Buchtipp

Verleugnen, verzögern, verharmlosen: Wie Konzerne mit dem Klimawandel umgehen

Das Buch „Propagandaschlacht ums Klima“ von Michael E. Mann gewährt einen ungewöhnlichen und informativen Blick hinter die Kulissen der Diskussion rund um den Klimawandel.

Das Buch beginnt mit einem eindrucksvollen Zitat: „In der Wissenschaft ist man sich weitgehend darüber einig, dass die menschengemachte Freisetzung von Kohlenstoffdioxid durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe das globale Klima beeinflusst. Dabei sind katastrophale Ereignisse in Betracht zu ziehen.“ Die Aussage stammt nicht etwa von einem Klimawissenschaftler, einem Aktivisten oder den Grünen. Gesagt hat es ein leitender Wissenschaftler des Ölgiganten ExxonMobil aus den 70er Jahren. Es ist typisch für das neue Buch des Klimawissenschaftlers Michael E. Mann „Propagandaschlacht ums Klima“.

Wie Zweifel gesät wird

Der Autor analysiert, warum sich Politiker und Gesellschaften weltweit so schwer tun, die früh erkannten Auswirkungen bei der Nutzung fossiler Brennstoffe ernst zu nehmen und auf Alternativen umzuschwenken. Der Klimawissenschaftler berichtet dabei aus eigener Erfahrung: 1998 hatte er mit anderen Kollegen die berühmte „Hockeyschlägerkurve“ veröffentlicht, die den Anstieg der Erdtemperatur im vergangenen Jahrhundert aufzeigt. Die Veröffentlichung hatte erhebliche Diskussionen ausgelöst. „Jahrzehnte später steht die Hockeyschlägerkurve trotz unzähliger Studien, die unsere Erkenntnisse nicht nur bestätigt, sondern ausgeweitet haben, immer noch unter Beschuss. Warum? Weil sie weiterhin eine Bedrohung für eigennützige Interessengruppen darstellt“, schreibt Mann.

Im Weiteren führt er aus, welche Gruppen der Industrie, aber auch ganze Staaten, die vom Einkommen aus dem Öl- und Gasverkauf abhängig sind, das Leugnen des Klimawandels vorantreiben. Dabei zeigt er, mit welchen Taktiken vor allem Vertreter der Brennstoffindustrie vorgehen und wie sehr das Leugnen, Ablenken und Diffamieren von Wissenschaftlern dem Vorgehen anderer Industriezweigen gleicht, z.B. dem der Tabakindustrie: Ihr war schon um 1950 klar, dass Rauchen die Gesundheit schädigt. Trotzdem hat sie es geschafft, mit geschickter Werbung, Ablenkung, Verharmlosung und pseudowissenschaftlichen Gegenstudien den Absatz aufrecht zu halten und Verbote abzuwenden. Mann führt weitere Beispiele auf, bei denen konzerngeleitete Interessen wissenschaftliche Erkenntnisse unterwandern, verharmlosen, diffamieren, verzögern und geschickt Keile zwischen die unterschiedlichen Interessengruppen treiben, wie beim Pflanzenschutzmittel DDT, beim sauren Regen, beim von FCKW hervorgerufenen Ozonloch, beim Plastikmüll usw. Auch schildert er, mit welchen Mitteln die Erkenntnisse des Weltklimarats IPCC in der Öffentlichkeit in schlechtes Licht gerückt werden sollten.

Dabei fließen unglaubliche Summen in entsprechende Kampagnen. „Allein im US-Wahlkampf 2015/16 gaben die Unternehmen für fossile Brennstoffe 354 Mio. Dollar für Wahlkampfspenden und Lobbyarbeit aus“, schildert er. Seine Behauptungen stehen dabei nicht ohne Belege da: Auf insgesamt 67 Seiten führt er akribisch jede einzelne Quelle auf, die er für das Buch verwendet hat.

