Künftige Rolle von Biogas

Strom, Wärme, Gas: Wo Biogas künftig gebraucht wird

Wissenschaftler unterstreichen auf einer Webkonferenz der „Flexperten“ die Bedeutung von Biogas für Klimaschutz, Energie- und Landwirtschaft, zeigen aber auch Schwachpunkte auf.

Biogasanlagen sind aktuell die teuerste erneuerbare Stromquelle in Deutschland: „Mit 200 Euro pro Megawattstunde kostet die Kilowattstunde doppelt soviel wie Photovoltaikkleinanlagen, die die zweitteuerste Energieform sind“, erklärte Peter Stratmann, Leiter des Referats Erneuerbare Energien bei der Bundesnetzagentur. Auf einem Webinar des Biogas-Branchennetzwerks „Flexperten“ erklärte er in der vergangenen Woche, dass er es aus Kostengründen für fraglich hält, die Förderung von Biogasanlagen mit einer Verlängerung der Flexibilitätsprämie noch auszuweiten.

Kritik an Biogasanlagen

Und er hatte noch weitere Kritikpunkte:

  • Er hält die aktuelle ökologische Ausrichtung von Biogasanlagen für verbesserungswürdig: „Was passiert eigentlich mit dem vielen Geld, das Anlagenbetreiber erhalten?“ Im schlimmsten Fall würden auch Vegetarier, die über die EEG-Umlage den Güllebonus für Biogasanlagen mitfinanzieren, beim Einschalten des Lichts die Massentierhaltung unterstützen.
  • Auch sehe die Bundesnetzagentur als Wettbewerbshüter die Marktferne von Biogas als Problem. „Es ist eine Illusion, dass Biogasanlagen jemals ohne Förderung betrieben werden können. Die Marktpreise werden niemals so hoch sein, dass es wirtschaftlich ist“, sagte Stratmann.
  • Zudem gebe es – zumindest heute – keinen Flexibilitätsmangel in Deutschland. „Wer heute Geld für Flexibilität ausgibt, kann es auch gleich aus dem Fenster werfen“, äußerte Stratmanns provokant mit Blick auf die Flexibilisierung von Biogasanlagen. Eine Förderung der Flexibilität, ohne dass sie benötigt werde, sei eine massive Wettbewerbsverzerrung.
  • Zudem sei die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) kein Effizienzinstrument: Die getrennte Erzeugung von Wärme und Strom hätte ungefähr den gleichen CO2-Ausstoß wie die KWK. Stratmann: „Wenn man einen Energieträger fit für den Markt machen möchte, darf es nicht KWK sein. KWK und volatile erneuerbare Energien passen überhaupt nicht zusammen.“
  • Auch sieht er die CO2-Bilanz von Biogasanlagen kritisch: Es gäbe Auswertungen, die der Technik die gleiche Klimabilanz wie Erdgas bescheinige. „Warum fördern wir eigentlich Biogasanlagen, wenn wir den gleichen Klimaeffekt einfacher mit Erdgaskraftwerken ohne Förderung haben können?“ fragte er.
  • Abschließend wies er darauf hin, dass die Netzbetreiber mit ihrer Aufgabe überfordert seien, die landwirtschaftlichen Kriterien zu überprüfen, die der Förderfähigkeit der Anlagen zugrunde liegen: „Da sollten die Fachbehörden eingebunden werden.“

Viele Argumente pro Biogas

Im Laufe der vierstündigen Veranstaltungen hatten die Veranstalter zahlreiche Live-Vorträge oder Videoaufzeichnungen von Energieexperten verschiedener Institute, aber auch von Firmen oder Politikern eingeblendet. Folgendes lässt sich dabei festhalten:

  • Bernhard Wern vom Institut für Zukunftsenergie- und Stoffstromsystem (IZES) betonte, dass Biogas nachweislich einen wesentlichen Beitrag zur Treibhausgasminderung leistet – gerade wegen der Strom- und Wärmeerzeugung in Blockheizkraftwerken (BHKW).
  • Biogasanlagen erzeugen heute rund 13 % des erneuerbaren Stroms in Deutschland. Sollten Biogasanlagen stillgelegt werden, müssten bis zum Jahr 2035 6,1 Gigawatt (GW) Windenergieleistung und 19,7 GW Solarstromleistung dazu gebaut werden – laut Wern bei derzeitigen Rahmenbedingungen völlig unrealistisch.
  • Der Vorstellung, man könnte künftig nur auf Rest- und Abfallstoffe setzen, erteilt Wern eine Absage: Das Reststoffpotenzial ist ohnehin sehr klein und nur ein Teil davon lässt sich in Biogasanlagen verwerten. Die Vergärung von Gülle und Mist erzeuge wegen der geringeren Gasausbeute höhere Kosten. Daher sei die Anbaubiomasse auch aus Kostengründen und zum Ausschöpfen des Potenzials wichtig, um die Klimaziele zu erreichen.
  • Zu den Kosten erklärte er, dass die Stromgestehungskosten vor zehn Jahren noch bei 14 bis 15 ct/kWh lagen. Die Ursache für den Anstieg auf 20 ct/kWh (20 €/MWh) liege in externen Effekten und Systemleistungen, zu denen Biogasanlagenbetreiber verpflichtet wurden. „Man darf nicht die einzelnen Energieformen gegeneinander ausspielen, sondern muss auch bewerten, dass Biogas eine speicherbare Energieform ist. Ein künftiges Stromsystem ohne Biogasanlagen ist auf jeden Fall kostengünstiger als mit anderen Speichertechnologien, zeigen Berechnungen“, sagte Wern.
  • Prof. Uwe Holzhammer vom Institut für neue Energie-Systeme (InES) an der Technischen Hochschule Ingolstadt gibt ihm recht: „Die Bioenergie finanziert inzwischen vieles mit, weshalb sich die Vergütungshöhen so entwickelt haben.“

