Wie soll es weitergehen? Premium

Liebe Leserinnen, liebe Leser, hier finden Sie die Briefe und E-Mails, die uns zum Thema Milchkrise erreichten. Danke an alle Einsender und Autoren. Wenn auch Sie uns Ihre Situation schildern möchten, bitte mailen Sie uns: landleben@topagrar.com.

Liebe Leserinnen, liebe Leser, hier finden Sie die Briefe und E-Mails, die uns zum Thema Milchkrise erreichten. Danke an alle Einsender und Autoren. Wenn auch Sie uns Ihre Situation schildern möchten, bitte mailen Sie uns: landleben@topagrar.com. Ihre top agrar-Redaktion, Ressort Landleben     Katja Mertens, 19, Abiturientin, Würselen bei Aachen: Seit ich denken kann, ist mein Berufswunsch klar: Landwirtin! Ich will den Milchvieh- und Ackerbaubetrieb meiner Eltern übernehmen. Doch jetzt, in der Milchkrise, bewegt sich alles auf sehr dünnem Eis. Für mich steht eine schwierige Entscheidung an: Ausbildung oder Studium? Landwirtschaft – oder sicherheitshalber doch lieber eine andere Ausrichtung? Wochen und Monate habe ich hin- und herüberlegt. Zurzeit gehe ich davon aus, dass ich im Oktober ein BWL-Studium beginne und danach eine landwirtschaftliche Ausbildung mache. So halte ich mir möglichst viele Wege offen. Ich bin mir sicher, dass unser Betrieb auf Dauer nicht im Haupterwerb zu führen ist. Leider. Wir bewirtschaften 75 ha Ackerbau und haben 35 Milchkühe inkl. Nachzucht. Ich werde mich darauf einstellen müssen, nach dem Studium einem Beruf nachzugehen und meinen Betrieb zuhause im Nebenerwerb zu führen. Von allen Seiten, sogar von guten Freunden, höre ich: „Schaff die Kühe ab, dir geht’s dann besser. Tu Dir selbst den Gefallen!“. Ich frage mich: Soll ich denn alles, das die letzten 19 Jahre für mich zählte, einfach so aufgeben, weil es gerade schwierig ist? Ich weiß nicht, ob und wann es besser wird, aber Aufgeben ist die letzte Möglichkeit. Ich habe wenige Menschen um mich herum, die mich wirklich unterstüzten. Ein Lichtblick für mich ist, zur Beruhigung aus dem Fenster zu gucken und meine Kühe beim Grasen zu beobachten. Das hilft zwar nicht auf die Dauer, aber wenigstens für den Moment. Ich frage mich oft, wie meine Zukunft aussehen wird. Haben wir in zehn Jahren noch Kühe? Wie sieht es privat aus? Hab ich überhaupt die Möglichkeit auf eine Familie, wenn ich morgens arbeiten gehe und danach meinen Betrieb manage? Was passiert, wenn sich die finanzielle Lage weiter verschärft? Tausende Fragen, keine Antworten. Hätte ich nicht die Unterstützung von meinem Freund und meinem Vater, sähe es jetzt wahrscheinlich schon dunkel aus. Es ist nicht nur die Arbeit draußen, sondern auch die Bürokratie drinnen, welche die komplette Familie belastet. Anstatt einfacher wird alles nur schwieriger. Als größte Bedrohung sehe ich den derzeitigen Milchpreis. Zum Glück haben wir keinen neuen Stall gebaut! Morgens und abends wären es dann zwar keine vier Stunden Stallarbeit mehr, aber ob es unsere Kühe dann noch gäbe, ist fraglich. Wahrscheinlich nicht. Morgens aufstehen und Angst vor dem Blick aufs Konto zu haben – das ist nicht meine Lebensphilosophie, aber leider Realität. In Zukunft wird es vermutlich aber auch bei uns so kommen, dass wir neue Möglichkeiten schaffen werden. Ob in Form von Direktvermarktung zum Beispiel. Es muss sich etwas ändern! Wenn ich an meinen Abiturjahrgang denke, und sehe wie alle ihre schulfreie Zeit genießen und billige Milchshakes am Strand von Dubai trinken, dann frage ich mich wirklich, was ich verkehrt mache, wenn ich mich dafür verantwortlich fühle, eine Gesellschaft zu ernähren. Eine Gesellschaft von teils sehr schwierigen Menschen. Manchmal bin ich skeptisch und frage mich wirklich, wie es ist, keine Kühe mehr zu haben. Doch mitten im Satz denke ich dann: Blödsinn! Und gucke wieder nach vorne. Auch für meinen Vater ist die Situation belastend, sein Lebenswerk droht zu scheitern. Das, womit und wofür er seine ganze Lebenszeit verwendet hat, muss jetzt eine schwierige Zeit überstehen oder aufgegeben werden. Ich denke, wenn alle zusammenhalten, ist diese Phase zu überstehen. Und dabei lasse ich mich gar nicht ein – auf den Gedanken von einem Leben ohne Milchvieh.     