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„Ich erwarte keine besseren Menschen, ich erwarte bessere Politik“

Robert Habeck hat top agrar im Oktober für die Rubrik „5 Fragen an…“ Rede und Antwort gestanden.

Die spannendsten Aussagen finden Sie im aktuellen Heft (12/2019) in der Rubrik „5 Fragen an“. Was der Vorsitzende der Grünen außerdem zu sagen hat, können Sie hier nachlesen. Für einen vollständigen Eindruck haben wir das Heft-Interview vorangestellt.

top agrar: Herr Habeck, wie haben Sie als Landwirtschaftsminister die Bauern in Schleswig-Holstein erlebt?

Habeck: Als dickköpfig und selbstbewusst, aber auch als zugewandt und vor allem absprachetreu. Aus harten Konflikten entstand ein streitbares, aber vertrauensvolles Miteinander.

top agrar: Heute fühlen sich viele Bauern von ihrer Partei persönlich angegriffen.

Habeck: Ich weiß. Begriffe wie Massentierhaltung oder Agrarwende klingen wie eine Kampfansage. Ich hätte aber ein hohes Interesse daran, dass keine persönliche Schuld-Debatte, sondern eine Veränderungs-Debatte geführt wird. So habe ich es auch als Minister versucht.

top agrar: Halten Sie die Landwirtschaft in ihrer heutigen Form für überholt?

Habeck: Ich erkenne an, dass die Landwirtschaft über Jahrzehnte das geleistet hat, was die Gesellschaft wollte: Gute Lebensmittel in hoher Qualität zu günstigsten Preisen. Damit haben die Bauern unseren Wohlstand erst möglich gemacht. Ich wäre froh, wenn die Branche jetzt erkennt, dass das, was vor 50 Jahren richtig erschien, heute Probleme aufwirft.

top agrar: Was meinen Sie damit?

Habeck: Ich halte die Nutztierhaltung in ihrer heutigen Form für nicht zukunftsfähig. Die gesellschaftlichen Erwartungen und der bestehende Zustand lassen sich nicht in Übereinstimmung bringen. Ich weiß aber auch: Aus Sicht der Landwirte muss das eine teilweise unverständliche Diskussion sein, weil sie ihre Tiere jeden Tag nach Recht und Gesetz halten.

top agrar: Was schlagen Sie also vor?

Habeck: Im Moment gibt das System vor: Fahrt Vollgas. Ich finde, wir sollten das Tempo langsam abbremsen. Einen Weg finden, wie wir in einem nachhaltigen System Ernährungssicherheit für Konsumenten und gleichzeitig gute Existenzbedingungen für Landwirte erreichen. Mein Vorschlag ist: Schaffen wir einen Markt für extensivere Produktion, für Umwelt, für Klimaschutz. Solche Leistungen der Landwirte müssen selbstverständlich auch vergütet werden. Diese Veränderung geht aber nur mit den Bauern gemeinsam.

(Ende Heft-Interview)


top agrar: Viele Landwirte werfen den Grünen vor, technologie- und fortschrittsfeindlich zu sein.

Habeck: Den Vorwurf kenne ich. Aber ausgerechnet bei der Landwirtschaft irritiert er mich. Gerade dort setzen wir auf Technik, Fortschritt und Digitalisierung, damit Umwelt, Böden und Gewässer geschont werden und der Pestizid-Einsatz sinkt, z.B. durch kamerageführte Präzisions-Hack-Geräte. Grundsätzlich halte ich ein romantisches Bild der Landwirtschaft, im Sinne von „Früher war alles besser“, für Unsinn.

top agrar: Die grüne Gentechnik fällt für Sie nicht unter Fortschritt?

