Statistik täuscht über negative Entwicklungen hinweg

Das gute Abschneiden der erneuerbaren Energien ist vor allem auf das Wetter zurückzuführen. Dagegen gibt es erhebliche Kritik an den Rahmenbedingungen.

2017 war ein gutes Windjahr. (Bildquelle: Neumann)

„Bereits jetzt haben die Erneuerbaren das von der Bundesregierung im Energiekonzept für 2020 gesteckte Ziel von 35 Prozent Erneuerbaren-Anteil am Bruttostromverbrauch übertroffen. Das ist eine gute Nachricht für den Klimaschutz“, kommentiert Stefan Kapferer, Vorsitzender der BDEW-Hauptgeschäftsführung, die neuesten Zahlen zum Energiejahr 2017.

Nach einer Schätzung des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) und des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) werden die erneuerbaren Energien 2017 voraussichtlich über 36 Prozent des Bruttostromverbrauchs in Deutschland decken. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE).

Damit der Strom aus erneuerbaren auch vollständig genutzt werden kann, müsse jedoch den Ausbau der Nord-Süd-Leitungen mit Hochdruck vorangetrieben werden, forder. Der Netzausbau müsse mit dem Erneuerbaren-Ausbau eng verzahnt werden.

„Der Ökostromanteil am Stromverbrauch ist in den vergangenen fünf Jahren um fast 13 Prozentpunkte gewachsen. Das ist in der Tat eine Erfolgsgeschichte“, sagt auch Prof. Dr. Frithjof Staiß, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des ZSW. Hinzu komme, dass die aktuelle dynamische Entwicklung keine Erhöhung der EEG-Umlage zur Folge gehabt habe – diese konnte für 2018 sogar leicht gesenkt werden. „Jetzt sollte die Politik die Rahmenbedingungen so gestalten, dass auch die nächsten Ausbauziele erreicht werden“, fordert der Wissenschaftler. Das gelte insbesondere für die beiden anderen Sektoren Wärme und Mobilität, so Staiß weiter. Dort stagniert der Anteil Erneuerbarer Energien seit Jahren bei 6 Prozent (Verkehr) und 13 Prozent (Wärme).

Euphorie nicht angebracht

Die BDEW-Euphorie beim Ausbau des Ökostromes sei völlig unangebracht, kritisiert dagegen Hans-Josef Fell, Präsident der Energy Watch Group:  „In den veröffentlichten Zahlen steckt in Wirklichkeit eine hohe Sprengkraft für die Fortführung der Energiewende.“
Für den Anstieg der Stromproduktion seien vor allem eine deutlich stärkere Solareinstrahlung und höhere Windgeschwindigkeiten als 2016 verantwortlich gewesen. „Auch ging der der Ausbau der Windenergie an Land und an der Küste voran. Doch beides wird nicht unvermindert weitergehen, weshalb überhaupt nicht die Rede davon sein kann, dass die Energiewende auf gutem Wege ist“, mahnt Fell.

Neben der seit Jahren stagnierenden und damit weiterhin völlig unzulänglichen Entwicklung der erneuerbare Energien in den Bereichen Verkehr und Wärme in Gebäuden­ sollten auch im Stromsektor die Alarmglocken klingen, so der ehemalige Bundestagsabgeordnete:

„Die Energiewende in Deutschland ist 2017 nur noch erfolgreich im Teilsegment Windkraft. Diese Entwicklung ist sehr bedrohlich, denn nur auf Windkraft zu setzen, birgt erhebliche Probleme“, resümiert Fell. Und auch bei der Windkraft sei der erfreulich hohe Zubau 2017 nur darauf zurückzuführen, dass Anlagen ans Netz gingen, die noch mit dem alten EEG und seiner Einspeisevergütung geplant und genehmigt wurden. Der Wechsel zu Ausschreibungen im EEG 2017 werde aber auch den Ausbau der Windenergie von 2017 über 5 GW auf weit unter die Regierungsziele von 2,8 GW fallen lassen befürchtet der Energieexperte.

Die bereits sichtbare Abwanderung ins Ausland und die Entlassungen bei den Planungsbüros würden vor diesem Hintergrund eine deutliche Sprache sprechen. Fell: „Wenn sich mit einer neuen Regierung nicht schnellstens radikal etwas ändert, wie Reparaturen am EEG, EnWG und anderen Gesetzen zur Wiederbelebung des Ausbaus der erneuerbaren Energien und der Bürgerenergiewende, dann wird Deutschland einen klimaverträglichen Atomausstieg niemals schaffen.“

Artikel geschrieben von

Hinrich Neumann

Redakteur Energie

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