohnt es sich, die Argumente genauer unter die Lupe zu nehmen. Hierzu haben wir nicht nur mit Experten aus der Wissenschaft gesprochen, sondern auch über 20 Studien und Positionspapiere analysiert, die allein in den letzten zwölf Monaten erschienen sind.

Kein Export von Windstrom

Kritikpunkt 1: Die schwankende Einspeisung von Wind- und Solarkraftwerken (von den Gegnern „Zappelstrom“ genannt) führt dazu, dass konventionelle Kraftwerke als Reserve am Netz bleiben müssen. Der Kohle- oder Atomausstieg habe damit fatale Folgen für die Versorgungssicherheit. Auch sei der Klimaschutzeffekt der erneuerbaren Stromerzeuger „gleich null“. Der Beitrag von Wind- und Solarstrom zur Stromversorgung sei zu vernachlässigen und die Angabe eines Anteils von 40 oder 50 % eine Verbrauchertäuschung.

Dagegen zeigen das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) und die Denkfabrik Agora Energiewende unabhängig voneinander, dass Deutschland zwar in Starkwindzeiten viel Strom exportieren muss, dieser aber aus unflexiblen Kohlekraftwerken stammt. Bis zum vergangenen Jahr war es wirtschaftlich, Kohlekraftwerke weiterzubetreiben und Strom notfalls zu geringen Kosten zu exportieren. Im Jahr 2019 stiegen aber u.a. die Kosten für Zertifikate des Europäischen Emissionshandels. Das verteuerte die fossile Stromerzeugung in Deutschland. Daher ging der Export von Kohlestrom von 35 Terawattstunden (TWh) im Jahr 2018 auf 12 TWh zurück.

Negative preise kein Nachteil

Kritikpunkt 2: Bei viel Wind und Sonne...


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