Habeck: Die klassische Gentechnik konnte ihre großen Versprechen nicht einlösen. Sie wird oft mit hohem Einsatz von Round-Up-Produkten gefahren und hat zu einem Verlust an Biodiversität und landwirtschaftlicher Vielfalt geführt. Vor allem stärkt sie die Monopolmacht der ohnehin schon großen Agrarkonzerne und bringt Landwirtinnen und Landwirte in Abhängigkeiten.

top agrar: Werden wir in Zukunft überhaupt darauf verzichten können, Pflanzen mittels moderner Gentechnik-Verfahren wie z.B. Crispr/CAS resistenter gegen Trockenheit oder Schädlinge zu machen?

Habeck: Eine sehr ernste Frage. Wir werden sicher eine neue Sortenvarianz brauchen. Derzeit haben wir vom Weinbau bis zum Weizen wenige Hochleistungssorten, die aber sehr anfällig sind. Viele der alten, derzeit nicht mehr angebauten Sorten, bieten die Chance, gegenüber Klimaveränderungen resistenter zu sein. Auf ihnen sollte der Hauptfokus liegen. Aber es stimmt: Crispr/CAS funktioniert anders als die transgene Gentechnik. Deshalb muss man die Debatte neu führen. Befürworter wie Kritiker dürfen sich dabei nicht gegenseitig unterstellen, voreingenommen zu sein. Was die gesetzliche Zulassung betrifft, hat der Europäische Gerichtshof das Maßgebliche gesagt. Das Vorsorgeprinzip muss auch in diesem Zulassungsverfahren angewandt werden. Der Einsatz von Gentechnik ist aber auch eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz und muss deshalb breit diskutiert werden.

top agrar: Schleswig-Holstein ist Vorreiter, was erneuerbare Energien angeht. Wird unsere Energie irgendwann zu 100 % aus regenerativen Quellen kommen?

Habeck: Ich halte es für möglich, wenn auch sehr anspruchsvoll, dass wir 2030 unseren Strombedarf vollständig aus erneuerbaren Energien decken. Es erscheint mir jedoch nicht realistisch, dass wir darüber hinaus die komplette Versorgung von Industrie, dem Verkehrs- und Wärmebereich auf der Fläche Deutschlands sichern können. Wir werden Energie-Importe benötigen, z.B. aus dem Sonnengürtel von Marokko bis zur arabischen Halbinsel. Indem wir differenzierte Preissignale geben, der Strom also günstiger wird, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht, könnten wir vorhandene Ressourcen zudem effizienter nutzen.

top agrar: Was tun Sie persönlich, um ihren CO2-Fußabdruck zu verkleinern?

Habeck: Ich fahre, wenn ich irgendwie kann, Zug, inklusive Nachtzug. Auch wenn es manchmal länger dauert oder frühes Aufstehen erfordert. Ich esse seit Jahren kein Fleisch und versuche tierische Produkte zu meiden. Seit die Kinder groß sind, besitzen wir kein Auto mehr. Als sie noch zur Schule gingen, waren wir allerdings darauf angewiesen. Damit will ich sagen: Wir sind alle in Zwänge eingebunden. Sei es finanziell oder weil wir schnell von A nach B kommen müssen. Das gilt für grüne Politiker ebenso wie für Landwirte. Daher erwarte ich nicht bessere Menschen, sondern bessere Politik.

top agrar: Politik, die es einfacher macht, umweltbewusst zu leben?

Habeck: Ja. Nehmen wir das Beispiel Kleidung. Wissen Sie, zu welchen Bedingungen ihr T-Shirt hergestellt wurde? Weiß ich das über mein T-Shirt? Nein. Wir haben es gekauft, weil es günstig war, gut passt oder uns gefällt. Was wäre aber, wenn in Deutschland nur noch T-Shirts angeboten würden, die umweltschonend und unter guten Arbeitsbedingungen gefertigt werden – dafür aber etwas teurer sind? Wären wir ernsthaft dagegen? Vermutlich nicht. Solche Standards sind es, die die Politik setzen muss. Deshalb haben wir ein Lieferkettengesetz vorgeschlagen, das sicherstellt, dass keine T-Shirts aus Kinderarbeit bei uns verkauft werden. Das gilt genauso für den Lebensmittelbereich: Auch hier muss die Politik Regeln festlegen.

top agrar: Wie meinen Sie das?