Anonyme Absenderin: Vor mittlerweile 20 Jahren habe ich auf diesen Milchviehbetrieb eingeheiratet. Ich habe vorher im öffentlichen Dienst gearbeitet – dann für 12 Jahre pausiert, um mich um unsere zwei Kinder und die Weiterentwicklung des Betriebes zu kümmern. Wir haben kräftig investiert und auf 250 Kühe aufgestockt. Meine Stelle im öffentlichen Dienst habe ich kürzlich gekündigt, da sich Wochenenddienst, Nachtschicht und Überstunden nicht mehr mit den Abläufen auf dem Hof vertrugen. Zudem merkte ich, dass die Belastung, arbeitsmäßig und psychisch, meinen Mann immer mehr angriff. Bei mir kamen Ängste auf, dass mein Mann plötzlich ausfallen könnte. Diese Sorgen habe ich weiterhin. Hinzu kommt der finanzielle Druck und das ohnmächtige Gefühl, weitermachen zu müssen. Momentan hat man wenig Lust, Freunde einzuladen oder auszugehen. Man teilt sich seine Kräfte ein und versucht, in der Freizeit aufzutanken. Ich persönlich hätte es niemals für möglich gehalten, dass wir in eine derart schwierige Situation geraten würden. Auch mich trifft es tief, wenn ich sehe, wie unsere Milchprodukte im Supermarkt verschleudert werden. Aber die Krise bewirkt auch, dass man sich Gedanken macht – über seine Mitmenschen, unsere Berufsvertretung, den Weltmarkt, die großen Konzerne. Wir machen weiter und hoffen...     Benjamin Sinn, 27, Landwirt und Winzer aus Pfedelbach, Hohelohekreis, Baden-Württenberg: Angst, Verzweiflung, Depression: Sie sind momentan ein großes Thema bei uns Landwirten und bei uns in der Landjugend. Wir haben alle Angst vor der Zukunft und Verzweifeln in der Gegenwart an Aufgaben, die bald unbezwingbar scheinen. Der Milchpreis ist im Keller. Klar, dass darüber viel diskutiert wird. „Zu viel Menge“ und „zu billig“ sind da nun mal die Schlagworte. Nun kann ich Euch genau sagen wie die Situation auf den Höfen ist: Die Verzweiflung macht sich in allen Situationen breit! Wir müssen Kosten senken. Alles was uns einfällt, wird eingespart. Überall wird geschraubt, damit wir das Nötigste bezahlen können, die Tiere satt kriegen und alle versorgt sind. Für einen selber bleibt da herzlich wenig über! Habt Ihr selbst schon mal Geld mit zur Arbeit genommen? Genauso fühlen wir uns nun mal. Die Zukunftsplanung ist momentan eingestampft. Man lebt nur noch so, dass man hofft, das nächste Jahr noch als Betrieb erleben zu können. Wir wollen kein Mitleid! Das Einzige was uns fehlt, ist die Akzeptanz! Wir kämpfen momentan, damit die Familie zusammenhält und eine wirklich schwere Zeit übersteht. Und dann hört man aus Funk und Fernsehen wieder Schlagzeilen wie "Landwirte sind Umweltverschmutzer, Landwirte sind Tierquäler!" Was glaubt Ihr denn eigentlich, warum wir von morgens bis abends, von 6 bis 20 Uhr, in den Ställen stehen und auf den Feldern arbeiten? Doch wohl nicht, um der Bevölkerung zu schaden! Wir sind doch schließlich auch nur Menschen. Hinter so einem Betrieb steht eine ganz normale Familie. Eine Familie, die sich wünscht, den Betrieb der Ur-Ur-Urgroßeltern weiterführen zu können! Wir machen unsere Arbeit mit Liebe und Leidenschaft! Wenn man sich für die Landwirtschaft einsetzt (bin in der Landjugend aktiv, zurzeit Vorsitzender der Kreislandjugend Hohenlohe) und dann deswegen runtergemacht wird, weil es eine Gemeinschaft gibt, die uns wohl für die schlechtesten Menschen der Welt halten, ist das schwer zu verstehen und zu verkraften. Jeder hat seine eigene Meinung! Jeder sollte sich allerdings erst einmal ein Bild zu seiner Meinung machen und sich damit beschäftigen, bevor er ein großes Mundwerk hat und gegen alles wettert, das uns Landwirte betrifft! Die Landwirtschaft kommt uns momentan vor wie ein sinkendes Schiff. Jeden Tag werden Hoftore geschlossen, der Strukturwandel setzt sich fort bis kein Vollerwerbslandwirt im Dorfe übrig bleibt. Langsam aber sicher geht ein ganzer Berufszweig zugrunde. Wir machen unsere Arbeit doch für die Bevölkerung! Für Euch alle! Anonym, Landwirtsfrau, 47: Wie es uns geht? Beschissen! Man sollte nicht so harte Worte verwenden, aber leider ist das der zutreffendste Ausdruck für die aktuelle Situation. Mein Mann und ich sind beide 47 Jahre alt. Wir haben zwei Kinder (18 und 15), dazu den Altenteiler. Wir bewirtschaften einen Betrieb mit 100 Milchkühen. Nur wenige Hektar können wir unser Eigen nennen, wir müssen viel dazupachten. Eigentlich sind wir ein ganz normaler, kleiner Familienbetrieb, wie ihn der Verbraucher gerne haben möchte. Wir arbeiten von morgens fünf bis abends sieben. Jeden Tag. ...

Weiterlesen mit PREMIUM
Jetzt 30 Tage gratis testen
Mehr erfahren

Arbeiten auf einer 840.000-Hektar-Farm

Meldung verpasst? Wir verhindern, dass Sie nicht mitreden können. Tragen Sie sich jetzt für unseren Newsletter ein und wir benachrichtigen Sie über alle wichtigen Ereignisse rund um die Landwirtschaft.


Diskussionen zum Artikel

Kommentar schreiben

Diskutieren Sie mit

Tragen Sie mit Ihrem Beitrag zur Meinungsbildung zu diesem Artikel bei.

Sie müssen sich einloggen um Kommentare zu bewerten

Abbrechen

Sie haben noch kein Benutzerkonto?

Benutzerkonto erstellen