Windenergie

Neue Studie: Zugvögel weichen Windrädern weiträumig aus

Kollisionsschwerpunkte konzentrieren sich besonders auf wichtige Zugrouten entlang der Küsten und in der Nähe von Brutplätzen. Mit geeigneten Maßnahmen lassen sich Klima- und Artenschutz verbinden.

Mit der richtigen Planung lassen sich Kollisionen von Zugvögeln an Windrädern oder Stromleitungen vermeiden. Die Vögel umfliegen die Turbinen in einer Entfernung von einem Kilometer. Das zeigen zwei Studien, die Forschende des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Konstanz und der University of East Anglia in England erstellt haben. Die Wissenschaftler liefern darin detaillierte GPS-Daten zum Flugverhalten von Vogelarten, die immer wieder mit Windrädern kollidieren. Eine groß angelegte Untersuchung von 1454 Vögeln aus 27 Arten hat Hotspots in Europa identifiziert, in denen Vögel durch Windkraftanlagen und Stromleitungen besonders gefährdet sind. In der zweiten Studie wurde das Flugverhalten von Vögeln in der Nähe von Windrädern näher untersucht.

„Wir wissen aus früheren Untersuchungen, dass es mehr geeignete Standorte für den Bau von Windrädern gibt, als wir für eine klimaneutrale Energieerzeugung benötigen", berichtet Jethro Gauld, Doktorand an der School of Environmental Sciences der University of East Anglia und Hauptautor der im Journal of Applied Ecology erschienen Studie. „Wenn wir die Risiken für die Biodiversität wie zum Beispiel das Kollisionsrisiko für Vögel in einem frühen Stadium des Planungsprozesses besser einschätzen können, können wir die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die Tierwelt begrenzen und gleichzeitig unsere Klimaziele erreichen.“

Kollisions-Hotspots in Europa

Unter den untersuchten Arten waren vor allem große Segelflieger wie Weißstörche. Das Risiko war bei den einzelnen Arten unterschiedlich hoch, wobei der Löffler, der Uhu, der Singschwan, der iberische Kaiseradler und der Weißstorch zu den Arten gehören, die durchweg in Höhen mit Kollisionsrisiko flogen. Die Studie hat mit Hilfe von GPS-Ortungsdaten aus 65 Studien herausgefunden, wo die Vögel am häufigsten in gefährlicher Höhe fliegen (10 bis 60 Meter über dem Boden für Stromleitungen und 15 bis 135 Meter für Windkraftanlagen).

„Die GPS-Ortung liefert sehr genaue Daten über den Standort und die Flughöhe, die durch direkte Beobachtung nicht ermittelt werden können, vor allem nicht über große Entfernungen“, sagt Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie und Mitautor beider Studien. In dieser Studie wurden zum ersten Mal GPS-Daten von derart vielen Arten zusammengeführt, um ein umfassendes Bild davon zu erhalten, wo Vögel gefährdet sind.

Die Gefährdungskarten zeigen, dass sich die Kollisionsschwerpunkte besonders auf wichtige Zugrouten entlang der Küsten und in der Nähe von Brutplätzen konzentrieren. Dazu gehören die westliche Mittelmeerküste Frankreichs, Südspanien und die marokkanische Küste sowie die Meerenge von Gibraltar, Ostrumänien, die Sinai-Halbinsel und die deutsche Ostseeküste. Den Autoren zufolge sollte der Bau neuer Windkraftanlagen und Hochspannungsleitungen in diesen hochsensiblen Gebieten auf ein Minimum beschränkt werden. Sollte sich der Bau neuer Anlagen nicht verhindern lassen, müsste er von Maßnahmen zur Verringerung des Risikos für die Vögel begleitet werden müssen.

Verhalten in der Nähe von Windrädern

GPS-Daten liefern jedoch nicht nur Informationen über den Standort und die Flughöhe der Vögel, sondern verbessern auch die Planung der Energieinfrastruktur. Besondere Aufmerksamkeit richteten die Forschenden auf den Schwarzmilan, einen sehr häufigen Greifvogel, der die Straße von Gibraltar überfliegt – das wichtigste Nadelöhr für den Vogelzug in Westeuropa, aber auch ein Hotspot für Windparks. Die Forschenden haben die GPS-Daten von 126 Schwarzmilanen beim Anflug auf Windkraftanlagen untersucht. Die Daten zeigten, dass die Vögel nicht direkt bis zu den Windrädern fliegen. Vielmehr beginnen die Vögel den Windrädern in einem Kilometer Entfernung auszuweichen. Wenn der Wind in Richtung der Windräder weht, sind die Ausweichbewegungen der Vögel 750 Meter von einem Windrad entfernt noch größer. "Die Vögel erkennen also die Gefahr, die von den Windkraftanlagen ausgeht, und halten einen entsprechenden Sicherheitsabstand zu ihnen ein", sagt Carlos Santos vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie und von der Bundesuniversität von Pará in Brasilien.

Den Autoren zufolge ist es äußerst schwierig, GPS-Daten über die Interaktion zwischen Vögeln und Turbinen zu sammeln. „Man muss viele Tiere mit Sendern ausstatten, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, ihr Verhalten in der Nähe der Turbinen zu erfassen. Deshalb ist unser Datensatz so ungewöhnlich. Glücklicherweise werden GPS-Tracking-Studien immer häufiger durchgeführt, und wir hoffen, dass wir in naher Zukunft solche Daten auch für andere Vogelarten sammeln können“, so Santos.

Wie Vögel Windkraftanlagen wahrnehmen und welche Faktoren ihre Wahrnehmung abschwächen oder verbessern, soll dazu beitragen, Regionen für Windparks zu identifizieren, die die Tiere minimal gefährden. Darüber hinaus lassen sich damit wirksame Abschreckungsmaßnahmen entwickeln.


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