Habeck: Die Produktionsbedingungen müssten einheitlich so sein, dass die Verbraucher bei der Kaufentscheidung entlastet werden, und nicht mehr jedes Qualitätssiegel oder Label kontrollieren müssen. Gleichzeitig muss aber auch ein fairer Lohn für die Landwirte sichergestellt werden. Das geht aber nur zu einem höheren Preis.

top agrar: Sie stammen vom Land nahe Flensburg. Fühlen Sie sich auf dem Land oder in der Stadt zu Hause?

Habeck: Ich bin in Schleswig-Holstein im ländlichen Raum groß geworden. Meine Identität ist dort geformt worden. Meine prägenden politischen Jahre waren die Zeit als Minister dort. In dieser Zeit war ich auch für die ländlichen Räume zuständig.

top agrar: Haben Sie das Gefühl, dass Stadt und Land immer weiter auseinanderdriften?

Habeck: Ja. Die Problemlagen in den Städten und im ländlichen Raum sind völlig unterschiedlich. Wohnungsnot in der Stadt, Leerstand auf dem Land. Verkehrskollaps dort, keine Busse und Bahnen da. Der Fokus und die Berichterstattung liegen aber meistens auf den Städten. Autofahrten ersetzen? Das kann man im ländlichen Raum vergessen, wenn gar kein Bus mehr fährt oder nur zweimal am Tag ein überfüllter Schulbus. Es gibt allerdings durchaus kluge Konzepte, um gegenzusteuern.

top agrar: Wie könnte man konkret die Mobilität verbessern?

Habeck: Viele Kommunen haben die Idee des „Car-Sharing“ aus den Großstädten übernommen, Ausgangspunkt war Klixbüll in Schleswig-Holstein. Sie haben Elektroautos als Gemeindefahrzeuge angeschafft. Diese standen den Einwohnern immer dann zur Verfügung, wenn sie gerade nicht gebraucht wurden. Das ersetzt nicht den Bus, erst recht nicht den Schulbus. Aber es schafft eine Struktur, die für manche Familien die Anschaffung des Zweitwagens überflüssig macht. Sicherlich löst das nicht alle Probleme, aber es könnte die Situation ein Stück weit entspannen.

top agrar: Viele Dorf- und Landbewohner beklagen die fehlende Infrastruktur im Ort.

Habeck: Wenn die alten Strukturen im Ort porös werden, muss man neue schaffen. Wir haben damals in Schleswig-Holstein die sogenannten Markttreffs eingeführt, wenn ein Dorf Gefahr lief, Post, Lebensmittelgeschäft und Bank zu verlieren. In einem Markttreff wurden vom kleinen Supermarkt über den Bankschalter und die Postfiliale bis hin zum Café alles unter einem Dach zusammengebracht. Das Ganze wird aus EU-, Bundes- und Landesmitteln gefördert, tragen musste sich der Treff anschließend selbst. Oft ging die Initiative zum Zusammenschluss von den Supermärkten aus. Als die Betreiber herausfanden, dass sie über eine E-Ladesäule auch noch eine Tankstellenlizenz bekommen und abends länger aufmachen können, hatte der Ort auf einmal ein neues Zentrum.

top agrar: Gerade Familien mit Kindern zweifeln, ob ein Dorf ohne Schule für sie infrage kommt.

