top agrar plus Wie realistisch sind Klimaschutzpläne?

"Die Energiewende wird vor Ort entschieden"

Drei Energiepioniere erklären, wie realistisch die Klimaschutzpläne der neuen Bundesregierung sind und welche Rolle die Landwirtschaft bei der Umsetzung spielt.

Ein Gefühl, als wenn jemand eine Schleuse öffnet: So beschreibt Christian Andresen sein erstes Empfinden, als er von den Plänen der neuen Regierung zum Ausbau der erneuerbaren Energien erfährt. „Fast ein Jahrzehnt standen die Vorgängerre­gierungen auf der Bremse. Das ist jetzt wie eine Befreiung“, sagt der 42-jährige Mit­geschäftsführer von Solar-Energie Andresen aus Sprakebüll in Nordfriesland (Schleswig-Holstein).

Drei Pioniere im Gespräch

In einer top agrar-Diskussion hat Andresen mit anderen Pionieren über die Energiewende und ihre Herausforderungen gesprochen. Wir haben bewusst drei Pioniere aus Schleswig-Holstein gewählt: Das Land hat deutschlandweit den höchsten Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch und ist auch in anderer Hinsicht ein Pionierland der Energiewende. Wie unsere drei Gesprächspartner sind viele Energie-Vorkämpfer dort Landwirte:

Christian Andresens Vater Hans-Christian hat einen Ackerbau- und Milchviehbetrieb. Er initiierte im Jahr 1998 einen Bürgerwindpark mit fünf Windrädern, der inzwischen durch fünf neue Anlagen mit je 3 MW Lei­stung ersetzt wurde. Auf dem Hof der Andresens steht zudem eine Bio­gasanlage mit 1,7 MW, an die drei Wärmenetze angeschlossen sind. Die 2004 von Andresen gegründete Firma Solar-­Energie Andresen mit über 40 Mit­arbeitern installierte bis heute Solar­anlagen auf Dächern und im Freiland mit 125 MW Leistung. Die Firma hilft auch Landwirten bei der Umstellung auf elektrische ­Maschinen. Nachfolger Christian ist in mehreren Verbänden vertreten, u. a. im Vorstand des Bundesverbandes Windenergie.

Hans-Ulrich Martensen (67) hat schon im Jahr 1990 einen ersten Bürgerwindpark mitgeplant und betreibt seit der Zeit eine Vestas-Windenergieanlage mit 200 kW auf dem Betrieb in Sönnebüll. Im Jahr 2004 ist eine Biogasanlage mit heute 1,4 MW Leistung dazugekommen. Martensen war lange Regionalgruppensprecher beim Fachverband Biogas und ist heute im Vorstand des Landesverbandes Erneuerbare Energien. Sein Sohn hat den Sauen- und Mastbetrieb übernommen.

Dirk Ketelsen (69) hatte im Sönke-Nissen-Koog einen Bio-Ackerbaubetrieb, der inzwischen verpachtet ist. Auch er plante Anfang der 1990er die ersten Bürgerwindparks. Später gründete er das Unternehmen „Dirkshof“, das heute mit 38 Mitarbeitern Windparks plant und betreibt sowie Dienstleistungen rund um die Technik anbietet. Ketelsen ist Aufsichtsratsvorsitzender der ane.energy, einer Vermark-tungsplattform für Energie.

Rahmen muss verlässlich sein

Für alle drei Gesprächsteilnehmer waren das Stromeinspeisungsgesetz 1991 und das neun Jahre später folgende Erneuerbare-­Energien-­Gesetz (EEG) der Schlüssel dafür, dass sich der Anteil von Wind-, Solar- und Biogasstrom am Bruttostromverbrauch von 4,5 % im Jahr 2000 auf fast 45 % im Jahr 2021 erhöhen konnte. Die feste und verlässliche Einspeisevergütung für 20 Jahre war für die Finanzierung extrem wichtig, da Betreiber und Banken in den ersten Jahren bei der noch jungen Technik ins Risiko gehen mussten.

Gegen die Vorbehalte der großen Energiekonzerne half der Einspeisevorrang für die erneuerbaren Energien. „Sie hätten uns am langen Arm verhungern lassen“, sagt Ketelsen. Für Andresen war das langsame Wachstum der ersten Jahre richtig: „Nach dem Scheitern der Versuchswindkraftanlage ‚Growian‘ 1987 war das Thema erneuerbare Energien für die Konzerne erstmal vom Tisch. Darum konnte sich die Branche in Ruhe entwickeln, bevor uns die Energiewirtschaft wahrnahm.“

Strom wird veredelt

Doch das änderte sich mit dem zunehmenden Erfolg schnell. „Heute vergeht kein Monat, wo nicht ein großes Un­ternehmen anfragt, ob es nicht Projekte von uns kaufen oder sonst kooperieren kann. Aber wir wollen eigenständig bleiben“, sagt Ketelsen. Die „Gallier“, wie er die Gemeinde Reußenköge mit 300 MW installierter Windenergieleistung scherzhaft bezeichnet, denken selbst darüber nach, wie sie den Strom weiter veredeln können. So haben die Windparkbetreiber Anfang des Jahres die „Reußenköge Netz und Infrastrukturgesellschaft“ gegründet, um das Stromnetz auf 20 kV-Ebene in der Region selbst zu betreiben.

Beteiligung schafft Akzeptanz

Ohnehin sehen alle drei den Einstieg...

top agrar plus

Mit top+ weiterlesen

top agrar
Digital

Jahresabo

117,60 EUR / Jahr

Spare 6% zum Monatsabo

  • Tagesaktuelle Nachrichten, Preis- und Marktdaten
  • Exklusive Beiträge, Videos und Hintergrundinfos
  • Artikel kommentieren und mitdiskutieren
  • Preisvorteile auf Webinare und Produkte
Jetzt abonnieren
top agrar
Digital

Monatsabo

9,80 EUR / Monat

1. Monat kostenlos

  • Tagesaktuelle Nachrichten, Preis- und Marktdaten
  • Exklusive Beiträge, Videos und Hintergrundinfos
  • Artikel kommentieren und mitdiskutieren
  • Preisvorteile auf Webinare und Produkte
Jetzt abonnieren
top agrar
Digital + Print

Jahresabo

124,20 EUR / Jahr

Sehr beliebt

  • Alle Vorteile des Digitalabos
  • 12x pro Jahr ein Heft
  • Zusätzliche Spezialteile Rind und Schwein wählbar
  • Kostenlose Sonderhefte
Jetzt abonnieren
Bereits Abonnent?

Mehr zu dem Thema

Die Redaktion empfiehlt

Das Wichtigste zum Thema Energie donnerstags, alle 4 Wochen per Mail!

Mit Eintragung zum Newsletter stimme ich der Nutzung meiner E-Mail-Adresse im Rahmen des gewählten Newsletters und zugehörigen Angeboten gemäß den Datenschutzbestimmungen zu.