Gesetz zur THG-Minderung im Verkehr

Sauter: „Endlich können wir wieder in Biomethan aus Stroh investieren“

Claus Sauter, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Verbio AG, erklärt, welche Chancen fortschrittliche Biokraftstoffe aus Reststoffen für Klima und Landwirtschaft haben.

Der Deutsche Bundestag hat am 21. Mai 2021 den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Weiterentwicklung der Treibhausgasminderungsquote beschlossen. Das Gesetz sieht einen kontinuierlichen Anstieg der THG-Quote von derzeit sechs auf 25 % im Jahr 2030 vor. Neben der Elektromobilität wird nun auch das Potenzial der nachhaltigen Biokraftstoffe, wie Biomethan aus Reststoffen und Stroh, zur Dekarbonisierung des Verkehrssektors anerkannt.

Erster Entwurf enttäuschte

„Über zwei Jahre hat die Automobil- und Kraftstoffindustrie ausharren müssen bei der Frage, wie die Bundesregierung die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der Europäischen Union (RED II) in deutsches Recht überträgt. Die Erwartungshaltung war hoch, doch dann kam der massive Fehlschlag“, blickt Claus Sauter zurück. Der BioEnergie Experte und Gründer sowie Vorstandsvorsitzende (CEO) der Verbio AG war enttäuscht vom Gesetzentwurf, den Bundesumweltministerin Svenja Schulze im vergangenen Herbst vorgelegt hatte. Der Gesetzesentwurf sah nicht mehr als einen Anstieg der THG-Quote von 6 auf 7,25 % im Jahr 2030 vor und bis 2025 sollte erstmal gar nichts passieren.

Die Kritik der Branche war groß. „Selbst die Mineralölwirtschaft forderte höhere Vorgaben zur Treibausgasreduktion im Verkehr – zurecht! Denn das EU-Parlament schreibt 60 % CO2-Reduktion gegenüber 1990 bis 2030 vor“, erklärt Sauter.

Positives Signal des Bundestages

Doch in Deutschland waren die CO2-Emmissionen im Verkehr im Jahr 2020 auf fast demselben Niveau wie 1990. 30 Jahre wurde laut Sauter nichts erreicht. „Im Vergleich zum damaligen Referentenentwurf sendete das letzte Woche im Bundestag verabschiedete Gesetz zur Weiterentwicklung der THG-Quote ein überraschend positives Signal“ sagt der Verbio-Chef. Er begründet das so:

  1. Mehr Klimaschutz: Das neue Gesetz berücksichtigt neben der Elektromobilität nun auch nachhaltige Biokraftstoffe, Wasserstoff biogenen Ursprungs und andere strombasierte Kraftstoffe in mehr oder weniger ausgeglichenem Verhältnis. Mit Biokraftstoffen der ersten und vor allem der zweiten Generation, wie mit Biomethan aus Stroh und Reststoffen, können auch schwere LKW im Güterfernverkehr klimaneutral unterwegs sein. Der VW-Chef Herbert Diess wies kürzlich daraufhin, dass die von der VW-Nutzfahrzeugholding Traton jährlich produzierten 250.000 mittleren und schweren LKW genau so viel CO2 ausstoßen, wie die zehn Millionen produzierten PKW im VW-Konzern.
  2. Neue Investitionen: Die politischen Rahmenbedingungen für Biokraftstoffe waren in den letzten 15 Jahren in Deutschland so schlecht, dass sich Verbio gezwungen sah, seine Investitionen auf Märkte außerhalb Deutschlands und Europas zu fokussieren. „In Indien und den USA wurden wir mit unserer Stroh-Biomethan-Technologie mit offenen Armen empfangen. Die Chancen stehen gut, dass mit dem Beschluss des Bundestages nun auch der deutsche Biokraftstoffmarkt für Investoren wieder interessant wird“, sagt er. Verbio verarbeitet in den Anlagen in Schwedt und Pinnow aktuell ca. 80.000 Tonnen Stroh pro Jahr. Sauter meint mit Bezug auf Studien, dass in Deutschland bis zu 20 Mio. t überschüssiges Stroh zur energetischen Nutzung zur freien Verfügung stünden. „Das sind ausreichend Rohstoffe, um bis zu 10 Mio. Mittelklasse-PKW bzw. bis zu zwei Drittel der schweren LKW im Fernverkehr mit BioCNG und BioLNG klimaneutral zu betreiben.“ Verbio werde seine bestehenden Biokraftstoffanlagen in Deutschland massiv ausbauen und durch neue Anlagen und neue Technologien in Deutschland und Osteuropa erweitern. Verbio will zudem Ende Juni seine erste LNG-Tankstelle direkt an der A9 in Zörbig/Sachsen-Anhalt in Betrieb nehmen, an der ab Herbst 2021 auch BioLNG getankt werden kann. Für Speditionen sei das Gesamtpaket aus technologischer Verfügbarkeit, Mautbefreiung, Kraftstoffkosteneinsparung und CO2-Reduktion beim Einsatz von Biomethan als Kraftstoff sehr attraktiv.
  3. Wertschöpfung und CO2-Reduktion in der Landwirtschaft: Neben der Abwanderung fortschrittlicher deutscher Technologien ins Ausland hätte eine zu niedrige THG-Quote weitere negative Konsequenzen gehabt: weniger Investitionen in Forschung & Entwicklung, Verlust von Arbeitsplätzen in Industrie und Landwirtschaft sowie ein riesiges verschenktes Klimaschutzpotenzial in der Landwirtschaft. „Das Stroh, das wir nicht verarbeiten, verrottet unkontrolliert auf den Feldern. Biomethan aus Stroh ist damit nicht nur ein klimaneutraler Kraftstoff, sondern gleichzeitig eine Möglichkeit, CO2 -Emissionen in der Landwirtschaft zu reduzieren“, sagt Sauter. Für die Landwirtschaft böte die Technologie nicht nur eine neue, wichtige Einnahmequelle aus dem Rohstoffverkauf, sondern gleichzeitig erhebliche Einsparung klimaschädlicher Emissionen durch weniger mineralische Düngung. Denn der in der Produktion anfallende Gärrest könne als hochwertiger biologischen Humusdünger zurück auf die Felder kommen.

Kritik an Mehrfachanrechnungen

Trotz aller Euphorie sieht Sauter aber auch noch kritische Punkte: „Es sollte aber allen bewusst sein, dass 25 % Treibhausgasreduktionsquote nicht 25 % weniger CO2 im Verkehr bedeuten. Die diversen Mehrfachanrechnungen, wie beispielsweise von Ladestrom oder synthetischem Kraftstoff, verzerren die wahre Treibhausgaseinsparung.“ In Wahrheit führe die THG-Quote schätzungsweise zu 15 % Treibhausgasreduktion bis 2030. Für das Erreichen der Klimaneutralität bis 2045, wie kürzlich von der Bundesregierung beschlossen, reiche das auf keinen Fall!

Spätestens im Jahre 2023 wird die bestehende Gesetzgebung mit der Umsetzung der RED III nochmals erheblich nachgebessert werden müssen, erwartet er.

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