Niedersachsen rückt ins Zentrum der Energiewirtschaft

Die Windenergie ist ein Erfolgsmodell, dass dem Land Niedersachsen eine neue Industrie und viele Arbeitsplätze beschert. Das betonte Ministerpräsident Stephan Weil gestern auf dem 1. Branchentag Windenergie in Hannover. Damit das so bleibt, gibt es aber noch einige Hürden abzubauen.

Niedersachsen erwirtschaftet mit der Windenergie inzwischen jährlich eine Bruttowertschöpfung von 3,4 Mrd. Euro und damit genauso viel wie mit der Land- und Forstwirtschaft einschließlich Fischerei. Heute arbeiten 22.000 Menschen in diesem Industriezweig. Diese Zahlen veröffentlichte der Bundesverband Windenergie gestern auf dem 1. Branchentag Windenergie in Hannover. „Ein Viertel des deutschen Windstroms erzeugen wir hierzulande. Damit verbunden ist eine neue Branche, die einen beachtlichen volkswirtschaftlichen Stellenwert hat“, bekräftigt auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Weil begrüßt dabei auch die mehr als 200 Mio. Euro Steuern, die die Windenergie jährlich in die Kassen von Land und Kommunen spült.
Die Landesregierung wünsche sich ausdrücklich eine Fortsetzung der Erfolgsgeschichte. „Für uns ist die Energiewende eine große Chance. Denn energiepolitisch war der Norden früher nicht in der ersten Reihe“, betont der Regierungschef. NIedersachsen habe keine Rohstoffe wie Kohle. Und auch Atomkraftwerke würden mehr im Süden in den Ballungszentren stehen. Jetzt würde sich das ändern, Niedersachsen rücke mit Wind als neuen „Rohstoff“ in das Zentrum der Energieerzeugung. Bis zum Jahr 2050 will das Bundesland auf eine Gesamtleistung von 20 Gigawatt (GW) installierter Leistung kommen. Das bedeutet zu den 8 GW heute fast eine Verdreifachung der Leistung. Dazu kommt die Offshore-Windleistung.  

Windenergieerlass in Arbeit

Für die Umsetzung arbeitet das Umweltministerium aktuell an einem Windenergieerlass, der in enger Abstimmung mit allen Betroffenen wie der Windenergiebranche, dem Naturschutz und kommunalen Planungsbehörden erarbeitet wird und bis zur Sommerpause 2015 in Kraft treten soll. Danach sollen 1,4 % der Landesfläche künftig für Windenergie zur Verfügung stehen. „Es geht darin in erster Linie darum, dass die unterschiedliche Rechtsgrundlagen einheitlich angewendet werden. Dagegen wird der Erlass kein Freifahrtschein, Akzeptanzprobleme muss die Branche selbst lösen“, macht Weil deutlich.

Windenergie bekommt neue Aufgaben

Niedersachsen hat bei der Windenergie besondere Chancen, bestätigt Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes Windenergie. Der Landwirt und Windmüller aus Schleswig-Holstein meint damit nicht nur die topographische Lage und das Potenzial des Flächenlandes. Auch die ansässige Automobilindustrie wie der Volkswagen-Konzern spiele dabei eine besondere Rolle. Denn Windenergie werde künftig nicht nur die Aufgabe haben, den günstigsten Strom aller Energieträger zu erzeugen, sondern auch Wärme (über Power-to-Heat-Konzepte) und CO2-freien Strom für die Elektromobilität. Niedersachsen käme große Bedeutung bei der Verknüpfung von Automobil- und Windenergieindustrie zu.

Kritik an Kohlekraft und Atomsubvention

Mit großem Unverständnis reagierte Albers auf die Ankündigung von Bundeswirtschaftsminister Siegmar Gabriel, länger an Kohlekraftwerken festhalten zu wollen. „Heute arbeiten 40.000 Menschen in der Kohlewirtschaft, Tendenz abnehmend. bei den Erneuerbaren sind es dagegen 350.000“, macht Albers die Relationen klar. Und ist sich sicher, dass man aus den 40.000 Kohle-Jobs in kurzer Zeit über 200.000 Arbeitsplätze in der erneuerbaren Branche machen könne. 
Genauso hart in die Kritik ging Albers mit den Beschlüssen der EU-Kommission. Für ihn ist es unverständlich, warum das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz wegen angeblicher Marktverzerrung und mangelhafter Marktausrichtung in die Kritik geraten ist, während die EU im Sommer einem britischen Atomeinspeisegesetz zustimme. „Mit dem Gesetz würde Atomstrom 35 Jahre lang eine Grundvergütung von 11,7 Cent pro Kilowattstunde erhalten, während die Vergütung für Windstrom bei uns heute im Schnitt bei 7 ct liegt“, kritsiert Albers. Zudem soll bei dem britischen Gesetz – anders als beim deutschen EEG – einen Inflationsausgleich geben.

EEG noch nicht abschreiben

Wegen dieses Widerspruchs hofft Albers, dass die Verhandlungen um das deutsche EEG nicht abgeschlossen sind und es doch noch einen Weg gibt, das drohende Ausschreibungsverfahren mit all seinen Nachteilen abzuwenden. Denn wie die Erfahrung laut Albers im Ausland zeigen, führt das Ausschreibungsverfahren zu höheren Kosten, reduziert die Akteursvielfalt auf wenige Großunternehmen und gefährdet die Ziele. Denn viele ausgeschriebenen Projekte werden am Ende nicht gebaut, zeigt die Praxis.
Albers fordert außerdem, dass ein fairer Marktplatz für Strom geschaffen wird, auf dem CO2-emittierende und saubere Kraftwerke sowie neue und alte Kraftwerke unterschieden werden. Auch drängt er die Bundesregierung dazu, die Verordnung zur Grünstromvermarktung umzusetzen, zu der der Gesetzgeber nach dem EEG ermächtigt ist.

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