Habeck: Ja, auch für mich und meine Familie waren die Schule, die Kita sowie die Arzt- und Zahnarztpraxis die ausschlaggebenden Kriterien für die Ortswahl. Eine gewisse Lockerung bei den Schülerzahlen scheint mir, mindestens für die Grundschulen, wichtig zu sein: Kurze Beine, kurze Wege! Gleichzeitig muss man anfangen, kreativ zu denken. Etwa bei den nötigen Anschauungsmaterialien für den Bio- und Chemieunterricht, die vielleicht nicht alle Schulen vorhalten können. Busse, die als rollende Labore oder Chemieräume ausgestattet werden und die Schulen anfahren, könnten die Qualität des Unterrichts an vielen Schulen sichern. Dafür müsste es nur gelingen, die Stundenpläne verschiedener Schulen aufeinander abzustimmen. Würde man weitere Busse mit Hightech ausstaffieren, hätte man plötzlich eine neue Struktur geschaffen. Eine Struktur, die sogar Dorfschulen Zugang zu einem 3D-Drucker ermöglichen könnte, ohne dass man in jeder 2.500-Einwohner-Gemeinde einen eigenen 3D-Drucker anschaffen müsste – und am Ende niemanden hat, der ihn bedienen kann. Beides sind Beispiele aus der Praxis.

top agrar: Themawechsel: Wie stehen Sie zum Wolf?

Habeck: Wir sollten aufhören, darüber zu streiten, ob wir Wölfe in Deutschland haben wollen oder nicht. Sie wieder auszurotten ist eine falsche Forderung. Es geht darum, wie wir damit umgehen. Natürlich muss Nutztierhaltung und vor allem Weidehaltung weiter möglich sein. Letztere ist ja eine extensive Form der Nutztierhaltung, die wir wollen und brauchen. Es geht also darum, wie Nutztierhalter ihre Herden besser schützen können, z.B. durch Zaunsysteme oder den stärkeren Einsatz von Hütehunden. Erfahrungen aus Brandenburg, einem Bundesland mit großer Wolfspopulation, zeigen, dass das möglich ist. Wölfe, die z.B. die Scheu vor Menschen verloren haben oder regelmäßig zur Koppel kommen, dürfen auch schon heute vergrämt oder getötet werden. Da hat der Naturschutz dazu gelernt. Er sieht inzwischen das Schutzbedürfnis der Tierhalter und kommt ihm entgegen.

top agrar: Wobei finden Sie Entspannung?

Habeck: Die größte Entspannung ist es für mich, zu joggen, lange zu laufen. Aber der Kalender lässt das leider zu selten zu.

top agrar: Herr Habeck, vielen Dank für das Gespräch.

Robert Habeck ist neben Annalena Baerbock Bundesvorsitzender der Grünen. Von 2012 bis 2017 war er Minister für Energiewende, Landwirtschaft und Umwelt in Schleswig-Holstein.


Diskussionen zum Artikel

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von Andreas Gerner

Irrtum; Bitte die Folgen überdenken!

In weiten Teilen des Interviews überrascht mich Herr Habeck positiv (leider sind viele Grüne da schlimmer drauf). Aber sein Vorschlag, einen Markt für extensivere Produktion, für Umwelt, für Klimaschutz zu schaffen, beinhaltet einen gewaltigen Widerspruch bzw. Irrtum: Extensiv zu produzieren, hilft dem Klima nur auf den ersten Blick. Denn wenn auf der extensiven Fläche dann zwangsläufig weniger wächst, wird auch deutlich weniger CO² aus der Luft gebunden. Die Einspareffekte werden zunichte gemacht. Schlimmer noch: Um den Nahrungsbedarf trotzdem zu decken, muss die fehlende Menge dann anderswo produziert werden. Im großen Stil geschieht das derzeit in Brasilien, wo man zur Ackergewinnung den kostbaren Regenwald brandrodet. Krasser kann man dem Klima, der Umwelt und der Artenvielfalt nicht schaden.

von Eckhard Piel

Was soll das.

Warum gibt man solch einem Politiker in der TopAgrar eine Plattform. Tut mir wirklich leid, aber versucht diese Zeitung uns auch zu indoktrinieren. Ich werde gleich mein Abo kündigen.

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