Kükentöten steht vor Gericht

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entscheidet am Donnerstag, ob für das Kükentöten ein „vernünftiger Grund“ vorliegt. Andernfalls droht den Brütereien der Entzug der Genehmigungen für die Praxis in Deutschland. Der Rechtsstreit geht auf einen Entscheid aus Nordrhein-Westfalen zurück.

Über die Praxis des Tötens von jährlich Millionen männlichen Küken in Deutschland entscheidet an diesem Donnerstag das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. Dort verhandeln die Richter darüber, ob die Praxis gegen das Tierschutzgesetz verstößt oder nicht. Das Land Nordrhein-Westfalen hatte das Vorgehen untersagt. Mehrere Brütereien klagten dagegen und setzten sich in der Vorinstanz vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster durch. Das Tierschutzgesetz stellt das Töten von Wirbeltieren grundsätzlich unter Strafe, es sei denn, es gibt dafür einen „vernünftigen Grund“. Das Aufziehen der männlichen Küken, die weder Eier noch zügig Fleisch geben, sei für die Brütereien unwirtschaftlich. Ein vernünftiger Grund für das Töten liege also vor, urteilte das OVG.

Sollte das Bundesverwaltungsgericht das anders sehen, fürchtet der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) dramatische Auswirkungen: „Das würde alle deutschen Brütereien treffen“, sagte Verbandspräsident Friedrich-Otto Ripke der Deutschen Presseagentur (dpa). Die Veterinärämter in den Bundesländern würden keine Genehmigungen mehr für das Töten ausstellen, viele Betriebe würden ins Ausland abwandern. Dem Tierschutz sei damit nicht geholfen, so Ripke weiter.

Jedes Jahr werden dem Bundesagrarministerium zufolge rund 45 Millionen männliche Küken, Bruderküken genannt, getötet. Weil sie von Legehennen abstammen, setzen sie nur langsam Fleisch an, was ihre Mast unwirtschaftlich macht. An Alternativen wird auch mit finanzieller Unterstützung des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL) geforscht. Zwei Methoden, mit denen das Geschlecht des Kükens schon vor dem Schlüpfen bestimmt werden kann, haben gute Chancen, einmal flächendeckend zum Einsatz zu kommen. Vor allem die Rewe-Gruppe treibt ein Verfahren voran, bei dem das Geschlecht im Ei nach acht bis zehn Tagen Brutzeit über einen chemischen Marker bestimmt wird. Entsprechend geprüfte Eier gibt es bereits im Großraum Berlin im Handel. Ein anderes Verfahren bestimmt das Geschlecht im Ei mit einem Infrarot-Licht bereits nach drei Tagen Brutzeit.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte zuletzt die Hoffnung geäußert, dass solche Methoden schon „im kommenden Jahr“ allen Brütereien in Deutschland zur Verfügung stehen. Der „vernünftige Grund“, der das Töten bislang ermöglicht, würde dann automatisch wegfallen. Als Alternative zur Geschlechtsbestimmung gibt es auch noch die Zucht und Aufzucht von Zweinutzungshühnern. ZDG-Präsident Ripke befürwortet diesen Weg, sieht hierbei aber auch die Verbraucher in der Pflicht, bei etwas unförmigeren Eiern und teurerem Hühnerfleisch trotzdem zuzugreifen.

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Nächstes Jahr soll die Geschlechtserkennung im Ei der Firma SELEGGT (Rewe/Uni Leipzig) in der Breite einsatzbereit sein. Dann wäre Schluss mit dem Kükentöten, sagt Agrarministerin Klöckner.

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Artikel geschrieben von

Stefanie Awater-Esper

Korrespondentin Berlin

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Diskussionen zum Artikel

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von Andreas Gerner

Und wohin führt´s?

Wie geht das ganze aus? Die Richter werden das Kükentöten in Deutschland verbieten. Vielleicht schon in der jetzt anstehenden Gerichtsverhandlung, ansonsten später. Als Folge machen bei uns die Brütereien dicht. Küken kommen ab dann aus Nachbarländern. Dadurch wird kein einziges Küken gerettet, die benötigten werden halt zusätzlich weit transportiert. Also ein Bärendienst für den Tierschutz. Dann wird es einen Aufschrei geben, dass ja Millionenfach Küken anderswo getötet werden, um Millionen Küken zu importieren. Also wird in der Folge der Import von Küken gerichtlich beschränkt. Dann findet eben die gesamte Geflügelfleisch- und Eierproduktion im Ausland statt. Dann haben wir keinerlei Einfluss mehr auf die Haltungsbedingungen, Hygiene und Kontrollen und das Geld wird im Ausland verdient bzw. bei den Transportunternehmen. Fatal für die heimische Wirtschaft, den Tierschutz, das Klima(Transporte), Verbraucherschutz. Dennoch kommt es zwangsläufig so. Armes Deutschland.

von Erwin Schmidbauer

Konsequenzen

Sollte so ein Urteil fallen, dass wirtschaftliche Erwägungen kein vernünftiger Grund sein könnten, hat das weit über die Tötung von Küken Auswirkungen. Wie begründet man dann ein Einschläfern von Pferden, eine Tötung von Rindern oder Schafen, bei Heimtieren etc. die zwar vom medizinischen Standpunkt her behandelbar wären, aber vom wirtschaftlichen Standpunkt eben nicht? Und anders gefragt: Warum ist das Kükentöten so ein Aufreger, aber die anderen Fälle, die ebenfalls jährlich zu Hunderttausenden bei Heimtieren vorkommen, für eine Behörde völlig uninteressant? Ein Schelm, der Böses dabei denkt!

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