Forstmagazin

Klimawandel: Fichten durch Tannen ersetzen? Premium

Die Weißtanne kommt besser mit extremen Bedingungen klar als die Fichte. Wir haben zwei Förstern diskutiert, wie sich diese Baumart in Dauerwald-Konzepte einbringen lässt.

Die Fichte ist der Brotbaum vieler Waldbauern. Stürme, Dürre und Borkenkäfer setzen der Fichte extrem zu. „Der Klimawandel wirkt sich viel schneller aus, als wir erwartet haben. Wir müssen jetzt darauf reagieren und schnellstmöglich, aber verantwortungsvoll den Umbau zum klimastabileren Mischwald konsequent verfolgen“, sagt Hans von der Goltz. Von der Goltz ist seit 2007 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) und bundesweit gefragter Experte in diesem Thema.

Wir treffen ihn zusammen mit Christian Bröker in Schmallenberg im Sauerland. Christian Bröker ist einer der beiden Stadtförster. Zusammen mit seinem Kollegen Siegfried Hunker bewirtschaftet er die 2890 ha möglichst naturnah. Wir haben mit den Experten vor allem über zwei Themen diskutiert, die in der ANW als Projekte laufen: das Biowild- Projekt und die Weißtannen-Offensive.

Wichtige Weißtanne

Der Weißtanne kommt künftig eine deutlich stärkere Bedeutung zu. Ihr Anteil war in der Industrialisierung vor allem durch die Schwefelemissionen erheblich zurückgegangen. Durch die Entschwefelung ist diese Belastung weggefallen. Heute ist die klimastabilere Weißtanne ein Nadelbaum mit Zukunft und ein Hoffnungsträger im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Ein ausschließlicher Fokus auf Laubbaumarten, wie es einige fordern, lässt künftig Versorgungslücken bei heimischem Bauholz entstehen. Die wirtschaftliche Bedeutung des Nadelholzes ist hoch. Heute kommen rund 85% der Einkünfte der Forst- und Holzwirtschaft aus der Verarbeitung dieser Hölzer.

Die Weißtanne ist eine heimische Baumart und ökologisch unbedenklich – also ein Nadelholz, das auch der Naturschutz akzeptieren kann. Sie ist klimastabiler als die Fichte und in der Lage, auf vielen Standorten zu wachsen – durch ihr tiefes Wurzelwerk sogar auf schwierigen Böden wie Pseudogley. Die tief reichende Pfahlwurzel macht die Weißtanne zudem weniger anfällig gegenüber Trockenperioden und Stürmen. Sie verträgt Schatten sehr gut und bringt bis ins hohe Alter erheblichen Massenzuwachs.

Viele Forstleute sind überzeugt, dass die Weißtanne auch im Flachland oder sogar in Küstennähe gut klarkommt, wofür es bereits überraschende Beispiele gibt. Es setzt sich die Auffassung durch, dass sie in der Geschichte nur deshalb nicht weiter über die Mainlinie hinausgekommen ist, weil sie die dort überwiegend propagierte Kahlschlagwirtschaft und oft hohen Wildbestände nicht toleriert. Die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft hat 2017 die Weißtannen-Offensive gestartet. Ziel ist es, die Weißtanne künftig auch dort, wo sie bisher nicht vorkommt, auf für sie geeigneten Standorten in Mischwäldern zu etablieren.

Nachteil Verbissgefährdung

Die Weißtannen-Offensive und das Biowild-Projekt sind eng miteinander verknüpft. Denn die Weißtanne lässt sich in Regionen mit überhöhten Schalenwildbeständen kaum etablieren – ihre Verbissgefährdung ist einer ihrer größten Nachteile.

Hans von der Goltz sieht einen angepassten Wildbestand als zwingende Voraussetzung für den naturnahen Waldbau – hin zu Dauerwäldern mit verschiedenen Arten in allen Altersklassen, die sich vor allem natürlich verjüngen.

Das geförderte Biowild-Projekt der ANW läuft seit etwa vier Jahren. Es geht darum, für Waldbesitzer und Jäger Möglichkeiten zu entwickeln, die Auswirkungen des Wildbestandes auf die Vegetation realistischer zu beurteilen. Dazu haben die Macher des Projekts bundesweit fast 250 sogenannte Weisegatter aufgebaut. Diese 10x10 m großen Gatter zeigen, wie sich der Wald ohne Wildeinfluss entwickeln würde. Je größer der Kontrast zwischen der Vegetation im geschützten Bereich und den Vergleichsflächen in der Nachbarschaft, desto höher ist der Einfluss des Wildes. Aus diesen Beobachtungen lässt sich das Abschussziel ableiten. Hans von der Goltz ist überzeugt, dass die bisherigen Methoden der Zählung des Wildbestands als Grundlage der Abschussplanung einfach zu ungenau sind.

Vor allem Rehe sind Feinschmecker: Sie verbeißen gezielt die seltenen Baumarten, und gerade auf diese Baumarten fokussiert sich die naturgemäße Waldwirtschaft: Mischbaumarten stabilisieren die Bestände und streuen das Risiko. Reinbestände fallen teils Kalamitäten zum Opfer – zurück bleiben freie Flächen mit allen Nachteilen. Fallen in Mischbeständen bestimmte Baumarten aus, wachsen die übrigen weiter, der Wald bleibt erhalten. Vor allem nach dem Orkan Kyrill hat ein Umdenken eingesetzt. Die Fichte in Reinkultur wird heute – vor allem in älteren Beständen – als besonders anfällig angesehen. Doch auch die „Alternativen“ wie Douglasie oder...

Weiterlesen mit PREMIUM
Jetzt 30 Tage gratis testen
Mehr erfahren

Soviel Stickstoff und Phosphor gelangt aus Kläranlagen in Oberflächengewässer

Meldung verpasst? Wir verhindern, dass Sie nicht mitreden können. Tragen Sie sich jetzt für unseren Newsletter ein und wir benachrichtigen Sie über alle wichtigen Ereignisse rund um die Landwirtschaft.

Artikel geschrieben von

Guido Höner

Chefredakteur top agrar

Schreiben Sie Guido Höner eine Nachricht


Diskussionen zum Artikel

Kommentar schreiben

von Josef Doll

Wie schrieb ich vor 10 Jahren

Wenn der Klimawandel alle 15 Jahre eine "super" Trockenheit , Monsumregen oder einen solchen Sturm gibt ------ Haben wir alle 5 Jahren zumindest im Durchschnitt eine KATASTHOPE. Und ohne Wasser wächst auch kein Baum , zumindest da wo.......... Somit glaube ich das zumindest die Landwirtschaft ihre Energie die Sie braucht in der Zukunft selbst regenerativ erzeugen kannn-------- Wenn man Sie Politisch auch lässt !!

Diskutieren Sie mit

Tragen Sie mit Ihrem Beitrag zur Meinungsbildung zu diesem Artikel bei.

Sie müssen sich anmelden um Kommentare zu bewerten

Abbrechen

Sie haben noch kein Benutzerkonto?

Benutzerkonto erstellen