Waldschäden: Mehr Natur wagen?

Wir haben mit Hans von der Goltz über die aktuelle Lage im Wald und über mögliche Konsequenzen gesprochen.

Herr von der Goltz, Sie haben jahrzehntelange Erfahrung als Förster. Wie nehmen Sie die Waldsituation wahr?

Hans von der Goltz: Im Vergleich zu früher, als es lokal begrenzte Kalamitäten, wie z.B. Stürme gab, beobachten wir heute bundesweit einen Vitalitätsverlust bei allen Baumarten, des ganzen Waldes. Und dazu kommt eine kaum kalkulierbare Schädlingsdisposition, die nicht zwangsläufig mit dem Grad des Vitalitätsverlustes korreliert.

Sie meinen, die Schädlinge befallen nicht ausschließlich die am stärksten geschwächten Bäume?

Hans von der Goltz: Genau, die Schädlinge gehen nicht zwangsläufig nur dorthin, das Ausmaß ist viel größer. Im Sauerland finden Sie Totalverluste in der Fichte durch den Borkenkäfer mittlerweile bis auf 840 m Höhe, da waren die Bäume eigentlich nicht so stark von der Trockenheit betroffen. Oder in den Elbauen sterben die Eichen durch den Prozessionsspinner und in Thüringen oder Hessen großflächig die Buchen – obwohl sie immer ausreichend mit Wasser versorgt waren. Es lässt sich derzeit kaum abschätzen, was da noch kommt.

Müssen wir mit komplett kahlen Regionen rechnen?

Hans von der Goltz: Wir können in Deutschland glücklich sein, dass wir viele Mischbestände haben. Wenn die Fichten-Kiefern- oder Buchenreinbestände mancherorts zu 100% verloren sind, ist der Wald mit all seinen Funktionen für Eigentum und Gesellschaft auch für Jahrzehnte verloren.

In Mischwäldern z.B. mit Fichte, Buche und Bergahorn stirbt vielleicht die Fichte. Die beiden anderen Baumarten bleiben, wenn auch geschwächt, am Leben. Der Wald mit seinen Funktionen bleibt erhalten. Dass gemischte Bestände überleben, zeigt uns, dass dieser Ansatz funktioniert.

Wo liegen weitere Ursachen für die Waldschäden?

Hans von der Goltz: Die Fichte ist ein sehr ertragreicher Baum. Sie wurde deshalb oft auch auf Standorten gepflanzt, die z.B. weniger als 700 mm Jahresniederschlag haben, und eigentlich für sie schon immer nicht geeignet waren. Dass die Bestände hier nicht durchhalten ist nachvollziehbar.

Aber mittlerweile sind auch Regionen mit mehr als 900 mm betroffen. Denn der Niederschlag verteilt sich nicht mehr so gleichmäßig, und lange Trockenperioden werden zum Problem.

Ein weiterer, weniger bekannter Stressfaktor sind die extrem hohen, früher kaum erreichten Temperaturen. Bei mehr als 40°C kollabiert der interne Wasserhaushalt einiger Baumarten förmlich – auch wenn die Wurzeln noch genug Feuchtigkeit haben. Das trifft Baumarten, die eigentlich als robust gelten, z.B. die Buche oder die Kiefer.

Welche Baumarten sind neben der Fichte besonders betroffen?

Hans von der Goltz: Beispielsweise leidet die Esche unter dem Triebsterben, der Ahorn unter der auch für den Menschen gefährlichen Rußrindenkrankheit. Bei Buche und Eiche beobachten wir die Komplexerkrankungen mit mehreren Faktoren. Die Kiefer ist unter Druck. Jetzt trifft es auch die Douglasie: Der Douglasien-Borkenkäfer und zwei Pilzarten verursachen erste Schäden. Diese und andere Schadorganismen wie der Asiatische Prachtkäfer kommen über globalisierte Handelsströme zu uns.

Mancherorts sterben sogar auf sonst gut mit Wasser versorgten Standorten die Birken. Unter dem Strich ist derzeit fast jede Baumart betroffen. Das nimmt ein beängstigendes Ausmaß an, da es zunächst so scheint, als gingen einem die Perspektiven aus.

Was hat Sie dabei besonders überrascht?

Hans von der Goltz: Dass Fichten-Bestände an Standorten ausfallen, wo dieser Baum nicht hingehört, war zu erwarten. Dass es aber im Schwarzwald auf für sie besonders gut geeigneten Standorten auch die Weißtanne trifft – damit habe ich persönlich nicht gerechnet. Denn hier sind diese Bäume im Optimum. Ihr bisheriges Wohlfühlleben wird ihnen nun zum Verhängnis. Denn die Bäume brauchten sich nie anzustrengen, um zu überleben. Wasser war immer reichlich vorhanden. Schäden durch Trockenheit finden wir vor allem auf den besten Standorten.

Bäume, die weniger gute Bedingungen haben, sind stresserprobter. Sie überleben die aktuelle Situation eher. Das gilt gerade jetzt für die jungen Bäume, die sich noch auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen können. Sie werden später oft robuster sein. Es ist wie beim Menschen: Man braucht regelmäßig Herausforderungen, das hilft, vorbereitet zu sein.

Was macht die Situation generell mit den Waldbesitzern und Förstern?

Hans von der Goltz: Ich nehme hier eine zunehmende Resignation wahr. Wenn Sie früher eine lokal begrenzte Kalamität hatten, haben Sie den Schaden beseitigt, ein Aufforstungskonzept entwickelt und umgesetzt. Der Wald war immer eine verlässliche Sparkasse. Heute brennt es an allen Ecken und Kanten. Dass alle Baumarten fast überall betroffen sind, führt dazu, dass die Bindung bzw. das Vertrauen zum Wald und auch oft die Hoffnung – es wird schon weitergehen – verloren geht.

Wie beurteilen Sie die Waldsituation aktuell?

Hans von der Goltz: Vieles hängt mit dem Grundwasserstand zusammen. Während sich die Lage im Norden und Süden Deutschlands entspannt hat, ist ein breiter, diagonaler Streifen vom...