Flex-Potenziale noch nicht ausgeschöpft

  • Auswertungen von Holzhammer zusammen mit den Fraunhofer Instituten ISE und IEE haben ergeben, dass Biogasanlagen ihr Flexibilitätspotenzial noch nicht ausschöpfen. „Alle Biogasanlagen, welche Flexibilitätsprämie beziehen, veränderten Im Jahr 2018 ihre Leistung am Tag maximal um 44 %, der Schnitt lag bei 16 %“, erklärte er. Dabei wäre mehr möglich. Diese Fahrweise in der Praxis ergebe sich, weil die Anlagen auch gleichzeitig im Wärme- und im Regelleistungsmarkt agieren und das finanzielle Optimum erreichen wollen. „Wir müssen bei künftigen Rahmenbedingungen darauf achten, dass die Anlagen technisch richtig ausgerüstet werden. Damit sollen sie darauf vorbereitet werden, die zukünftigen Erwartungen der Energiewirtschaft zu erfüllen.“
  • Prof. Markus Zdrallek von der Bergischen Universität Wuppertal sieht Biogasanlagen als wichtigen Ersatz für konventionelle Kraftwerke. „Wenn wir 70 bis 100 % erneuerbare Energien im Netz haben, brauchen wir jede Flexibilität, die wir kriegen können. Biogasanlagen sind eine der wenigen Energiequellen, die Strom verlässlich produzieren können.“ Die höheren Kosten für Biogasstrom würden sich relativieren, weil sich damit auf der anderen Seite die Kosten für Ausgleichsenergie (Redispatch) reduzieren. Auch lasse sich auf Verteilnetzebene ein erheblicher Netzausbau damit reduzieren. „Volkswirtschaftlich ist also ein hoher Nutzen durch Biogasanlagen zu erwarten“, machte Zdrallek deutlich.

Heutige Infrastruktur geeignet

  • Dr. Ludger Eltrop vom Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung (IER) der Universität Stuttgart sieht den Vorteil von Biogas, dass sich damit die bestehende Infrastruktur nutzen lässt. „Der speicherbare Brennstoff kann viele Funktionen in der Energiewirtschaft übernehmen und die Systemkosten senken“, sagt Eltrop, der sich in mehreren Forschungsprojekten mit der künftigen Rolle von Biogas im Energiesystem der Zukunft auseinander gesetzt hat.
  • Mathias Groth, Referent für Einspeisemanagement und neue Märkte beim Energieversorger WEMAG aus Schwerin betonte die Rolle von Biogas als Langzeitspeicher. „Kurzfristig können wir Schwankungen bei der Einspeisung von Wind- und Solarstrom mit Batterien ausgleichen wie mit unserem 10 MW-Speicher in Schwerin. Aber längerfristig geht der Ausgleich nur mit flexiblen Biogasanlagen“, ist er überzeugt. Zudem sind Batterien sehr teuer: Der Speicher in Schwerin hat laut Groth rund 12 Mio. € gekostet. Heutzutage würde ein solcher Batteriespeicher ungefähr 8 Mio. € kosten.

Günstiger als Wasserstoff

  • Hans-Werner Gress vom Internationalen Institut für Nachhaltigkeitsanalysen und -strategien (IINAS) sieht zwar in dem aktuell viel diskutierten Wasserstoff eine wichtige Zukunftsoption für die Energiewirtschaft. „Aber er muss CO2-neutral und nachhaltig erzeugt werden, um einen Nutzen für den Klimaschutz zu haben. Die nötigen Mengen sind hierzulande nicht verfügbar, wir werden einen Teil auch importieren müssen“, unterstrich er. Dieser CO2-neutrale Wasserstoff sei in den nächsten zehn bis 15 Jahren noch deutlich teurer als Biogas oder Biomethan. Für die flexible Stromerzeugung seien daher laut Gress Biogas und Biomethan auf absehbare Zeit kostengünstiger. Er hält es für falsch, die Flexprämie abzuschaffen. „Die Flexibilität von Biogasanlagen ist vorhanden und sofort einsetzbar“, betonte er.

Auch weitere Diskussionsbeiträge der unterschiedlichen Teilnehmer im Webinar zeigten, dass Biogasanlagen verschiedene wichtige Funktionen übernehmen – auch in der Landwirtschaft, z.B. bei der Emissionsreduktion von Gülle und Mist oder der Marktentlastung durch Anbau von Energiepflanzen. Viele der Teilnehmer sehen daher mit Sorge, dass den Anlagenbetreibern Perspektiven fehlen, wie es nach Auslaufen der EEG-Vergütung weitergeht und drängen die Politik daher, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass eine massive Stilllegung von Anlagen in den nächsten Jahren verhindert wird.

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Diskussionen zum Artikel

von Jens Geveke

Die Aspekte von Herrn Stratmann sind überspitzt vorgetragen, aber überhaupt nicht falsch...

Das ist eine Diskussion, die wir in unserer Biogasbranche viel ergebnisoffener führen sollten. Wir fordern, dass die Flexibilisierungsförderung so gestaltet werden soll, dass sie für uns machbar ist, hinterfragen aber nicht, ob und wann man diese Flexibilisierung überhaupt benötigt ... mehr anzeigen

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