Allein auf weiter Flur? Premium

Einsamkeit ist in der Gesellschaft auf dem Vormarsch. Warum Landwirte sich oft allein fühlen – und was wir dagegen tun können.

Einsamkeit: Erst einmal fällt es schwer, sich dieses Gefühl auf einem Bauernhof vorzustellen. Ist das Hofleben nicht das genaue Gegenteil davon? Schließlich handelt es sich zumeist um Mehrgenerationen-Haushalte, deren Mitglieder miteinander arbeiten, in der Region verwurzelt und in dörfliche Aktivitäten eingebunden sind. Hier sollte, ja dürfte Einsamkeit kein Thema sein.

Ältere und Workaholics

Und doch: Das Gefühl des Allein- und Verlassenseins, das in der heutigen Gesellschaft immer mehr Raum einnimmt, macht auch vor den Höfen nicht halt. Das bestätigen Kenner der landwirtschaftlichen Szene, etwa Anne Dirksen von der Landwirtschaftskammer in Niedersachsen oder Constanze Brinkmann, Leiterin der landwirtschaftlichen Familienberatung, Oesede. Viele Landwirte fühlen sich ausgegrenzt und ziehen sich zurück, sagen sie. Was sind die Gründe?

Es gibt Risikofaktoren, die Einsamkeit begünstigen. Gefährdet sind neben älteren Menschen mit eingeschränkter Mobilität auch Singles und Workaholics. Außerdem haben Männer ein höheres Risiko, zu vereinsamen. Sie verfügen in der Regel über ein kleineres Netzwerk als Frauen. Das macht sie verwundbarer in Krisenzeiten, z.B. wenn der Partner erkrankt oder stirbt.

In Deutschland gelten bis zu fünf Prozent der Bevölkerung als betroffen. Das Gefühl, von anderen Menschen abgeschnitten zu sein, kann Auswirkungen auf die seelische und sogar auf die körperliche Gesundheit haben.

In der Arbeitsfalle

Wegen des hohen Arbeitspensums auf den Höfen halten Fachleute auch Landwirte für eine Risikogruppe. In den letzten Jahren ist es durch Bürokratie-Vorgaben, Dokumentationspflichten oder unternehmerische Entscheidungen oft noch gewachsen.

Vermutlich würde sich kein Landwirt als „Workaholic“ bezeichnen. Doch die Aufgabenflut erreicht locker ähnliche Ausmaße. Oftmals bleibt den Betriebsleitern gar nichts anderes übrig, als sich aus dem sozialen Leben weitgehend auszuklinken – sie würden sonst ihre Arbeit nicht schaffen. Nach Feierabend haben viele zudem keine Kraft mehr, sich auch noch unter Leute zu mischen. Stattdessen wollen sie nur die Beine hochlegen – verständlicherweise. Die Tatsache, dass es für viele Betriebe kaum mehr geeignete Mitarbeiter auf dem Markt gibt, verstärkt die Arbeitsfalle für die Landwirtsfamilien.

Rückzug als Antwort

Dazu gesellt sich bei vielen Landwirten das Gefühl, für viele Probleme der heutigen Zeit fast allein verantwortlich gemacht zu werden: Ob Insektensterben, Antibiotikaresistenzen oder schlicht Lärmbelästigung während der Ernte – Druck bekommen Landwirte von allen Seiten zu spüren. Von...

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