Interview

Ist die Kritik an der Biogas- und Biokraftstoffproduktion berechtigt?

Biogas & Biokraftstoffe sind nicht nachhaltig und verbrauchen zu viele Flächen, sagen Kritiker. Wir haben da Costa Gomez vom Bundesverband Erneuerbare Energien gefragt, ob die Vorwürfe berechtigt sind

Weniger Tiere, weniger Flächenverbrauch = weniger Hunger: Stimmt die Gleichung? Am 22. September diskutiert top agrar im Rahmen von „Landwirtschaft im Dialog“ in Berlin über „Tank, Trog oder Teller“. Die Veranstaltung findet im Umweltforum in Berlin statt und ist kostenlos. Die Anmeldung und weitere Infos finden Sie auf www.seminare.lv.de. Die Diskussion wird zudem ab 19:00 Uhr live über den top agrar-YouTube-­Kanal www.youtube.com/topagrar übertragen.Wir sprachen vorab mit dem Podiumsteilnehmer Dr. Claudius da Costa Gomez. Er ist Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energien und Geschäftsführer des Fachverband Biogas.

Teil 1 des Interviews lesen Sie hier.

In der Kritik steht vor allem die Biokraftstoffproduktion. Diese sei nicht nachhaltig. Teilen Sie diese Kritik?

da Costa Gomez: Nein, ohne Biodiesel, -ethanol und -methan gäbe es heute deutlich höhere Treibhausgasimmissionen im Verkehrssektor. Sicherlich wird die Elektromobilität künftig die entscheidende Rolle auf den Straßen spielen. Allerdings werden wir nicht auf Flüssigkraftstoffe komplett verzichten können. Vor allem im Schwerlastbereich, aber auch im Offroad Bereich also z.B. Baumaschinen und in der Landwirtschaft werden wir auch zukünftig flüssige Energieträger brauchen – und da sind die Biokraftstoffe eine sehr gute Option. Zudem zeigt die aktuelle Krise, welche Gefahr besteht, wenn wir unsere Energie von Schurkenstaaten beziehen und unsere Energieversorgung nicht diversifizieren. Mit Biosprit werden wir unabhängiger.

Es spricht auch noch ein anderes Argument für die Biokraftstoffe. Strom haben wir derzeit nur begrenzt zur Verfügung. Das wird sich zwar irgendwann ändern und dann können wir aus all dem übrigen Strom e-Fuels herstellen. Bis dahin werden wir die Biokraftstoffe noch brauchen.

Wie wichtig ist die Biokraftstoffproduktion für die heimische Eiweißversorgung?

da Costa Gomez: Bei der Produktion von Biokraftstoffen aus Ölsaaten oder Getreide fallen Koppelprodukte für die Lebens- und Futtermittelindustrie an: pro Liter Bioethanol 1,8 Kilogramm Trockenschlempe und pro Liter Biodiesel 1,5 Kilogramm Rapsschrot. Damit reduzieren wir unsere Abhängigkeit von Importen. Vielen Bürgern ist das nicht bewusst. Hier sind wir als Branche gefordert, die Zusammenhänge noch besser zu erklären.

Welche Rolle spielt Biogas künftig für die Stromproduktion?

da Costa Gomez: Die Maisanlage, die rund um die Uhr Strom erzeugt und nur einen Teil der Wärme nutzt, ist sicher nicht das Zukunftsmodell. Der Focus des Erneuerbare-Energien-Gesetzes liegt vor allem auf hochflexible Biogasanlagen, die gezielt Energie erzeugen, um die schwankende Stromproduktion von Wind- und Solaranlagen auszugleichen. Außerdem gibt es noch Potential für güllebetriebene Fermenter.

Chancen sehe ich vor allem im Weiterbetrieb der Altanlagen. Dazu müssen die Betreiber ihre Kraftwerke allerdings erneuern, was kostenintensiv ist. Leider treten die Banken noch allzu oft auf die Bremse und bewilligen die dringend benötigten Kredite nicht. Aus Sicht der Finanzierer ist der Weiterbetrieb nicht rentabel, weil die gewohnte Sicherheit aus dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz fehlt. Was die Kreditinstitute dabei übersehen: Die Betreiber dieser Anlage können erstmalig seit 30 Jahren auch ohne EEG-Förderung ihren Strom und ihre Wärme lukrativ vermarkten. Zudem haben die Gärreste als Dünger einen deutlich höheren Marktwert als noch vor ein paar Jahren. Nie war die Biogasproduktion interessanter als heute.

Leider ist das auch in der Politik noch nicht angekommen. So hat es beispielsweise lange gedauert, bis Wirtschaftsminister Robert Habeck das Potential von Biogas erkannt hat. Jetzt will er immerhin angesichts der Gaskrise die Mengenbegrenzung für Biogasanlagen aufheben, damit diese kurzfristig mehr Strom, Wärme und Biomethan erzeugen können. Dieser Schritt war angesichts der Energiekrise längst überfällig und ist auch ein wichtiges Zeichen für die Branche, dass sie gebraucht wird.

Claudius da Costa Gomez

Claudius da Costa Gomez ist Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energien und Geschäftsführer des Fachverband Biogas. (Bildquelle: Privat)

Der Anbau von Substraten für die Biogasproduktion verbraucht viel Fläche. Wie lässt sich der Konflikt lösen?

da Costa Gomez: Wir werden einen Teil der bislang eingesetzten Substrate auch künftig nutzen müssen. Aber die Betreiber nutzen immer häufiger auf alternative Energiepflanzen, Nebenprodukte, Reststoffe oder Zwischenfrüchte. Das trägt deutlich zur Entspannung des Konfliktes bei. Der Fachverband Biogas arbeitet derzeit an einem Strategiepapier, um den jetzt eingeschlagenen Weg noch weiter zu beschleunigen und der Bundesregierung bei der Entwicklung der lange angekündigten Biomassestrategie zu helfen.

Wo muss aus Ihrer Sicht die Politik jetzt nachschärfen?

da Costa Gomez: Wenn die Regierung ihre Ziele erreichen will, dann muss sie das Genehmigungsrecht entschlacken und die Prozesse drastisch beschleunigen. Das Problem sind nicht einmal die Vorgaben im Erneuerbaren-Energien-Gesetz, sondern die zahlreichen Gutachten, die von den Behörden verlangt werden. Die Verantwortlichen in den Ämtern wollen sich am besten mehrfach absichern, bevor sie eine Entscheidung fällen. Dadurch verlieren wir aber wertvolle Zeit. Diese Situation beobachten wir in allen Sparten der Erneuerbaren Energien. Egal ob Wasserkraft, Geothermie, Windkraft, Photovoltaik, Bioenergie oder auch Power to Gas Anlagen, alle haben massive Probleme mit dem Genehmigungsverfahren.

Wenn wir nun in Niedersachsen beobachten, dass alle Expertinnen und Experten der Genehmigungsbehörden für die schnelle Genehmigung der LNG-Terminals zusammengezogen werden und dadurch die Genehmigungen der Erneuerbaren-Energien-Anlagen noch mal verlangsamt werden, fragt man sich, welche Prioritäten die politisch Verantwortlichen setzen.

Sind Sie optimistisch, dass die Regierung ihre Ziele erreicht?

da Costa Gomez: Ich bin Optimist und davon überzeugt, dass wir eine verlässliche erneuerbare Energieversorgung sicherstellen können. Die jetzige Bundesregierung bringt hierfür auch die seit vielen Jahren besten Voraussetzungen.


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