An die Wand gefahren

Geflügelhalter verzweifeln an Logik, Staat und Zukunft

Hat die Bundesregierung überhaupt einen Schimmer von Betriebswirtschaft? Wo ist die Folgenabschätzung für ihre Politik? Das fragen sich resignierte Geflügelhalter aus Niedersachsen.

Mit ungewöhnlich scharfen Worten ist der Verband Niedersächsische Geflügelwirtschaft (NGW) die Agrarpolitik der Bundesregierung angegangen. „Wider jede betriebswirtschaftliche und politische Vernunft wird dennoch die Transformation der deutschen Geflügelhaltung ohne Folgenabschätzung und notwendige Übergangsfristen auch in der aktuellen Problemlage weiter vorangetrieben“, so der Verband.

Verdrängt werde bewusst oder unbewusst die Tatsache, dass ohne ökonomische Gewinne keine betrieblichen Investitionen möglich seien, auch nicht in mehr Tierwohl. Stallumbau- oder Neubauten scheiterten im Übrigen nicht nur an mangelnden Finanzierungsmitteln, sondern auch an den notwendigen Baugenehmigungen, stellt der NGW fest.

Medien und Unbeteiligte reden kräftig rein

So scheiterten an diesen Widersprüchen am Ende auch die innovationsbereiten Tierhalter; sie zweifelten inzwischen an Logik, Staat und Zukunft. Das liege auch daran, dass die Inhalte der Transformation viel zu oft und viel zu vordergründig von Positionen schlagkräftiger Nichtregierungsorganisationen, bestimmten Politikern und Parteien und von um die Verbrauchergunst buhlenden Unternehmen des LEH beeinflusst würden.

Auch die Medien beteiligten sich, wenn es darum gehe, Elite-Denken zum alleinigen Maßstab zu machen, auch wenn dies nicht der Mehrheitsmeinung der Bevölkerung oder wissenschaftlichen Fakten entspreche, moniert der NGW.

Bio auch nicht pauschal nachhaltiger

Reale Notwendigkeiten in der praktischen Tierhaltung und Verarbeitung von tierischen Produkten gerieten dabei immer häufiger aus dem Fokus, beklagen die niedersächsischen Geflügelhalter. Andererseits würden zum Beispiel Vegetarismus und Veganismus, die gegenwärtig nur einen Bruchteil des Lebensmittelmarktes ausmachten, ohne Folgenabschätzung zum allgemeinen Leitbild erhoben. Das verunsichere sowohl die Erzeuger von tierischen Lebensmitteln als auch viele Verbraucher.

Der eigenen Ideologie und entsprechenden Parteiprogrammen folgend würden die ohne Frage zukunftsentscheidenden Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit „fachlich oberflächlich“ zu häufig dafür genutzt, die Biohaltung von Tieren als entscheidenden Lösungsansatz zu propagieren - wohlwissend, dass es so einfach nicht sei und Bio auch nicht pauschal nachhaltiger sei.

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Geflügelhalter-Präsident Friedrich-Otto Ripke berichtet, dass viele Mitglieder nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll. (Bildquelle: picture alliance / Sebastian Gollnow/dpa )

Ein hoher Flächenbedarf und geringe Erträge seien als Patentrezept wenig geeignet, für die zukünftige Welternährung zu sorgen. Bioackerbau ohne den Dung der Tiere gehe „eben auch nicht“, stellt der NGW klar. Er gibt zu bedenken, dass sich von Jahr zu Jahr potentielle Betriebsnachfolger in größerer Zahl von der Landwirtschaft verabschiedeten. Das Höfesterben werde letztendlich zum Problem der Versorgungssicherheit, „denn Eier und Filets lassen sich nicht am grünen Tisch in Büros produzieren“.

Mehr Fachwissen vonnöten

Der Verband fordert von der Politik wieder mehr Realitätsbezug und Fachwissen. Letzteres gelte schon seit Jahren für die konkreten Empfehlungen des Kompetenzkreises Nationale Nutztierstrategie, der Borchert-Kommission. Sie seien der in Fachkreisen anerkannte und für die Politik geeignete Wegweiser.

Die Empfehlungen machten klar, dass eine erfolgreiche Transformation im Bau- und Emissionsrecht und in der finanziellen Absicherung der tierhaltenden Betriebe einen langfristig gesicherten, staatlichen Rahmen brauche.

Der NGW-Vorsitzende Friedrich Otto-Ripke, auch Präsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), warnte, wenn die Negativentwicklung in der nationalen Fleisch-und Eierproduktion nicht aktiv und umgehend gestoppt werde, drohe der deutschen Bevölkerung nicht nur bei Gas und Öl die Abhängigkeit von labilen Importen, sondern auch bei Lebensmitteln.

Forderungen

Im Einzelnen fordert der NGW:

  • langfristig und staatlich gesicherte Finanzierung der Kosten, die die Transformation bei den Tierhaltern verursacht
  • eine auf die Haltungskriterien bezogene Öffnungsklausel im Bau- und Emissionsrecht
  • bundesweit einheitliche und konkrete Entscheidungskriterien für die Genehmigungsbehörden im Bereich der neuen Technischen Anleitung Luft
  • „Re-Privilegierung“ für gewerbsmäßige Geflügelhalter
  • eine verpflichtende Haltungs- und Herkunftskennzeichnung für alle tierischen Lebensmittel, die im Markt etablierte Kennzeichnungssysteme wie das Label der Initiative Tierwohl (ITW) integriert beziehungsweise berücksichtigt und in allen Handels- und Verzehrbereichen Gültigkeit hat.
  • LEH soll auf immer neue und weitergehende Tierhaltungsstandards verzichten
  • Politik muss fachlich begründete Grenzen der Antibiotika-Reduzierung in der Tierhaltung anerkennen
  • One-Health-Prinzip bei Reserveantibiotika, wie im neuen EU-Tierarzneimittelrecht geregelt, anwenden
  • EU-Vermarktungsnormen novellieren.
  • Marker-Impfstoffe gegen die Aviäre Influenza entwickeln und EU-weit zulassen
  • Gas- und Strompreisbremse für Betriebe und Unternehmen der Land- und Ernährungswirtschaft
  • Belieferung der Kette mit Gas, Strom und CO2 durch die Bundesnetzagentur sicherstellen
  • glaubwürdige, realitätsbezogene und praktikable Ernährungsstrategie


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