Tank, Trog oder Teller

Gaskrise: Akzeptanz für Erneuerbare Energie steigt

Die Regierung will die Erneuerbare Energien deutlich ausbauen. Was das für den Flächenverbrauch bedeutet, haben wir Dr. Claudius da Costa Gomez vom Bundesverband Erneuerbare Energien gefragt.

Weniger Tiere, weniger Flächenverbrauch = weniger Hunger: Stimmt die Gleichung? Am 22. September diskutiert top agrar im Rahmen von „Landwirtschaft im Dialog“ in Berlin über „Tank, Trog oder Teller“. Die Veranstaltung findet im Umweltforum in Berlin statt und ist kostenlos. Die Anmeldung und weitere Infos finden Sie auf www.seminare.lv.de. Die Diskussion wird zudem ab 19:00 Uhr live über den top agrar-YouTube-­Kanal www.youtube.com/topagrar übertragen. Wir sprachen vorab mit dem Podiumsteilnehmer Dr. Claudius da Costa Gomez. Er ist Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energien und Geschäftsführer des Fachverband Biogas.

Herr da Costa Gomez, wie viel Fläche wird derzeit für die Energieproduktion benötigt?

da Costa Gomez: Exakte Zahlen gibt es leider nicht. Dafür ist der Sektor zu vielfältig. Aus den Erneuerbaren Energien stellen wir schließlich nicht nur Strom, sondern auch Wärme und Kraftstoffe bereit. Was man hingegen sehr genau beziffern kann, ist Flächenbedarf für den Anbau von Biomasse, der mit rund 2,3 Mio. ha zu Buche schlägt. Davon benötigt die Biogasbranche 1,5 Mio. ha und die Biokraftstoffindustrie rund 750.000 ha.

Die Regierung will vor allem den Ausbau der Windkraft und den der Freiflächensolaranlagen beschleunigen. Was bedeutet das für den Flächenverbrauch?

da Costa Gomez: Der Flächenverbrauch der Windkraft hält sich in Grenzen. Freiflächensolaranlagen dürfen bislang nur in einem 200 m langem Korridor entlang von Bahngleisen oder Autobahnen aufgebaut werden. Die Regierung hat den Radius nun auf 500 m ausgeweitet. Das kostet natürlich Fläche, die allerdings nicht für immer verloren ist. In 20 bis 30 Jahren werden wir einen Teil der Kraftwerke wieder abbauen können. Denn bis dahin haben wir sicherlich deutlich mehr Dächer und Gebäudeflächen für die Photovoltaik genutzt und die Erneuerbaren Energien Anlagen dürften noch mal deutlich effizienter Strom produzieren als heute. Wir werden also mit weniger Fläche pro erzeugter Kilowattstunde auskommen als bislang.

Hinzu kommt, dass die Regierung Agri-Photovoltaik jetzt stärker fördert. Diese Anlagen sind so hoch aufgeständert, dass darunter Pflanzen angebaut werden können. Dadurch geht weniger Fläche verloren. Allerdings ist dieses Modell auch kein Allheilsbringer, wie oft behauptet wird. Unter den Modulen lassen sich nicht alle Kulturen anbauen und die Erträge fallen etwas niedriger aus als im herkömmlichen Ackerbau. Insgesamt werden wir sehen, dass alle erneuerbaren Energien wachsen werden das umfasst eben, anders als heute suggeriert, alle Optionen: Windkraft, Photovoltaik, Wasserkraft, Geothermie, Umweltwärme, Solarthermie und natürlich auch die Bioenergie.

Claudius da Costa Gomez

Claudius da Costa Gomez ist Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energien und Geschäftsführer des Fachverband Biogas. (Bildquelle: Privat)

Bereits in der Vergangenheit gab es hitzige Diskussionen um Freiflächenanlagen. Vor allem in der Landwirtschaft waren diese unbeliebt und als Flächenkiller verschrien. Wie nehmen Sie die aktuelle Diskussion wahr?

da Costa Gomez: Die Diskussion entspannt sich nach meiner Wahrnehmung. Nicht nur, weil Landwirte als Verpächter der Standorte oder als Betreiber der Anlagen von dem Ausbau profitieren. Sondern auch, weil durch den Strukturwandel Flächen frei werden und viele Landwirte nach lukrativen Standbeinen für ihre Betriebe suchen. Wichtig ist, dass wir hier die weniger produktiven Flächen nutzen und nicht die Topstandorte.

Wichtig ist, dass wir hier die weniger produktiven Flächen nutzen und nicht die Topstandorte"

Und in diesem Zusammenhang sei auch noch mal daran erinnert, dass wir noch enorme Potentiale bei den Aufdachanlagen oder auf bereits versiegelten Flächen, wie z.B. Parkplätzen, haben. Hier ist die Politik gefordert, den Zubau so zu steuern, dass möglichst wenige Acker- und Grünlandstandorte aus der Produktion fallen.

Der Flächenverbrauch ist das eine. Das andere ist die Sichtbarkeit der Anlagen. Ist den Verbrauchern bewusst, was auf diese zukommt?

da Costa Gomez: Nein, hier flammt sicherlich wieder die alte Diskussion auf: Erneuerbare ja, aber bitte nicht vor meiner Haustür. Allerdings wird die Akzeptanz größer. Das liegt vor allem an der Gaskrise, die den Verbrauchern vor Augen führt, wie abhängig wir von anderen Ländern sind bzw. wie wichtig es ist, unabhängiger von diesen zu werden. Bundesfinanzminister Christian Lindner hat zurecht die Erneuerbaren in diesem Zusammenhang als „Freiheitsenergien“ bezeichnet.

Ich sehe allerdings die Gefahr, dass von der Energiewende nicht die Bürger bzw. Landwirte vor Ort profitieren, sondern in erster Linie Großinvestoren. Wenn ein ortsfremder Investor mit lukrativen Angeboten sich Flächen sichert, freut sich der Landwirt, der die Flächen verpachtet. Alle anderen ärgern sich aber und damit sind Konflikte vorprogrammiert. Leider hat die Politik das Problem bisher nicht erfolgreich adressiert. Stattdessen werden aktuell wieder die großen und schnellen Lösungen gesucht. Das ist aber kein tragfähiges Konzept für die Zukunft. Hier muss die Ampelkoalition dringend handeln.

Wäre es nicht besser, die Regierung würde die Genehmigung der Anlagen nur erteilen, wenn die Investoren auch die Bürger vor Ort beteiligen?

da Costa Gomez: Von der Sache her würde ich mir eine solche Lösung wünschen. Juristisch ist das aber schwierig umzusetzen, das habe wir in der Vergangenheit gesehen. Allerdings wissen wir aus Erfahrung: Wenn die Nachbarn an den Anlagen beteiligt sind, steigt die Akzeptanz drastisch. Ich glaube, dass durch Rahmenbedingungen, die die Bürgerinnen und Bürger vor Ort mehr beteiligen, die Energiewende spürbar an Fahrt aufnehmen würde.

Lesen Sie im Teil zwei des Interviews: Warum die Kritik an der Biokraftstoffproduktion aus Sicht von Dr. da Costa Gomez nicht gerechtfertigt ist, welche Rolle Biogas in Zukunft spielen könnte und wo die Politik nun gefordert ist. Dieses veröffentlichen wir am Samstag.


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