Ablenkungstaktik "Fleischkonsum"

Zur Ablenkungstaktik gehört es laut Mann auch, den Einzelnen als Schuldigen zu identifizieren. Als Beispiel führt der Autor, der selbst übrigens Vegetarier ist, das irrige Argument an, dass ein Fleischverzicht zur Klimaverbesserung führen könnte. „Das Handgemenge ums Fleisch wurde maßgeblich durch den äußerst erfolgreichen und einflussreichen Dokumentarfilm Cowspiracy aus dem Jahr 2014 beeinflusst, der die falsche Vorstellung förderte, dass der Fleischkonsum der Hauptfaktor für den vom Menschen verursachten Klimawandel sei“. Der Film habe die Aufmerksamkeit von der wirklichen Verschwörung seitens der Interessen der fossilen Brennstoffwirtschaft abgelenkt, um die Öffentlichkeit über die Rolle der Verbrennung fossiler Rohstoffe zu verwirren, die laut Mann für den Löwenanteil der Erderwärmung verantwortlich ist.

Was das Lesen des Buches so spannend macht: Mann argumentiert gut lesbar und sachlich, ohne ständig erhobenen Zeigefinger oder moralpredigenden Anschuldigungen. Er zeigt auf, in welchem Dilemma wir stecken. „Wer kann es sich denn heute wirklich leisten, ohne ‚Kohlenstoffsünde‘ zu leben? Der nie fliegende Veganer mit vier Kindern? Der kinderlose Vegetarier, dessen Beruf Kontinente überquerende Flugreisen erfordert? Der kinderlose, nie fliegende von Glutenunverträglichkeit Betroffene, der auf Fleisch als Eiweißquelle angewiesen ist?“

Mann argumentiert, dass individuelle Anstrengungen zwar lobenswert seien, es aber auf einen grundlegenden Systemwechsel ankomme, um den Klimawandel abzuwenden. In den weiteren Kapiteln beschäftigt er sich mit der Notwendigkeit eines CO2-Preises und die Abschaffung von Subventionen auf fossile Brennstoffe, damit erneuerbare Energien fair mit ihnen konkurrieren können. Auch warnt er vor Pseudolösungen“ wie Erdgas als „Brückentechnologie“, CO2-Abscheidung oder vermeintlich „sauberer Kohle“ oder der immer wieder als klimaneutral bezeichneten Atomenergie.

Der Autor ist "vorsichtig optimistisch"

Ebenso wendet er sich gegen Alarmismus und Weltuntergangsszenarien, die die Menschen eher abschrecken, als zum Handeln ermuntern würden. „Trotz der Herausforderungen, die in diesem Buch beschrieben werden, bin ich vorsichtig optimistisch, was die Aussichten für die Bewältigung der Klimakrise in den kommenden Jahren angeht – das heißt, weder naiv noch mürrisch, sondern objektiv hoffnungsvoll“, schreibt der Autor.

Das 2021 erschienene Buch geht dabei auch auf Erkenntnisse ein, die die Menschheit in der Covid-19-Pandemie gewonnen hat über Verleugnung, Verschwörungstheorien und Lösungsansätzen.

Die über 400 Seiten gewähren einen ungewöhnlichen und informativen Blick hinter die Kulissen der öffentlichen Diskussion. Das Buch zeigt anhand von vielen Quellen und Beispielen, wie Falschinformationen („Fake News“) und pseudowissenschaftliche Erkenntnisse den Weg in die Medien schaffen und sich hartnäckig dort halten - nicht erst unter der Trumpregierung. Mann zeigt aber auch Lösungen auf, ohne ins Unrealistische abzugleiten – sowohl konkret für die Energiewende, aber auch für die öffentliche Debatte.

Buchcover

Der Autor Michael E. Mann ist amerikanischer Wissenschaftler und Direktor des Earth System Science Center an der Penn State University. (Bildquelle: Verlag Solare Zukunft)

Zum Buch

  • Propagandaschlacht ums Klima - Wie wir die Anstifter klimapolitischer Untätigkeit besiegen
  • Im Original: The New Climate War (von Michael E. Mann)In der deutschen Übersetzung von Matthias Hüttmann, Tatiana Abarzúa und Herbert Eppel
  • Verlag Solare Zukunft, ISBN 978-3-933634-48-1
  • 1. Auflage 2021, 440 Seiten, 29,00 €

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